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Psychiater über den Täter vom Ernst-Reuter-Platz: Warum ein Mensch andere vor die U-Bahn stößt

Im U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz hängen Fotos des Opfers.

Im U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz hängen Fotos des Opfers.

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Ute Giersch

Der erschütternde Fall der vor die U-Bahn gestoßenen Amanda wird viele Berliner noch längere Zeit beschäftigen. Davon ist der Psychiater Werner Platz überzeugt. „Wir stehen ja alle mal auf dem Bahnsteig der U-Bahn.“ Spätestens dort würden sich die Menschen dann mitunter an den Fall erinnern.

„Es verstört die Menschen, dass eine völlig unbeteiligte Person plötzlich und willkürlich getötet wird.“ So greife die Angst um sich, dass es jeden treffen könne. „Wenn jemand umgebracht wird, sind das sonst meist Beziehungstaten“, sagt Platz, der als psychiatrischer Gutachter beim Landgericht Moabit arbeitet.

Viele Motive, viele Tätertypen

Für rein willkürliche Taten kommen laut Platz verschiedene Tätertypen infrage: Zum einen gibt es Menschen, die antisozial eingestellt sind. Andere gehörten einer bestimmten Subkultur oder Ideologie an, die mit Aggression verbunden ist. „Zum Beispiel religiöse und nationalistische Fanatiker.“

Weiterhin gebe es situationsabhängige Täter, die wegen eines Streits gewalttätig werden oder weil sie Drogen konsumiert haben. „Vor allem Kokain und Amphetamine wirken direkt auf das Aggressionszentrum im Gehirn.“ Und dann gebe es Schizophrene, die befehlende Stimmen in ihrem Kopf wahrnehmen. „Sie haben das Gefühl, ihnen wird eine Tat befohlen“, sagt Platz.

Vom 28-jährigen Täter heißt es, er sei womöglich schizophren und nicht schuldfähig. Platz sagt, dass ein solche Schizophrenie meist zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr auftrete. „Um die Schuldfähigkeit festzustellen, muss ich die ganze Vorgeschichte und Fremdanamnese kennen.“

In anderen Ländern sind die Menschen aufmerksamer

Das seien frühere Behandlungen und Polizeiberichte. Erst dann komme die eigene Untersuchung. Auffällig sei, dass das Opfer eine Frau sei. Hier müsse zumindest geprüft werden, ob ein Hass auf Frauen vorliege. Vorwürfe, man hätte den auffälligen Täter doch schon früher in eine geschlossene Einrichtung einweisen können, begegnet Platz nüchtern mit einem Verweis auf die Rechtslage. Es müsse in Berlin eine Fremd- oder Eigengefährdung vorliegen, eine Rempelei oder eine Beleidigung reichten für eine Einweisung nicht aus.

In Ländern, wo willkürlicher Terror verbreiteter ist, seien die Menschen achtsamer, sagt Platz. „In Israel kam ein Mädchen einmal zu einem Busfahrer vor und wies auf einen Mann hin, der hinten im Bus eine Zeitung verkehrt herum las.“ Es stellte sich heraus: Der Mann wollte im Bus ein Attentat verüben. „Solch eine Aufmerksamkeit, auf die schon bei kleinen Kindern geachtet wird, findet man in Berlin natürlich nicht.“ Hier sei die Toleranz groß. Auch gegenüber leicht verwirrt wirkenden Menschen auf U-Bahnhöfen.