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Zehn Gründe, Berlin zu hassen

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Bei diesem Angebot kann man schon einmal auf die Barrikaden gehen (Bildungsstreik, Archivbild).

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Imago

Die Stadt ist dreckig, der Nahverkehr unzuverlässig und der BER der Witz der Nation – es gibt viele Gründe, warum man sich über Berlin aufregen kann.

Kristjan Knall

Autor Kristjan Knall auf den Schultern von Karl Marx - einer der wenigen denen er nicht den Stinkefinger zeigt.

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Nadine Pensold

Der Autor Kristjan Knall füllt damit sogar ein ganzes Buch. „111 Gründe Berlin zu hassen. Die Stadt so, wie sie wirklich ist“ heißt es. Ob er damit immer so richtig liegt? Wir stellen Ihnen zehn Hauptstadt-Ärgernisse aus dem Anti-Reiseführer vor.

Weil Retro verdecken soll, wie sterbensöde die Gegenwart ist


Beim Bummel über den Mauerpark-Flohmarkt wieder ein echtes Vintage-Teil ergattert? Ein altes Radio abgeräumt oder eine Retro-Klamotte abgegriffen? Dann dürfte Kristjan Knapp vor Hass im Viereck springen. Bei Bauchtasche, Turnbeutel und Schulterpolster platzt ihm der Kragen. „Ihr wollt den Geist der 80er heraufbeschwören, das wilde Gemixte? Dann macht was anderes als euch bunt anzuziehen. Die 80er waren nicht geil, weil Leute Humana geplündert haben, sondern Bolle! Weil sie verkokst auf Metallträgern rumgehämmert haben und Musikstile erfanden. (…) Ihr seid kein Trash, ihr seid Dreck.“

Weil der Soundtrack der Hauptstadt die reinste Folter ist


Berlin hat Beat! Und das nicht nur aufgrund der hohen Dichte an Elektro-Schuppen. Die Hauptstadt hat ihren eigenen Rhythmus, ihren eigenen Groove. Zum Feeling in der Stadt gibt es auch immer gleich den passenden Song – zuletzt mit Döner-Lust oder Is-mir-egal-Attitüde. Der Klassiker: Seeed mit „Dickes B.“ Was sagt der Berlin-Hater dazu? „Seeed sind so unerträglich, so unsäglich dumpf-positiv, die würden noch im Gulagsteinbruch Kinderwaisen pfeifen.“ Achso. Er steht eher auf eklige Textzeilen von Kool Savas aus den 90ern. Vielleicht wippt er ja bei der „Berlin-Hymne“  „Fickt-euch-Allee“ von Großstadtgeflüster mit. Passt auch zur Lieblingsgeste des Autors: dem ausgestreckten Mittelfinger.

Weil die Transsibirische Eisenbahn schneller ist als die S-Bahn

S-Bahn-Zug mit Graffiti.

Nicht immer zuverlässig: die Berliner S-Bahn.

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imago/Schöning

Geht immer:  Bashing des öffentlichen Nahverkehrs. Bietet ja auch genug Angriffsfläche. Eine Schneeflocke kann den ganzen Fahrplan ins Chaos stürzen und bei Temperaturen jenseits der 28 Grad läuft die S-Bahn heiß. Kein Wunder, dass Kristjan Knall seinen Hass da über mehr als vier Seiten ergießt: „Die S-Bahn kackt auf der ganzen Linie ab. Berlin-Feeling? Steh mal 15 Minuten bei 55 Grad im Schienenersatzverkehr zwischen Betriebshaltestelle Rummelsburg und Karlshorst!“

Bei so viel Text bleibt gleich auch noch Platz fürs Touristen-Beschimpfen. Die schickt er nämlich aus Prinzip in die falsche Richtung, wenn sie ihn mal nach dem Weg fragen. „Touristen sind die Verkalkung der Verkehrswege, die das System zum Infarkt bringen.“ Ein gutes hat der ÖPNV aber anscheinend, da darf man sich ungestraft wie ein Hipster gebaren – aus Selbstschutz natürlich. „I Fuckin wear my sunglasses in the U-Bahn. Und Ohrstöpsel. Die Vollprofiausrüstung. Denn selbst wenn man Gefahr läuft, wie ein Hipster auszusehen: Auf Sinne wie Sehen und Hören kann man in der Bahn getrost verzichten.“ Auf Riechen übrigens auch.

