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Pro und Contra: Lollapalooza im Treptower Park - fünf Gründe dagegen, fünf dafür

Feste feiern: Zum Lollapalooza 2015 kamen 45.000 Menschen.

Zum Lollapalooza 2015 kamen pro Festivaltag 45.000 Menschen. 2016 werden  jeweils 70.000 erwartet.

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imago/STAR-MEDIA

Diese Gründe sprechen gegen Lollapalooza im Treptower Park:

  • Naherholung adé

Anders als das Tempelhofer Feld ist der Treptower Park nahezu durchgängig eine Grünanlage und ein Naherholungsgebiet. Von Erholung kann allerdings keine Rede mehr sein, wenn wie geplant 70 Prozent des 88 Hektar großen Parks abgesperrt werden. Dem Berliner Grünanlagengesetz zufolge dürfen die Parkbesucher nicht „unzumutbar gestört werden“ - ganz zu schweigen vom Ruhebedürfnis am Sowjetischen Ehrenmal im Park, einer Gedenkstätte mit Kriegsfriedhof.

„Niemand wird dort auf den Gräbern tanzen“, verspricht Tommy Nick, Sprecher des Lollapalooza. Nur wer kontrolliert das? „Unbestritten ist, dass der Veranstalter zur Durchführung des Festivals verschiedene Auflagen zu erfüllen hat“, heißt es von Seiten des Bezirks. Konkrete Maßnahmen könnten aber noch nicht benannt werden.

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  • Erst renoviert, dann zertrampelt?

Umweltschützer sorgen sich angesichts des Lollapalooza nicht zuletzt um die Tiere und Pflanzen im Treptower Park. Aktuell wird dieser für mehr als 13 Millionen Euro saniert, Wege und Grünanlagen denkmalgerecht wiederhergestellt. Zudem ist der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angelegt Park ein Gartendenkmal. Jede Nutzung muss so schonend erfolgen, dass die Natur „nicht beschädigt, verschmutzt oder anderweitig beeinträchtigt“ wird.

Erst im vergangenen Jahr hatte der Bezirk aus Sorge darüber verhindert, dass im Treptower Park die Neuauflage der Loveparade endete. Wie er nun angesichts von 45.000 Besuchern gesichert werden soll, ist noch völlig unklar. Zäune halten betrunkene Festivalbesucher erfahrungsgemäß nur selten auf - das zeigte sich schon 2013, als die britische Band The XX das Festival "Night + Day" im Spreepark feierte.

Damals schlugen sich bierselige Konzertgäste ungeachtet des Security-Personals durch die Büsche, um auf das baufällige Riesenrad zu klettern. Schon deshalb erscheint die Vergügungsruine im Plänterwald als Alternativort, wie aktuell durch die SPD in der Diskussion, nur wenig realistisch. Seitdem hat jedenfalls nie wieder ein Musiker das wildromantische Gelände genutzt.

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  • Ärger bei anderen Veranstaltern

Seit 19 Jahren gibt es im Treptower Park das Figurentheater Grashüpfer. Am 10. und 11. September hat das Ensemble anlässlich des Einschulungs-Wochenendes ein Extraprogramm für Familien geplant. Es gibt schon Verträge mit Künstlern. Jetzt weiß man dort nicht, ob die Umgebung ruhig genug sein wird für den Märchenabend. Und ob die Familien überhaupt hinfinden im Lollapalooza-Partytrubel. Am Wochenende davor ist übrigens das alljährliche Puppentheaterfestival geplant - auch hier befürchtet man Einschränkungen, weil für das Lollapalooza überall Zäune aufgebaut werden müssten.

Unverständlich erscheint die Politik des Bezirks auch für einige Partyveranstalter: Die Berliner Clubcommission etwa, die sich für den Erhalt der Clubkultur einsetzt, bemängelte, dass im Gegenzug kleine Open Airs nicht genehmigt würden. Warum ist es möglich, 40.000 Menschen auf der Wiese tanzen zu lassen, aber nicht 50? "Scheinbar haben Reiche mehr Recht auf Stadt", schrieb die CC bei Facebook.

#Lollapalooza im #TreptowerParkWieso kann ein Festival mit 40.000 Besuchern im Park stattfinden, ein #FreeOpenair mit...

