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Tödlicher Rad-Unfall in Lichtenberg: Elf, vielleicht 13 Stundenkilometer

Jedes weiß bemalte Fahrrad erinnert an den Unfalltod eines Radfahrers in Berlin. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) stellt die „Geisterräder“ auf.

Jedes weiß bemalte Fahrrad erinnert an den Unfalltod eines Radfahrers in Berlin. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) stellt die „Geisterräder“ auf.

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Gerd Engelsmann

Es war eine Warnung an alle. „Abbiegen ist eine komplexe und fehleranfällige Angelegenheit,“ sagte André Muhmood, Richter im Amtsgericht Tiergarten. Man müsse sich darauf einrichten, dass es einen Unfall gibt. „Es kann jedem von uns passieren.“ Am 17. Dezember 2015 passierte es einem Lkw-Fahrer, der einen Lastwagen mit Sattelauflieger durch Lichtenberg steuerte.

Beim Rechtsabbiegen überrollte er eine Radfahrerin. Saskia D. starb noch am Unglücksort. „Worüber wir hier sprechen, ist eine Tragödie“, sagte André Muhmood. Eine Tragödie mit einem Schuldigen: Das Gericht verurteilte den Lastwagenfahrer wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 2800 Euro.

Die Zeugin kämpfte mit den Tränen. Sie kann sich noch gut an jenen dunklen Dezember-Morgen erinnern, als sie die Radfahrerin unweit vom Ostkreuz auf der Hauptstraße liegen sah. „Ich habe ihren Kopf gehalten, weil es auf der Straße nass und schmutzig war“, sagt sie. Gegen 7.40 Uhr endete das Leben der 32-jährigen Radlerin. „An ihren Augen konnte man das sehen.  Sie sahen wie verdreht  aus“, so die Zeugin.

Eng und unübersichtlich

Fast drei Stunden bemühte sich das Amtsgericht, den Fall aufzuklären. Einige Details blieben unklar, etwa ob das Fahrrad beleuchtet war. Fest steht: Maik W., nicht vorbestraft und ohne einen Punkt in Flensburg, war auf dem Weg zur Autobahnbaustelle an der Sonnenallee. Gegen 7.30 Uhr erreichte der 52-Jährige die Karlshorster Straße. An der Einmündung in die Hauptstraße war die Ampel rot. Dort geht es durch eine schmale Brückendurchfahrt, hier stehen Bauzäune herum.

Es ist eng, unübersichtlich, und dann muss sich auch noch eine Straßenbahn durchquetschen. Für Radfahrer gibt es zwar ganz rechts auf der Fahrbahn einen rot markierten Schutzstreifen. Doch den blockierte Maik W. mit seinem Laster. „Ich habe mich so weit wie möglich rechts gehalten, damit die Straßenbahn durchkommen konnte“, erklärt er.

Als die Ampel auf grün springt, fährt er los und biegt rechts ab – langsam, sagt er. Mit elf, vielleicht 13 Stundenkilometern, hat der Sachverständige Steffen Schönfisch rekonstruiert.   Dass er dabei eine Radfahrerin überfuhr, merkte W. nicht.

Spiegelsysteme am Lkw waren intakt

Ein Autofahrer, der hinter ihm war, sah etwas Helles unter dem Lkw und stoppte  ihn 340 Meter hinter der Kreuzung. „Der Fahrer kurbelte die Scheibe herunter und fragte: Was’n’los?“, sagt der Zeuge. Was los war, konnte  Schönfisch anhand von Spuren nachvollziehen –  Spuren, die entstehen, wenn Textilien über Lack wischen. Auch der Joghurt, den die Radfahrerin im Rucksack hatte, fand sich am Lkw wieder.

Der Lastwagen hat die Frau vorn rechts erfasst, so der Gutachter. Die Frau kippte nach rechts  um und wurde von drei Rädern überrollt. Die vier Spiegelsysteme am Lkw waren intakt. Beim Warten vor der roten Ampel konnte der Fahrer die Radfahrerin trotzdem nicht sehen, stellte der Gutachter dar. Doch beim Abbiegen verschoben sich die Sichtachsen und die Frau hätte ins Blickfeld geraten können – wenn W. durch das Seitenfenster oder in den Rampenspiegel geschaut hatte.

Hätte er reagiert, wäre die Radfahrerin zwar gestürzt, aber nicht überrollt worden,  so Schönfisch.

Hundert tote Radfahrer seit 2008

Die Radfahrerin war zuvor  offenbar auf dem  Gehweg unterwegs. „Dort gehörte sie streng genommen nicht hin“, so der Richter. Auch könne er eine „Unaufmerksamkeit“ bei ihr nicht ausschließen. Trotzdem: „Der Fahrer hätte  mehr machen können.“ Er hätte besser hinschauen und so den Unfall vermeiden können. Darum folgte der Richter nicht der Verteidigung, die Freispruch beantragt hatte. „Es tut mir wirklich leid“, war W.s letzter Satz im Saal.

„Seit 2008 starben zirka hundert Radfahrer in Berlin“, so Daniel Pepper vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). „Ein Drittel wurde von Lastwagen erfasst.“ Allein 2016 kamen acht Radfahrer auf diese Art ums Leben, davon sechs durch Rechtsabbieger. Sensoren könnten dafür sorgen, dass Lastwagen sofort gestoppt werden, sobald sie jemanden erfassen. So lange bleiben Rechtsabbieger eine tödliche Gefahr, warnte Muhmood.