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Problemschulen in Berlin: Eltern nehmen Eltern die Angst

Susann Worschech (l.) berät Mutter Christina Vogt im Foyer der Schule.

Susann Worschech (l.) berät Mutter Christina Vogt im Foyer der Schule.

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Markus Wächter

Berlin -

Viele Grundschulen in Nord-Neukölln haben einen verdammt schlechten Ruf. Zu viele Kinder aus armen Familien, zu viele kaum Deutsch sprechende Migrantenkinder, kein vernünftiges Lernen sei dort möglich. So heißt es oft. Die vor zwei Jahren gegründete Elterninitiative „Kiezschule für alle“ vertritt dagegen die Meinung, viele dieser Schulen seien deutlich besser als ihr Ruf. Und wären noch besser, wenn auch die bildungsorientierten Eltern aus dem Kiez ihre Kinder dorthin schicken würden.

An diesem Donnerstag ist Tag der offenen Tür an der Karlsgarten-Grundschule, und die jungen Mütter von der Initiative, die alle in der Nachbarschaft wohnen, werben mit Faltblättern für den Standort. „Wenn es um Schule geht, flüchten Eltern hier aus dem Kiez zu oft noch an Privatschulen, ziehen um oder schicken ihre Kinder lieber an staatliche Grundschulen nach Britz oder Tempelhof“, sagt Susann Worschech, Mutter von zwei Kindern, Universitäts-Mitarbeiterin und seit Jahren im aufstrebenden Kiez östlich des Tempelhofer Feldes ansässig. „Es gibt einfach zu viel negativen Spielplatz-Tratsch.“ An der Karlsgarten-Schule verbleiben deshalb vor allem die Schüler aus armen, migrantischen Familien.

Schulleiterin Birgit Unger kennt das seit vielen Jahren. Sie erhält vor dem Termin für die Grundschulanmeldungen die Liste der Vorschulkinder, die im Einzugsbereich wohnen. Am Ende sei meist nur die Hälfte der Kinder tatsächlich hier eingeschult worden. Die Hälfte mit den deutschen Namen komme nicht, sagt Birgit Unger. Allerdings habe sich das jetzt verändert – auch dank der neu gegründeten Elterninitiative. Der Anteil der Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache ist von 85 Prozent auf etwa zwei Drittel gesunken. „Generell ist der Anteil der Kinder aus bildungsorientierten Familien gestiegen.“ Dazu gehörten auch Migrantenfamilien. „Wir wohnen doch bewusst und gerne hier, weil wir die Vielfalt des Viertels mögen“, sagt Anneke Ulrich, die ihren Sohn hier eingeschult hat und nun für die Initiative am Stand steht. „Dann kann und soll sich diese bunte Mischung doch auch in der Schule widerspiegeln.“

Anmeldungen ab 21. Oktober

An diesem Morgen erkundigen sich immer wieder Eltern bei den Müttern von der Initiative. „Viele Eltern haben ja eine unglaubliche Erwartungshaltung an Schule“, sagt Christina Vogt, die mit ihrer bald schulpflichtigen Tochter gekommen ist. Dabei sei keine Schule das Paradies. Bei Eltern, die die Schulen wegen des hohen Migrantenanteils meiden, vermutet sie rassistische Ressentiments. Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) hatte für diese Eltern letztens mehr Verständnis gezeigt. Bei einer von der Initiative organisierten Veranstaltung räumte er ein, dass er schon bei einem Migrantenanteil von 50 oder 60 Prozent sehr genau schauen würde, ob er seine Kinder dorthin schicke.

Die Leitung der Karlsgarten-Schule bemüht sich sehr darum, Vorbehalte zu zerstreuen. Eltern können schon vor Anmeldung im Unterricht hospitieren. Bis zu drei Kindern aus einer Kita wird auf Wunsch garantiert, dass sie in eine Klasse kommen. Bei der Auswahl des Klassenlehrers haben Eltern ein gewisses Mitspracherecht.

Ab dem 21. Oktober müssen Eltern ihre schulpflichtigen Kinder wieder an Grundschulen anmelden. Die Initiative „Kiezschule für alle“ zieht am Donnerstag ab 19.30 Uhr im Interkulturellen Zentrum am Herrfurthplatz eine erste Bilanz.