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Problemsender RBB: Kleiner Schnitt, große Wirkung

Ob ein Beitrag im RBB gesendet wird oder nicht, wird an Reglern wie diesen entschieden. Oder doch an anderer Stelle?

Ob ein Beitrag im RBB gesendet wird oder nicht, wird an Reglern wie diesen entschieden. Oder doch an anderer Stelle?

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Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Für diesen Dienstag um 10 Uhr hat die Senderspitze des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) die Belegschaft ins Studio A nach Berlin eingeladen. Sie stellt sich den Fragen der Mitarbeiter, denn die Unruhe ist groß, seitdem Chefredakteur Christoph Singelnstein Zielscheibe von Zensurvorwürfen und Rücktrittsforderungen ist.

Um sich das Ausmaß der Empörungswelle zu vergegenwärtigen, sei an den Auslöser erinnert: Vor zehn Monaten waren im Fernsehen des RBB innerhalb von zwei Stunden zwei Versionen desselben Nachrichtenbeitrags zu sehen. In der frühen Version sagt der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck, die Hände in den Hosentaschen, dass er zum Flughafen heute „nüscht“ sagen wird – „reicht“. In der späteren Version sagt die Reporterstimme, dass Platzeck heute keine Lust gehabt habe, Fragen zum Flughafendesaster zu beantworten.

Eine Lappalie – hätte es nicht wegen genau dieser weggefallenen Szene zuvor einen Beschwerdeanruf von Platzecks Sprecher, Thomas Braune, gegeben. Singelnstein beteuert, er habe aus freien Stücken gehandelt, als er veranlasst hat, die Szene herauszuschneiden. Doch auch dann muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, zumindest den Anschein erweckt zu haben, Braunes Beschwerde habe gefruchtet. Singelnstein weiß das und hat vor zehn Monaten im Gespräch mit dem Redakteursausschuss und auch jetzt wieder mehrfach wiederholt, er habe einen Fehler begangen und würde heute anders entscheiden. Dennoch stehen seine Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit, sein Ruf als Journalist infrage – und der des RBB gleich mit.

Selbst denken, andere tolerieren

Christoph Singelnstein ist bekannt als eigenwilliger, bisweilen knorriger Mann. Der Pfeifenraucher, der in Anzug und Krawatte immer ein wenig verkleidet wirkt, gilt aber auch als diskussionsfreudig und offen für Argumente. Taugt so einer zur Marionette, zum willfährigen Erfüllungsgehilfen eines Regierungssprechers, zum Parteisoldaten, der auf Zuruf pariert?

Singelnstein, 1955 geboren als Kind einer katholischen Buchhändlerfamilie aus Greifswald, sagte der Wochenzeitung Die Zeit einmal, sein Elternhaus habe ihn gelehrt, „Widersprüche auszuhalten, selber zu denken und Haltungen anderer zu tolerieren“. Dies habe ihn folgerichtig in den kirchlichen Widerstand geführt. Er war zu DDR-Zeiten in der Friedensbewegung engagiert, war im Arbeitskreis Solidarische Kirche und in der Initiative Frieden und Menschenrechte.

Der Reporter Alexander Osang schrieb über Singelnstein, der an einem heißen Sommertag Anfang der 90er Jahre einmal in kurzen Hosen, T-Shirt und Jesuslatschen zur Konferenz der ARD-Chefredakteure erschien, er sei einer, der ein Argument, bloß weil es vom Parteisekretär kommt, noch lange nicht blöd finden musste – „genau so wenig wie er ein Argument deswegen gut fand, weil es von Bärbel Bohley kam“.

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Im August 1990 wurde Singelnstein der letzte Intendant des DDR-Hörfunks und schrieb umgehend sämtliche Leitungsfunktionen neu aus. Wenige Monate zuvor, im März, war er in die SPD eingetreten, nachdem bei der ersten freien Volkskammerwahl mit der CDU eine Blockpartei gewonnen hatte. Singelnstein ist kein aktives, sondern zahlendes SPD-Mitglied. Er hätte es als scheinheilig empfunden auszutreten, weil sich das für einen Journalisten nicht gehört.

SED-Mitglied war Singelnstein nie. In Leipzig hat er Theaterwissenschaften studiert. Weil es für ihn keine Arbeit gab, wurde er 1982 Kulturredakteur beim Berliner Rundfunk. Als er aufgefordert wurde, am Parteilehrjahr teilzunehmen – Nicht-Genossen mussten das – verweigerte Singelnstein das. Bald darauf wurde er Hörspieldramaturg. Da hat man ihn in Ruhe gelassen.

Ohne Not altes Fass aufgemacht

Singelnstein war keiner, der wegen seiner Vergangenheit nach dem Mauerfall erpressbar war. Als Intendant des DDR-Hörfunks plädierte er dafür, „sich mit den einschlägigen Erfahrungen westdeutscher Kollegen so bald als möglich vertraut zu machen, um nicht aufs Neue unter die Fuchtel von politischen Parteien und Wirtschaftsverbänden zu geraten“.

Müsste jemand mit dieser Sozialisation nicht allergisch auf Versuche politischer Einflussnahme reagieren, erst recht in einer Gesellschaft, in der ein Nein überschaubare Konsequenzen hat? Singelnstein war schlecht beraten, dem Spiegel, der die Geschichte vor einer Woche ins Rollen gebracht hat, nicht gleich zu sagen, dass er sich seines Fehlers bewusst ist. Stattdessen sprach er von der „Überfallsituation“, in die der RBB-Reporter Platzeck damals gebracht habe. Damit machte er ohne Not ein altes Fass auf. Der Redaktionsausschuss fühlte sich bemüßigt, sich erneut schützend vor den Reporter zu stellen – und sich damit gegen den Chefredakteur zu positionieren. Nun fordern Politiker den Rücktritt des RBB-Chefredakteurs, weil er Forderungen von Politikern erlegen sei. Wie widersinnig ist das?

Für Mittwoch soll Singelnstein in den brandenburgischen Landtag zur Anhörung vor dem Hauptausschuss geladen werden. Das belegt vor allem eines: das mangelnde Problembewusstsein der Politiker. Der RBB-Chefredakteur ist seiner Chefin, RBB-Intendantin Dagmar Reim, Rechenschaft schuldig. Er ist auch den Aufsichtsgremien der öffentlich-rechtlichen Anstalt Rechenschaft schuldig. Dies wird bei der nächsten Sitzung des Rundfunkrats am 11. April in Potsdam der Fall sein. Zu erklären hat sich Singelnstein auch dem Redakteursausschuss, was längst geschehen ist.

Zu begrüßen ist im Übrigen, dass er sich an diesem Dienstag den Fragen der RBB-Mitarbeiter stellt. Wem der Chefredakteur eines öffentlich-rechtlichen Senders jedoch keine Rechenschaft schuldig ist, sind Politiker, Landesregierungen oder Hauptausschüsse.