blz_logo12,9

Preußischer Kapellmeister Sabac el Cher: Ein ganz besonderer Berliner

Gustav Sabac el Cher in preußischer Militäruniform um 1900. Seit 1890 war er Dirigent beim Ersten Grenadierregiment in Königsberg und beim Publikum, besonders dem weiblichen Teil, hochbeliebt.

Gustav Sabac el Cher in preußischer Militäruniform um 1900. Seit 1890 war er Dirigent beim Ersten Grenadierregiment in Königsberg und beim Publikum, besonders dem weiblichen Teil, hochbeliebt.

Foto:

Wikipedia

Ein junges Liebespaar in sattem Öl, beide lächelnd, beide mit verträumtem Blick ins Nirgendwo schauend, wunschlos einander in den Armen haltend. Der Name „Preußisches Liebesglück“ ist eine Erfindung des Kunsthandels, aber er passt. Mitunter firmiert das Bild des Malers Emil Doerstling aus dem Jahr 1890 auch unter dem Titel „Nach Dienstschluss“. Seit 23 Jahren hängt es im Deutschen Historischen Museum (DHM) in einem ziemlich vaterländischen Raum, der sich den preußischen Mythen widmet – neben Friedrich dem Großen, den Kartoffelanbau in Brandenburg inspizierend, und einer jubelnden Menge, die die Rückkehr der von Napoleon geraubten Quadriga feiert.

Der junge Mann im Liebesglück trägt die Uniform der preußischen Infanterie, blau mit rotem Kragen. Aber nicht das ist es, was viele Besucher ungewöhnlich lange und tief berührt vor dem Bild verharren lässt, sondern die Hautfarbe dieses jungen Soldaten. Er ist schwarz, ein Mohr, wie man damals noch manchmal sagte, ein Abkomme Afrikas im schmucken preußischen Waffenrock.

Das Bild ist ein Idyll, und man ist geneigt, es wie viele seiner Art für eine Fantasie zu halten. Aber den Dargestellten hat es wirklich gegeben. Gustav Sabac el Cher, Militärmusiker beim „Füsilier-Regiment Nr. 35 Prinz Heinrich von Preußen“ in Brandenburg. In Charlottenburg bei Berlin war er vorzüglich ausgebildet worden im Spiel der Klarinette und der Oboe.

Später wurde Sabac el Cher eine prominente Persönlichkeit in Königsberg und Berlin. Eine Fotografie aus dem Jahr 1909 zeigt den einzigen schwarzen Kapellmeister der preußischen Armee mit Pickelhaube, wilhelminischem Schnurrbart und Galauniform – an der Brust eine Ordensspange mit vier Auszeichnungen, vom „Allgemeinen Ehrenzeichen“ bis zur „Soldatenmedaille zum russischen St.-Annen-Orden“.

In jenem Jahr quittiert er allerdings seinen Militärdienst, um in Berlin auf dem freien Musikmarkt Karriere zu machen. Mit dem „Symphonischen Blasorchester Groß-Berlin“ ist er in den 20er Jahren wiederholt im neu entstandenen Rundfunk zu hören. Er dirigiert Schubert, sogar Wagner, am liebsten jedoch leichte Operettenpotpourris. Gustav Sabac el Cher will gefallen, und es gelingt ihm spielend. Erhalten ist die Visitenkarte einer Verehrerin an den „so liebenswürdigen wie schneidigen“ Kapellmeister, der bei Tanzbällen schon mal sein Pult verließ, um die Damen von besonders plumpen Tanzpartnern zu erlösen.

Umfangreiches Wissen über diese Zierde der preußischen Armee verdanken wir Gorch Pieken, früher Mitarbeiter am DHM, heute wissenschaftlicher Leiter am Militärhistorischen Museum in Dresden. Zusammen mit der Autorin Cornelia Kruse recherchierte er minutiös die Geschichte des Kapellmeisters von dessen Vater bis zu den heute noch lebenden Nachfahren. Heraus kam eine Geschichte, die das viel bestaunte Bild von Emil Doerstling noch weit in den Schatten stellt.