Posted by Clubcommission Berlin on Montag, 15. Februar 2016

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  • Noch mehr Partytouristen in Kreuzberg

Sollte das Lollapalooza tatsächlich nach Treptow ziehen, soviel steht schon fest, würde die Puschkinallee gesperrt. Abgesehen davon, dass dadurch ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt beeinträchtigt wäre, droht damit auch eine Verlängerung der Partymeile auf der Schlesischen Straße. Schon jetzt sind die Sauftouristen, die vom U-Bahnhof Schlesisches Tor zum Bermuda-Dreieck rund um das Badeschiff ziehen, für die Kreuzberger Anwohner ein Ärgernis.

Mit dem Menschenstrom zum und vom Lollapalooza, das zeigte sich schon beim Berlin Festival auf dem Arena-Gelände, droht ihnen nun ein weiterer Anstieg von Lärm, Müll, Glasscherben und pöbelnden Horden.

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  • Es gibt genug Alternativen

Das Land Berlin ist vertraglich gebunden und daher gehalten, für die ursprünglich auf dem Tempelhofer Feld stattfindende Veranstaltung einen Ausweichort zu finden. Gemeinsam mit dem Veranstalter muss also eine Lösung her, um Schadenersatzansprüche in Millionenhöhe von Berlin abzuwenden. Kurz gesagt: Es bleibt dem Land eigentlich nichts anderes übrig, als sich den Interessen der Veranstalter zu beugen. 

Bei der Suche nach einem neuen Standort hätten die Berliner Behörden eine sehr große Hilfsbereitschaft gezeigt, sagte auch Festivalprogrammgestalter Stefan Lehmkuhl. Am Ende hätten die Organisatoren sogar unter mehreren Standorten  auswählen können – "obwohl es in Berlin ja nicht so viele große Flächen gibt". Umso mehr stellt sich die Frage, warum diese Alternativen angesichts der Treptow-Gegner nicht genauer geprüft werden.

Stattdessen erhöhte das Festival erst mal die Preise. Bis vor Kurzem konnten noch alle, die 2015 dabei waren, Tickets für 99 Euro buchen. Dieses Angebot gilt jetzt nicht mehr, auch das Early-Bird-Ticket zum Vorzugspreis von 119 Euro wird nicht mehr angeboten - obwohl bis heute keine offizielle Genehmigung für einen finalen neuen Standort vorliegt. Seit Montag kosten zwei Festival-Tage 139 Euro, einzelne Tage 79 Euro. Wer später bucht, zahlt sogar noch mehr (149 bzw. 159 Euro).

Lesen Sie auf der nächsten Seite fünf Gründe, die für das Lollapalooza im Treptower Park sprechen.

Diese Gründe sprechen für Lollapalooza im Treptower Park:

  • Wahnsinns-Lieblings-Festivalort

Was braucht es, um ein gelungenes Festival auf die Beine zu stellen? Eines, das Besuchern noch Jahre später ein Hochgefühl beschert, wenn sie sich daran erinnern? Es braucht eine grüne Kulisse, es braucht Wasser zum Füßebaumeln-Lassen, es braucht Flair, der die Fantasie ankurbelt. Was es nicht baucht, sind weite Wege, fettriefende Fressbuden und lange Kloschlangen.

Der Treptower Park hat alles, was es braucht, um ein Wahnsinns-Lieblingserinnerungs-Festival zu veranstalten: Baumkronen zum Drunterlegen, Bühnen mit Spreeblick, die Stadtsilhouette mit Fernsehturm in der Ferne, die Ringbahnstation direkt vor der Tür, dutzende Hotels und Hostels in der Nähe und eine ins 19. Jahrhundert zurückreichende Geschichte für Fantasiereisen. Dazu eine noch eine nachhaltige und durchdachte Organisation: Fertig ist das Hochgefühl!

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  • Auflagen sollen Natur und Anwohner schützen

Das Hochgefühl der einen darf natürlich nicht zur Last der anderen werden - das ist die Grundvoraussetzung für ein gelungenes Festival. Weder Natur noch Anwohner sollten darunter leiden. Hört man Lollapalooza-Sprecher und Bezirksvertreter reden, klingt das aber auch nicht nach Rücksichts- oder Gedankenlosigkeit.

