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Schlechte Arbeitsbedingungen bei der Polizei in Berlin: Polizisten fühlen sich nicht geschätzt

87 Prozent der Berliner Polizistinnen und Polizisten fühlen sich in ihrer Arbeit nicht richtig anerkannt.

87 Prozent der Berliner Polizistinnen und Polizisten fühlen sich in ihrer Arbeit nicht richtig anerkannt.

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imago/Metodi Popow

Mit einer Machete spaltet ein Unbekannter einem Mann in Charlottenburg die Hand. Eine Polizistin hilft einem Rettungssanitäter, die Wunde des lebensgefährlich verletzten Mannes zu versorgen. Mit ihrem Halstuch bindet sie ihm den blutenden Arm ab. Der Notarzt lobt die Beamtin, sie habe ein Leben gerettet. Ein Lob ihres Vorgesetzten bekommt die Polizistin nicht. Er staucht sie zusammen: „Wieso hatten Sie ein Tuch um? Das ist dienstlich verboten!“

Ereignisse wie diese lassen Polizisten krank werden. Um herauszufinden, wie es um den Zustand ihrer Beamten bestellt ist, beauftragte die Polizeiführung im vergangenen Jahr die Freie Universität mit einer Befragung. Die Studie, die von den FU-Professoren Dieter Kleiber und Babette Renneberg erstellt wurde, sollte die „Risikokonstellationen für die Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand“ ermitteln. Fürs Erste erstreckte sie sich auf die Vollzugsbeamten der von Kriminalität besonders belasteten Direktion 5, zuständig für Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln. Die Wissenschaftler luden 1857 Polizisten zu einer Onlinebefragung ein. Normalerweise melden sich bei solchen Untersuchungen höchstens ein Viertel der Gefragten zurück. In diesem Fall kam von gut der Hälfte, nämlich 941 Mitarbeitern, Rücklauf – was dafür spricht, dass ihnen einiges unter den Nägeln brennt.

Am auffälligsten ist, dass 87 Prozent der Mitarbeiter das Gefühl haben, dass ihre Arbeit nicht hinreichend anerkannt wird, dass sich ihre Anstrengungen nicht lohnen. In solchen Fällen sprechen Wissenschaftler von einer Gratifikationskrise. „Die Polizisten sind hochmotiviert“, sagt Dieter Kleiber. „Aber stärker als in anderen, eigentlich ähnlichen Bereichen wie etwa bei der Bundespolizei oder der Feuerwehr fanden wir hier eine negative Gratifikationsbilanz.“ Das berge Krankheitspotenzial in sich. „Die Gratifikationsbilanz ist ein wichtiger Indikator für die psychische Gesundheit und Stabilität der Mitarbeiter.“ Während die Polizisten Teamarbeit und Zusammenhalt meist gut finden, bewerten sie Fairness und Gerechtigkeit in der Behörde am schlechtesten. Die Behandlung durch die Chefs erleben sie oft als ungerecht.

Studie kommt bei Polizei gut an

Auch der Aussage, dass es wichtig sei, die richtigen Leute zu kennen, um weiter zu kommen, wurde in der Befragung eher zugestimmt. „Das Verhältnis zu den unmittelbaren Vorgesetzten ist meistens gut, es verschlechtert sich jedoch, je weiter die Vorgesetzten entfernt sind“ so die Professoren Kleiber und Renneberg. Sie geben der Polizei Empfehlungen. Dazu zählen etwa ein besserer Führungsstil, bessere Ausstattung der Arbeitsplätze und die Entwicklung eines Trainings zum Umgang mit Beschimpfungen durch Bürger. Denn auch die vielen Beleidigungen, die sich die Beamten auf der Straße anhören müssen, machen krank. Bei der Polizei kam die Studie gut an. „Es gibt ein großes Bedürfnis auf allen Ebenen, Schwachstellen abzustellen“, sagt Dieter Kleiber. Laut Sprecher Stefan Redlich gab die Polizei für die Studie 165.000 Euro aus. „Das zeigt, wie wichtig uns das ist.“

„Zur Wertschätzung gehören annehmbare Arbeitsplätze“, kritisiert Kerstin Philipp von der Gewerkschaft der Polizei. „Manche Toilette eines Polizeiabschnitts erinnert an eine Mietskaserne des 19. Jahrhunderts. Wir benötigen Ausrüstung und Ausstattung, um vernünftig arbeiten zu können. Und wie soll sich ein Berliner Polizeiobermeister gewertschätzt fühlen, wenn er für seine Arbeit mehrere Hundert Euro weniger bekommt als der Berliner Polizeiobermeister der Bundespolizei?“ Bei der Besoldung sei Berlin deutschlandweit Schlusslicht.

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