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Ungeklärte Morde: Wenn eine Hautschuppe zum Täter führt

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Im kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamtes am Tempelhofer Damm  befassen sich mehr als 450 Spezialisten in verschiedenen Richtungen mit der Auswertung von puren. Allein mit DNA-Analysen sind 40 Wissenschaftler beschäftigt.

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Markus Wächter / Waechter

Der blaue Müllsack lag in einem Gebüsch an der Ruschestraße in Lichtenberg. Der Hund eines Spaziergängers fand ihn dort am 8. März 2016. Der Mann schaute hinein und entdeckt in der Mülltüte zwei Handtücher – darin eingewickelt war ein Säugling. Das Baby war tot. Die 7. Mordkommission übernahm die Ermittlungen.

Der furchtbare Fund ist mehr als ein Jahr her. Und noch immer ist unklar, wer die Mutter des Babys ist. 5000 Euro Belohnung wurden für Hinweise ausgesetzt, die zu der Mutter des Kindes führen. Rechtsmedizinische Untersuchungen ergaben, dass die Frau aus dem südosteuropäischen Raum stammt, dass sie die meiste Zeit ihres Lebens nicht in Deutschland verbracht haben dürfte und erst einige Jahre vor der Geburt des Kindes nach Berlin kam.

Gunnar Bläß und seine Kollegen sind neuerdings wieder mit dem Fall beschäftigt. Bläß ist wissenschaftlicher Oberrat und Chef des Fachbereichs LKA KTI 42 im Kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamtes (LKA) Berlin. Die 40 Frauen und Männer seiner Abteilung entschlüsseln DNA von Menschen und erstellen genetische Fingerabdrücke. Das Muster der DNA einer Person kommt in der Bevölkerung mit einer Häufigkeit von weniger als eins zu zehn Milliarden vor. Es ist so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck.

Wissenschaftliche Revolution

Deswegen ruhen auf der Arbeit der Spezialisten nun auch die Hoffnungen der Ermittler im Fall des toten Babys. Ende März startete die Polizei einen neuen Versuch, die Mutter doch noch zu finden. 1 600 aus Südosteuropa stammende und in Lichtenberg lebende Frauen und Mädchen wurden zu einer DNA-Reihenuntersuchung geladen. 874 davon kamen der Aufforderung nach und gaben eine Speichelprobe ab. Ob die Mutter darunter ist, wird sich zeigen.

Gunnar Bläß sitzt in seinem Büro am Tempelhofer Damm. Der Computerbildschirm flimmert. Bläß, ein großer Mann mit grauer Haarmähne, nimmt ein Blatt Papier in die Hände, auf denen Zahlen stehen, eine Art Tabelle – es ist der codierte genetische Fingerabdruck eines Täters, der in eine Pizzeria eingebrochen war und dabei eine Blutspur hinterlassen hatte. Jetzt muss dieses Muster mit den Daten der zentralen DNA-Datei des Bundeskriminalamtes verglichen werden, in der mehr als eine Million Datensätze gespeichert sind. Vielleicht musste der Täter schon einmal eine DNA-Probe abgeben. Vielleicht aber lässt sich das Profil auch der Spur eines noch ungelösten Falles zuordnen. Dann wäre zumindest klar, wann und wo der Täter schon einmal zugeschlagen hat.

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Gunnar Bläß ist Leiter der Abteilung KT42 mit 40 Mitarbeitern. Zudem ist er einer von 14  Sachverständigen seines Bereichs, die vor Gericht  DNA-Expertisen abgeben.  

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Berliner Zeitung

„Im vorigen Jahr bekamen wir Spuren von rund 24.000 Fällen“, erzählt der Diplom-Biologe Bläß. Jährlich steige das Spurenaufkommen. Bei einem Fall können bis zu 1000 Spuren anfallen. Eine Herausforderung für die Mitarbeiter. Der genetische Fingerabdruck ist die Geheimwaffe der Fahnder. Kleinste Spuren, die kein Auge mehr wahrnehmen kann, können zum Täter führen. Eine Hautschuppe, ein Haar, Sperma, Speichel. „DNA ist schon ein Beweis“, sagt Bläß. Sie zeige, dass die Person zumindest am Tatort gewesen sein könnte.