„Wir sind uns bewusst, dass der Treptower Park ein Ort ist, mit dem man sensibel umgehen muss“, sagt Tommy Nick, Sprecher des Lollapalooza. Im vergangenen Jahr hingen schon Tage vor dem Festival Briefe an den Haustüren der Nachbarschaft, in denen sich die Veranstalter für den Lärm entschuldigten. Das Festival findet am Tag zwischen 11 und 23 Uhr statt, schlaflose Nächte dürfte es also keinem Anwohner beschert haben.

Auch Bezirksstadtrat Rainer Hölmer (SPD) will sicherstellen, dass die Natur im Park wenig Schaden nimmt. Bäume, Sträucher sowie weite Teile sollen eingezäunt, außerdem eine Vielzahl von Toilettenanlagen installiert werden. Und die vier Bühnen dürfen nur auf den Rasenflächen stehen, da diese leichter wiederherzustellen seien.

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  • Der Veranstalter hat Kosten, die Stadt nicht

Und wenn doch was liegenbleibt oder kaputtgeht? Kritiker befürchten, die Schutz-Maßnahmen könnten nicht ausreichen. „Wir werden den Veranstalter für alle Schäden haftbar machen", sagt der Bürgermeister von Treptow-Köpenick Oliver Igel (SPD). "Damit ist er auch einverstanden." Der Veranstalter hinterlegt also eine Sicherungssumme, mit der der Park im Fall der Fälle nach dem Festival wieder herzurichten ist. Der Bezirk zahlt keinen Cent dafür.

Apropos Kosten: Unabhängig von der Veranstaltungsstätte kommt es der Hauptstadt zugute, wenn das Lollapalooza stattfindet. Falls nicht, drohen ihr Schadensersatzklagen in Millionenhöhe. Geld, das im chronisch klammen Berlin sicher anderswo sinnvoller investiert wäre als in einem im Zank zugrunde gerichteten Festival.

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  • Der Park ist als Partygelände erprobt

Der Treptower Park hat in der Vergangenheit schon bewiesen, dass er Großveranstaltung kann: zum Beispiel im jahr 2006, als rund 200.000 Menschen hier beim WM-Public Viewing feierten. Die Schäden, die dieses deutlich größere Event hinterließ, waren überschaubar. Ein kleiner Teil der Liegewiese musste aufgefräst werden, der Rest wurde belüftet, das reichte damals schon. Die Kosten beliefen sich auf einen Bruchteil dessen, was vorher veranschlagt worden war.

Auch das Konzert von Bob Dylan 1987 überlebte der Treptower Park. Und sollte alles gut gehen, stünde der Treptower Park in einer schönen Tradition von großen Parkfestivals wie dem Austin City Limits in Texas, denm British Summer Time im Londoner Hyde Park oder dem norwegischen Øyafestival im Tøyenparken in Oslo.

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  • Berlin hält seine Feier-Kultur hoch

Berlin, das ist die Stadt der Loveparade. Die Stadt der Draußen Open-Airs, der wildestens Spontanpatys und der Rund-um-die-Uhr-Clubs. Zumindest ist Berlin die Stadt, die das alles einmal war. Das Feiern ist in der Berliner DNA verankert, ihre Feste haben die Stadt zu einem Ort voller buntem Leben gemacht, der (noch) nicht so steril daherkommt wie viele andere touristengefüllte Hauptstädte. Erinnern wir uns daran und bewahren, was davon übrig ist!

Das Lollapalooza-Festival ist eine der populärsten Musikveranstaltungen in den USA, 2015 gastierte es zum ersten Mal in Europa - in Berlin. Junge Menschen reisten aus der ganzen Welt dafür an. Es ging ihnen nur um ihren Spaß, um eine gute Zeit. Das ist doch toll, solange niemand anders davon Schaden hat! Kopf aus, Sonnenbrille auf, Musik auf die Ohren, herrlich! Statt zu zaudern und zu hadern sollte Berlin ein wenig mehr Zuversicht anstatt Misstrauen an den Tag legen - so wie früher.

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