Weil Spätis ausgemerzt werden, obwohl sie Kieze erst lebenswert machen

Neuköllner Späti-Betreiber gründen einen Verein
Etwa 50 Neuköllner Späti-Betreiber gründen einen Verein, um ihre Interessen in der Politik zu vertreten. Sie setzen sich dafür ein, dass ihre Läden auch offiziell sonntags öffnen dürfen. Bisher untersagt das das Berliner Ladenöffnungsgesetz.

„Spätis machen Berlin erträglich“, findet Kristjan Knall, der die Lebensqualität eines Kiezes an der Zahl der Spätkäufe bemisst. Kein Wunder also, dass es ihn auf die Palme bringt, dass den Kiosk-Betreibern Steine in den Weg gelegt werden. Im Prenzlauer Berg habe die Gentrifizierung schon viele Spätis gefressen. „Wo ist bitte noch einer in Mitte?“

Spätis bringen uns Bier, Cola und Chips zu allen Tages- und Nachtrandzeiten, auch am Sonntag. Dürfen sie aber nicht. Sagt zumindest das Ladenschlussgesetz der Hauptstadt. Die Späti-Chefs öffnen trotzdem, dank strengerer Kontrollen vom Ordnungsamt hagelt‘s deshalb Bußgeldbescheide. Auch das hasst der Buchautor.

Weil Köter alles vollkacken - und ihre Besitzer drauf scheißen


Berlin wird gern auch als Hauptstadt der Hunde tituliert. Klar, mehr als 100.000 Dackel, Schäferhunde und Co. leben hier, spielen in den Parks, erfreuen ihre Herrchen und – ja, sie erledigen auch ihr großes Geschäft. Die stinkenden Hinterlassenschaften landen aber nicht immer in Tüten verpackt im nächsten Mülleimer, sondern wesentlich öfter unterm Schuh. Bäh.

Der Hass des Autors richtet sich aber nicht gegen die schwanzwedelnden Haustiere, sondern gegen deren zweibeinige Leinenführer. „Und jetzt Breaking News: Dein Vieh hasst dich. Sobald du dich nicht mehr bewegst, wird es dich auffressen. (…) Wenn dein Köter könnte, würde er dir ein ganz persönliches Abu-Ghraib einrichten.“

Weil Gemüsedöner und Currywurst hier als Essen durchgehen

Mustafas Gemüsedöner

Bei Mustafas Gemüsekebap am Mehringdamm ist die Warteschlange immer lang.

Foto:

imago/Schöning

Mustafas Gemüsedöner, Konnopkes Imbiss und Curry 36 – für die einen sind es Touristenfallen, für andere Berliner Must-haves beim Nach-der-Party-Hunger. Klar, dass Currywurst mit Pommes – natürlich am besten ohne Darm – und Fleisch vom Spieß im Fladenbrot nicht mit Haute Cuisine mithalten können. Schmeckt trotzdem vielen - Kristjan Knall natürlich nicht. „Scheiße fressen. Die Berliner Gastronomie ist eine Massenvergiftung“ heißt ein Kapitel in seinem Anti-Berlin-Reiseführer.

Darin prangert er unter anderem das Preis-Dumping an den inflationär vorhandenen Imbissbuden an. „Der Berliner ist traditionell ein Restefresser. Was heute der kalte Döner vom Bett auf den Kater ist, war früher Suppe aus totem Pferd“, geht es los. Aber er hat nicht nur Schelte für die Imbissbuden-Fraktion im petto, auch vor der traditionellen Küche macht er mit seinem Hass nicht halt: „Eisbein, eine gepökelte Schweinshaxe mit Sauerkraut,, gebratene Leber mit Apfel, Blut-und Leberwurst mit Kartoffelbrei, Hackepeter vom Schwein mit Zwiebeln und Petersilie. Das reinste Massaker. Wenn der Berliner nicht bis zu den Knien im Blut wateten wurde er nicht satt.“

