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Prinzessinnengarten in Kreuzberg: Raus mit den Kartoffeln!

Im kommenden Jahr läuft der Mietvertrag des Prinzessinnengartens am Moritzplatz aus, ob er verlängert wird, ist ungewiss.

Im kommenden Jahr läuft der Mietvertrag des Prinzessinnengartens am Moritzplatz aus, ob er verlängert wird, ist ungewiss.

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Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Berlin -

Mehr als 20 Sorten Tomaten und exakt 16 Sorten Kartoffeln werden dieser Tage im Prinzessinnengarten in Kreuzberg geerntet. Nachbarn und Schulkinder wühlen gemeinsam in der Erde, Kitagruppen holen sich Bio-Kräuter fürs Mittagessen. Doch es könnte die letzte Erntezeit am Moritzplatz sein.

Im kommenden Jahr läuft der Mietvertrag aus, ob er verlängert wird, ist ungewiss. Beim Liegenschaftsfonds, der das Gelände verwaltet, sind bereits mehrere Interessenten vorstellig geworden, die das knapp 6000 Quadratmeter große Grundstück bebauen möchten.

„Wir fürchten, dass unser Nachbarschaftsprojekt einer renditeorientierten Liegenschaftspolitik geopfert wird“, sagt Marco Clausen, einer der Gründer des Prinzessinnengartens. Er und einige Freunde hatten im Jahr 2009 begonnen, die über Jahrzehnte vermüllte Brache am Moritzplatz zu beräumen. Sie stellten Kisten und andere Gefäße auf, füllten diese mit Erde und pflanzten los. Immer mehr Nachbarn machten begeistert mit.

Zuletzt kamen rund 50.000 Besucher aus dem In- und Ausland. Man kann selber buddeln oder einfach im Garten-Café sitzen, wo das Gemüse erntefrisch verarbeitet wird. 16 Ableger hat der Garten inzwischen – in Berliner Kitas und Schulen, auf dem Gelände der Universität der Künste und beim Haus der Kulturen der Welt wird ebenfalls gepflanzt und geerntet.

Bis zum Zweiten Weltkrieg war der Platz einer der lebendigsten Orte in Kreuzberg. Seit der Zerstörung des dortigen Wertheim-Kaufhauses im Jahr 1945 durch Bomben verlor er an Bedeutung. Das Großstadt-Biotop auf der Kaufhaus-Fläche und seit 2011 auch das Aufbau-Haus mit mehr als 30 Kreativ-Projekten locken jetzt wieder Menschen an den Platz – und lassen Investorenträume sprießen. „Es gibt Vorgespräche, aber keine konkreten Angebote oder Verhandlungen“, heißt es beim Liegenschaftsfonds.

Auch der Prinzessinnengarten ist Teil der Aufwertung. Er ist inzwischen so erfolgreich, dass ein sang- und klangloses Verschwinden undenkbar scheint. So sieht man es auch im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, der für die Planung des Gebietes zuständig ist. Bevor ein Investor dort etwas tun kann, muss ein Bebauungsplan aufgestellt werden.

Ein solcher Plan, sagt Bürgermeister Franz Schulz (Grüne), dürfe nicht ausschließlich auf einen Neubau fixiert sein: „Wir müssen ein langfristiges Nutzungsprofil ergebnisoffen diskutieren“, sagt er und meint damit, einem Investor könne durchaus auch ein Garten planungsrechtlich vorgegeben werden.

Zunächst soll der Prinzessinnengarten kurzfristig gesichert werden. Möglichst mit einem neuen, fünfjährigen Mietvertrag, fordern Stadtgärtner und Bezirk. Unterstützung erhalten sie Berlin-weit. Über eine Online-Petition kamen innerhalb von sieben Tagen mehr als 7000 Unterschriften für einen Verbleib des Projekts am Moritzplatz zusammen.

Die Initiative Stadt Neudenken, der Soziologen, Künstler und Wissenschaftler angehören, sieht gar einen Präzedenzfall: „Der Prinzessinnengarten steht für ein neues Miteinander durch gemeinsam geschaffenen Lebensraum“, sagt ihr Sprecher Florian Schmidt.

Unter dem Motto „Wohin geht das schöne und wilde Berlin“ diskutieren am 21. September (18–20 Uhr) Anwohner, Politiker und Fachleute im Prinzessinnengarten. Mehr Infos gibt es hier: www.prinzessinnengarten.net