Kollege um Speichelprobe gebeten

Es war eine wissenschaftliche Revolution in der Kriminalistik, als am 10. September 1984 der Brite Alex Jeffreys den genetischen Fingerabdruck eines Menschen entschlüsseln konnte. Bis dahin waren Blutgruppenuntersuchungen und Fingerabdruck-Analysen die wichtigsten Methoden der Ermittler, um Spuren zuzuordnen. Nun aber konnten bis dahin nutzlose Spuren am Tatort oder an Opfern wie etwa der Speichel an einer achtlos weggeworfenen Zigarettenkippe einer Person zugeordnet werden. Die DNA, die die Erbinformationen enthält, ist in jeder Körperzelle vorhanden. Sie weist bei jedem Menschen unterschiedliche Merkmale aus und ist somit einmalig.

Nur bei eineiigen Zwillingen nicht. Als bei dem spektakulären Raub im KaDeWe im Jahr 2009 Spuren gefunden wurden, aus denen man die DNA herausfiltern konnte, war es nicht nachweisbar, welcher der beiden Zwillingsbrüder den Raub begangen hatte. Sie mussten aus der Untersuchungshaft entlassen werden. „Möglich wäre es durchaus, auch eineiige Zwillinge zu unterscheiden. Es gab damals ein Forschungsprojekt dafür, das aber zu teuer war“, sagt der Laborchef.

Erstmals wurde ein Mörder 1987 mit Hilfe der forensischen DNA-Analyse in England überführt. Ende Juli 1986 war die 15-jährige Dawn Ashworth auf dem Nachhauseweg unweit des Dorfes Enderby in der Grafschaft Leicester vergewaltigt und ermordet worden. Da man an der Leiche des Mädchens Sperma fand, bat die Polizei 5511 Männer aus der Umgebung des Tatortes zu einem Massengentest. Alle folgten dem Aufruf. Nur der 27-jährige Bäcker Colin Pitchfork nicht. Er bezahlte einen Kollegen dafür, für ihn eine Speichelprobe abzugeben.

Die Spur muss 16 Stunden lang gereinigt werden

Im August 1987 flog der Schwindel auf. Pitchfork wurde festgenommen, die DNA-Analyse seine Blutes und die Sperma-Spuren an der Leiche des Mädchens überführten ihn. Pitchfork legte schließlich ein Geständnis ab. Mithilfe seines genetischen Fingerabdrucks fanden die Ermittler auch heraus, dass der Täter bereits 1983 eine 15-jährige Jugendliche umgebracht hatte.

Bläß ist seit 30 Jahren bei den DNA-Ermittlungen am LKA dabei. Er erzählt von dem ersten Fall in Deutschland, der 1988 mit Hilfe der DNA gelöst werden konnte: die Vergewaltigung und der Mord an einer 21-jährigen Frau aus der Neuköllner Silbersteinstraße.

Damals stellten die Kriminaltechniker Spermaspuren des Vergewaltigers und Mörders am Tatort sicher. Verdächtigt wurde Hansjoachim R., der die Tat aber zunächst leugnete. Bei einer DNA-Untersuchung stellte sich heraus, dass das Sperma von ihm stammt. Der Anwalt des Tatverdächtigen, Hans-Christian Ströbele, wehrte sich zwar gegen den Gentest. Er sah darin einen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht seines Mandanten. Doch es half nichts. Hansjoachim R. gestand schließlich die Tat. Der Mann wurde zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Viele Handgriffe mit Ausnahme der Spurensuche und Spurensicherung werden in dem Labor des LKA, das für Fremde unzugänglich ist, von Robotern erledigt. „Die Pipettierung zum Beispiel“, sagt Bläß. Ein Mensch könnte bei diesem Vorgang schnell unkonzentriert werden. Und Roboter vertauschen keinen Proben. Dauerte die DNA-Analyse vor Jahren noch bis zu vier Wochen, so sind es heute in der Regel zwei bis drei Tage. Allein 16 Stunden lang muss die Spur gereinigt und für eine Analyse „fit“ gemacht werden.