Weil das Hofbräuhaus München nach Berlin bringen will


Oans, zwoa, gsuffa, teure Schweinshaxen und tiefe Einblicke ins Dirndl-Dekolleté gibt es im bayerischen Disneyland in Berlin. Kurz: Im Münchner Hofbräuhaus am Alexanderplatz. Wahrlich kein Zufluchtsort für Exil-Bayern, dafür eine Lokalität mit magischer Anziehungskraft auf Touristen, die Berlin und Bayern in einem Aufwasch erledigen wollen. Da darf man sich ruhig mal wundern, wenn mit Masskrügen, Haxe und Blasmusik der Abend gefeiert wird. Kristjan Knall hasst lieber gleich mit voller Inbrunst. Schließlich unterscheide sich Bayerns Kultur kaum von der Berliner: „Saufen. Der einzige Unterschied: Der Bayer säuft aus Freude, der Berliner aus Verzweiflung. (…) Das Hofbräuhaus in München ist für alle, die nicht bis zum Oktoberfest warten könne. Das in Berlin für die, die sich den Fernbus nach München nicht leisten können.“

Weil gemeinsames "Tatort"-Gucken hier schon als Event gilt


Sonntag, 20.15 Uhr, ARD – es ist "Tatort"-Zeit. Was früher Oma und Opa gemütlich zu zweit auf dem Sofa guckten, ist mittlerweile ein hippes Gruppenevent. Zahlreiche Kneipen quer durch alle Kieze laden zum gemeinsamen Tatort-Gucken und Täter-Ertappen ein. Bier, Pommes, Kaffee – damit schaut man den Ermittlern doch gerne zu. Oder wie Kristjan Knall es ausdrückt: „Tatort? Das ist ein verkapter Rentnerporno aus der Perspektive der Macht. (…) Nazis, Pädos, Assis: Gesellschaftlich relevante Themen werden aufgegriffen, damit du dich nicht engagieren musst. (..) In Berlin hättet ihr die Möglichkeit, was anderes zu sehen, denken, machen. Aber ihr pflegt ja lieber eure innere Pampa.“

Weil die Berliner Schnauze ganz weit weg von Humor ist

Pfannkuchen

Zwei lustige Berliner, äääähm, Pfannkuchen.

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imago/CHROMORANGE

„Berliner Humor übersetzt stets in ,Fick dich!‘ Das konstante gegenseitige Beleidigen zeugt von der prima Grundstimmung“ – lautet Grund Nummer 108, wenn es darum geht, Berlin zu hassen. „Zu sagen, der Berliner Humor wäre speziell, wäre eine grandiose Untertreibung“, findet Autor Kristjan Knall.

Manche finden es aber eben doch sympathisch, wenn der Hauptstädter los berlinert und unwirsch herumpoltert. Die Wiener haben deshalb einen Berliner Busfahrer ganz besonders lieb gewonnen.

Aber klar, wenn einem Sprüche wie "Backpfeifenjesicht" oder "Gesichtseimer" entgegen schallern, darf man schon doof aus der Wäsche gucken. Besser noch: kontern. „Freundchen, rück mir ma nich uff die Pelle!“

Weil Jogger hier offenbar denken, sie wären in New York


Ab in die hautenge Laufhose, das Shirt vom letzten Halb-Marathon überwerfen, Schleifchen in die Schnürsenkel binden und ab geht die Post. Berlin bewegt – in Parks, auf dem Tempelhofer Feld und quer durch die Stadt. Man trainiert für Lauf-Events, die übers ganze Jahr verteilt sind – vom Marathon über den Frauenlauf bis hin zum Airport-Run. Den Kreislauf freut‘s, den Sportfachhändler ebenso.

Nur einer kriegt die Krise: „Opfa“, plärrt er den Joggern hinterher. „Deine Fratze wir auch durch dreimal um die Welt joggen nicht besser.“ Und warum? „Joggen ist nicht mal mehr gesund. Es ist Fick-dich-ins-Knie für Höfliche.“