Der Vater: ein Geschenk aus Kairo

Am Anfang steht eine typisch preußische Dienstreise: Prinz Albrecht von Preußen, jüngster Bruder des Königs und ein ziemlich unbeherrschter Haudrauf, wird zu Beginn des Jahres 1843 wegen einiger Skandale vorübergehend der Aufmerksamkeit des Berliner Klatsches entzogen. Mit einem stattlichen Tross wird er nach Ägypten auf Expedition geschickt. Auf Zeichnungen eines mitreisenden Illustrators sieht man den Abenteurer, farbenprächtig gekleidet wie für den Wilden Westen, Land und Leute erkunden. Tief in der Grabkammer einer Pyramide singt die Expedition „Heil dir im Siegerkranz“.

In Kairo bekommt der Prinz von Preußen ein wertvolles Gastgeschenk: Muhammad Ali Pascha übergibt ihm einen etwa siebenjährigen nubischen Beduinensohn. Der Prinz nennt ihn nach einem ägyptischen Morgengruß „Sabac el Cher“. Später in Berlin wird er auf den Vornamen August getauft.

Mit 15 Jahren wird August Diener im Palais des Prinzen an der Wilhelmstraße, wenig später dessen persönlicher Kammerdiener. 1867 heiratet er die 24-jährige Berlinerin Anna Maria Jung, die Tochter eines angesehenen Kleidermachers.

Drei Monate später kommt Gustav, der spätere Kapellmeister zur Welt, im Jahr darauf seine Schwester Elise. Bis zum Tod des Prinzen Albrecht, an dessen Seite August sogar in die Schlacht zieht, wohnt die junge Familie im Palais, später in einer eigenen Wohnung in der Baruther Straße im heutigen Kreuzberg. Der älteste Sohn des Prinzen ernennt ihn zum prinzlichen Silberverwalter. Das Prinz-Albrecht-Palais übrigens wird sechs Jahrzehnte später zu einer Adresse des Schreckens, zum Sitz der Gestapo und des Reichssicherheitshauptamtes.

Falsche Freunde vom Stahlhelm

Verglichen mit den nun begangenen Grausamkeiten sind die feudalen Zeiten im Palais von beschaulicher Art. So fragwürdig uns der Umgang mit den „Mohrenlakaien“ heute auch erscheint, in nicht wenigen Fällen dürften die Verhältnisse zwischen Herr und Knecht von wechselseitiger Achtung geprägt gewesen sein. Leibeigenschaft und lebenslanger Schutz gingen Hand in Hand.

Gustav Sabac el Cher jedenfalls identifiziert sich mit dem wilhelminischen Wertekanon; mit der Demokratie dagegen weiß er nichts anzufangen. Als er gegen Ende der Weimarer Republik in Senzig bei Königs Wusterhausen eine Gartenwirtschaft eröffnet und dort des Öfteren mit seinen Söhnen Horst und Herbert musiziert, sind auch seine Freunde vom „Stahlhelm“, vom reaktionären „Bund der Frontsoldaten“ regelmäßig zu Gast. Dass in dieser Ecke der moderne Rassismus in seiner schlimmsten Form gedeiht, will der beliebte Musiker nicht wahrnehmen. Noch triumphiert der traditionelle Korpsgeist über die moderne Barbarei. Nach 1933 aber sind seine Kameraden vom Stahlhelm plötzlich zu feige, ins Café Sabac-el-Cher an den Krimnicksee zu kommen, das nun nur noch „Negerkneipe“ ist.

Sabac el Cher macht sein Café dicht, versucht sich in der Oranienburger Straße in Mitte noch einmal als Gastronom und stirbt am 4. Oktober 1934 im Alter von 66 Jahren. Die Anteilnahme an seinem Tod ist groß. Aus dem Exil im niederländischen Doorn lässt sogar Wilhelm II. ein Beileidstelegramm schicken. Man betrachtet ihn dort noch immer, schreibt Pieken, als Teil des Hohenzollern’schen Hausstandes. Sein letztes Grab fand Gustav Sabac al Cher in Königs Wusterhausen, wo sich die Söhne schließlich niedergelassen hatten.

Mit dem Mohrenkapellmeister stirbt ein Teil der alten Welt, er muss die Schrecken des modernen Rassismus nicht mehr erleben.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?