Die Spuren von Ötzi

Obwohl sie selbst Tausende Fälle im Jahr bearbeiten müssen, leisten die Berliner DNA-Experten manchmal auch Amtshilfe für andere Bundesländer. „In Niedersachsen fand 1998 das erste Massenscreening auf der Suche nach einem Mörder und Vergewaltiger statt“, sagt Bläß. 16.000 Männer nahmen damals an einem Speicheltest teil. So sollte der Mörder der elfjährigen Christina aus dem Emsland überführt werden. Sie war im März 1998 missbraucht und erdrosselt worden. Die Sperma-Spuren an der Leiche stimmten mit Spuren aus einem anderen Fall überein: 1996 waren sie nach dem sexuellen Missbrauch eines neunjährigen Mädchens gesichert worden.

„Wir untersuchten 4000 der abgegebenen Speichelproben“, sagt Bläß. Tag und Nacht habe man damals gearbeitet. Spur Nummer 3889 überführte Ronny R. „Es war überraschend, dass der Mann überhaupt eine Speichelprobe abgegeben hatte“, sagt Bläß. Offenbar habe es einen sozialen Zwang gegeben. Verwandte waren misstrauisch geworden, hatten verlangt, er sollte mit zum Test. R. wurde zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.

Gunnar Bläß ist die Begeisterung anzumerken, wenn er von den Möglichkeiten erzählt, die DNA-Analysen mit sich bringen. „Das Alter einer Spur ist für die Untersuchung völlig egal“, sagt der Biologe. Es komme lediglich auf die Qualität an. Auch nach mehreren Tausend Jahren noch können DNA-Spuren analysiert werden. Bei Ötzi, dem Mann aus dem Eis, war es so. Und der lag mehr als 5000 Jahre im Eis.

So funktioniert die DNA-Datenbank

In der DNS (Desoxyribonukleinsäure) oder  – englisch  DNA (Desoxyribonucleic Acid) – ist die gesamte Erbinformation von Zellen und Organismen vorhanden.

Die DNA-Analyse-Datei, auch DAD genannt, wurde am 17. April 1998 eingerichtet. Sie wird zentral vom Bundeskriminalamt betrieben. Dort sind weit mehr als eine Million Datensätze gespeichert. Die Mehrzahl sind DNA-Profile von Personen, es sind aber auch Datensätze von Spuren von Tatorten vorhanden.

Ende Dezember 2015 waren in der DAD insgesamt 1.133.973 DNA-Profile gespeichert, davon waren 849.907 von Personen, 284 066 Spuren von Tatorten, die keiner Person zugeordnet werden konnten. Der Bestand wächst ständig. 2010 waren  895.941 Datensätze registriert.

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Der Code einer DNA-Probe.

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Getty Images/iStockphoto

Die meisten  Datensätze   in der DAD stammen von Menschen, die wegen Diebstahl und Unterschlagung eine DNA-Probe abgeben mussten: 223.459. Wegen Straftaten gegen das Leben, also Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen sind  24.156 Datensätze gespeichert.

Wie empfindlich DNA-Spuren   sein können, zeigt der Fall des „Phantoms von Heilbronn“. Nach dem Mord an der 22-jährigen Polizisten Michele Kiesewetter im April 2007 in Heilbronn fanden sich DNA-Spuren und die Ermittler suchten nach einer Serientäterin. Die allerdings gab es nicht. Zwei Jahre später stellte sich heraus, dass das an 40 verschiedene Tatorten gefundene DNA-Material von einer Frau stammte, die die Wattestäbchen verpackt hatte, die zur Spurensicherung genutzt wurden.

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Spur  wird mit  Wattestab genommen.

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Berliner Zeitung

Auch in Berlin sorgte ein Missgeschick für Schlagzeilen:  Die Staatsanwaltschaft Potsdam hatte nach dem Fund eines toten Säuglings beim Shiva-Moon-Festival im havelländischen Stölln im Jahr 2002 insgesamt 1700 Frauen zu einer Speichelprobe geladen. Die Proben sollten auch in Berlin untersucht werden. Dort fielen einer Putzfrau die Proben aber beim Reinigen herunter. Normalerweise müssen Speichelproben weggeschlossen werden.

Laut  Bundesinnenministerium hat die DNA-Datenbank dazu beigetragen, 1358 Tötungsdelikte, 2366 Sexualstraftaten, 8201 Fälle von Raub und Erpressung sowie 94.194 Diebstähle aufzuklären (Stand März 2013).

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