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Staatsanwaltschaft Berlin über 13-Jährige aus Marzahn: "Wir gehen von einvernehmlichem sexuellem Kontakt aus"

Unterstützer des Konvents der Russlanddeutschen demonstrieren vor dem Kanzleramt in Berlin (23.01.2016).

Unterstützer des Konvents der Russlanddeutschen demonstrieren vor dem Kanzleramt in Berlin (23.01.2016).

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REUTERS

Seit mehr als einer Woche macht im russischen Fernsehen, auf Facebook und Twitter ein Gerücht die Runde: ein 13-jähriges Mädchen aus Marzahn soll von mehreren Arabern entführt und stundenlang vergewaltigt worden sein. Erst am Wochenende demonstrierten wieder Hunderte Menschen am Kanzleramt gegen die angebliche Untätigkeit der Polizei. Dabei waren auch Rechtsextreme.

Inzwischen scheint klarer zu werden, was Lisa F. tatsächlich widerfuhr. Ermittler vermuten, dass die 13-Jährige freiwillig mit einem oder mehreren Männern mitging – und dies wohl nicht zum ersten Mal. „Sie ist offenbar in falsche Kreise geraten“, sagte Justizsprecher Martin Steltner am Montag. „Wir gehen von einvernehmlichem sexuellem Kontakt aus. Aufgrund des geringen Alters des Mädchens ermitteln wir wegen sexuellen Missbrauchs.“ Laut Steltner richten sich die Ermittlungen gegen einen Mann, der inzwischen namhaft gemacht wurde.

Nach der angeblichen Vergewaltigung ließ die Polizei das Kind rechtsmedizinisch untersuchen. Vergewaltigungsspuren fand man nicht. Eine weitere amtsärztliche Untersuchung soll in dieser Woche erfolgen. Nach Angaben von Roman Igler, Anwalt der Familie, wird die 13-Jährige psychologisch betreut. Sie besucht derzeit nicht die Schule. Im Gegensatz zu russischen Fernsehsendern und demonstrierenden Rechtsextremisten legt sich Igler nicht fest, ob das Kind vergewaltigt oder „nur“ sexuell missbraucht wurde.

„Fakt ist aber: Als die Tochter wieder zu Hause war, hatte sie starke Hämatome am Körper“, sagt er. Die Polizei beharrt darauf: Es gebe keine Hinweise auf eine Vergewaltigung. Mehr sagt sie aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht – was die Gerüchte im Internet anfeuert. „Die Polizei hat sich unglücklich verhalten“, so ein Ermittler. Sie hätte sagen können, es gebe Hinweise auf sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen.“

„Niemand kann sicher sein“

Die Menschen sind schweigsam geworden rund um das Marzahner Carree – nicht nur, wenn Fremde kommen und Fragen stellen zum Fall Lisa. Der Ort ist eines der Zentren der russischen Diaspora. Mit diesem Begriff beginnt bereits das Problem aus der Sicht von Vitalij Bertram: „Wir sind keine Immigranten“, sagt er. „Wir sind Deutsche, deren Familien jahrhundertelang in Russland gelebt haben. Wir sind in unsere historische Heimat zurückgekehrt. Wir sind nicht die Fremden.“ Doch in Wahrheit ist ihnen die Heimat dieser Tage wieder einmal ziemlich fremd.

„Es hat ein Verbrechen stattgefunden“, davon ist Bertram fest überzeugt. „Wir alle können doch nicht mehr sicher sein.“ Deshalb sei er bei der Demonstration am Sonnabend vor dem Kanzleramt dabei gewesen. Dass der Protest offensichtlich aus dem rechten Spektrum heraus organisiert wurde, ist ihm gleichgültig. „Da wird auch schon wieder was unterstellt und politisiert“, sagt er. Er habe die Kanzlerin zum Handeln auffordern wollen – und damit ist er doch selbst mitten in der Politik.

Er trete für Ordnung und Sicherheit ein, sagt Bertram, der 1997 aus dem sibirischen Omsk nach Deutschland gekommen ist. „Wir sind mit der ganzen Familie übersiedelt. Wir wollten hier in Ruhe einfach leben, arbeiten und etwas erreichen.“ Und jetzt: „Demokratie ist ja ganz schön. Aber Ordnung muss sein“, befindet er.

Verlorenes Vertrauen

Kurz angebunden dagegen ist die Angestellte des Videoladens Majak (Leuchtturm) gleich nebenan. „Ich bin nicht in der Stimmung für Antworten“, sagt sie brüsk und weist auf die Tür.

Auch Andrej Gontscharow im Café Natalja will erst nicht reden. Dann erzählt er doch von seinen drei Töchtern. Seit zwei Jahren arbeite er in Marzahn und lebe in Falkenberg. Seine Frau und er würden sich seit kurzem abwechseln, um die Kinder zur Schule zu bringen und abzuholen. Alle in der Gegend machten das jetzt so. Vor einem halben Jahr habe das noch niemand für nötig gehalten. Jetzt aber gebe es in Falkenberg ein Flüchtlingsheim. „Wenn etwas passiert, dann macht man sich ewig Vorwürfe.“