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Premiere von „3 Zimmer/Küche/Bad“: Auf der Flucht vor dem Kaufhausdetektiv

Nicht mal anspruchslose Grünpflanzen wie Rosmarin halten sich bei ihm: Schauspieler Jacob Matschenz auf seinem Balkon.

Nicht mal anspruchslose Grünpflanzen wie Rosmarin halten sich bei ihm: Schauspieler Jacob Matschenz auf seinem Balkon.

Foto:

Christian Schulz

Eigentlich könnte Jacob Matschenz berühmt sein. In Fachkreisen heißt er wegen seiner schauspielerischen Fähigkeiten, die einen Film verzaubern, längst „Magic Matschenz“, wovon Auszeichnungen wie Grimme-Preis (für „An die Grenze“), Max-Ophüls-Preis („Das Lächeln der Tiefseefische“) und Bayerischer Filmpreis („Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung“) künden. Matschenz müsste jetzt nur noch ein Angeber sein. Ist er aber nicht, will er auch nicht sein.

Statt sich vor den Premierenfotografen selbstbewusst in Pose zu werfen, sieht er beim Weg über den roten Teppich immer aus wie ein Ladendieb auf der Flucht vor dem Kaufhausdetektiv: Eiligen Schrittes mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze. Was ihm schon so manche freundschaftliche Ermahnung seines Presseagenten einbrachte. Matschenz will dann nicht uneinsichtig wirken: „Ich habe mal versucht, wie ein selbstbewusster, erfolgreicher Schauspieler aufzutreten.“ Das ist aber nicht sein Ding. Besonders Interviews sind ihm ein Graus: „Ich fühle mich dabei wie in dem Traum, in dem man vor der Klasse steht, redet und redet und irgendwann feststellt, dass man nackt ist.“

Wir haben uns auf seinem Balkon verabredet. Der war bis vor knapp zwei Jahren eine vom Verkehr umtoste grüne Oase, die seine Wohnung an einem Pankower Autobahnzubringer, mit hörbarem S-Bahn-, Güterzug- und Flugverkehr deutlich aufwertete. Das Todesurteil für die Vegetation auf dem Balkon war gesprochen, als Jacobs Schwester vor anderthalb Jahren ihr WG-Zimmer verließ. Seine gärtnerischen Fähigkeiten sind stark limitiert: „Bei mir geht sogar der sehr anspruchslose Rosmarin ein.“

An Flugzeuggeräusche gewöhnt

Am Mittwochabend wurde im Kino in der Kulturbrauerei die Premiere seines neuesten Films „3 Zimmer/Küche/Bad“ gefeiert. In dem geht es um seine ständig umziehende Generation. Matschenz konnte in die Arbeit von Regisseur Dietrich Brüggemann eine große Kompetenz einbringen, denn für ihn lohnte es sich in den vergangenen zehn Jahren kaum, die Umzugskisten auszupacken, so oft wechselte er die Wohnung: „Erst hatte ich eine im Wedding, dann in Mitte, dann Prenzlauer Berg. Es folgten drei Monate Notübernachtung bei meiner besten Freundin in Friedrichshain. Anschließend Mitte und Treptow.“ In Pankow lebt er inzwischen vier Jahre. Nach dem Auszug seiner Schwester ist die 3-Zimmer-Wohnung eigentlich zu groß für ihn, umziehen mag er trotzdem nicht: „Inzwischen würde ich für eine kleinere Wohnung genauso viel oder mehr zahlen. Dann bleibe ich doch gleich hier.“ An die Flugzeuggeräusche hat er sich gewöhnt, die fallen ja auch irgendwann weg, wenn der neue Flughafen tatsächlich mal eröffnen sollte.

Motorrad auf der Wunschliste

Für „3 Zimmer/Küche/Bad“ wurde in allen Jahreszeiten gedreht. Es gab zwischendurch lange Pausen und bei der Wiederaufnahme der Dreharbeiten jedes Mal viele Fragen: „Ich habe mir dann von Dietrich immer erklären lassen, was bisher passiert ist.“ Matschenz ist bei der Auswahl seiner Rollen wählerisch: „Ich habe dieses Jahr viel Mist abgesagt. Das wäre gutes Geld gewesen. Meine Agentur tröste ich immer: Ende des Jahres mache ich auch was für Geld.“ Die Agentur lebt schließlich von den Prozenten. Und Matschenz selbst muss auch Miete zahlen. Mit seinem ersten großen Filmhonorar zahlte er das Schulgeld für eine private Waldorfschule: „Damit habe ich 5000 Mark in den Sand gesetzt. Ich bin nämlich von der Schule geflogen, weil ich ganz viel geschwänzt habe.“ Was er sich vom nächsten Honorar leisten will, weiß er auch schon: „Davon gönne ich mir ein Motorrad.“

„Ranzig mit Ende 20...“

Einer der Lieblingswitze von Jacob Matschenz geht so: Zwei Ratten knabbern im Vorführraum eines Kinos an einer Zelluloidrolle. Sagt die eine: „Das Buch war besser!“ Auf die Frage, welche seiner Rollen ihm inzwischen richtig peinlich ist, gibt er zu: „Die in den beiden ,Sex Up‘-Filmen.“ Die Dreharbeiten, so tröstet er sich, waren eine lustige Zeit. „Aber die Filme haben völlig zu Recht keine Preise gewonnen. Dummerweise werden ausgerechnet die nun aber ständig wiederholt.“ Sein Glück: „Mit Bart und Brille werde ich nicht mehr so oft als der Typ aus ,Sex Up‘ erkannt.“ Im Januar wird Matschenz 29 Jahre alt. Über die drohende 30 scherzt er: „Ranzig mit Ende 20...“ Bedrohlich kommt sie ihm nicht vor: „Bei den Rollen schaffe ich jetzt ja vielleicht den Übergang vom Berufsjugendlichen zum Dauerstudenten.“