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Projekt für psychisch kranke Straftäter: Wut in Weißensee

Tagsüber raus, nachts rein: In das umgebaute Amtsgefängnis sollen im November 20 psychisch kranke Straftäter ziehen. Sie leben dort im halboffenen Vollzug.

Tagsüber raus, nachts rein: In das umgebaute Amtsgefängnis sollen im November 20 psychisch kranke Straftäter ziehen. Sie leben dort im halboffenen Vollzug.

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Markus Wächter

Berlin -

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Es ist die geballte Empörung der vergangenen Wochen, die sich an diesem Abend in der Aula der Grundschule am Weißen See entlädt. Die Stimmung ist angespannt und aggressiv, viele der etwa 500 Menschen im Saal brüllen und schimpfen laut. Die Lautsprecher sind zu leise, es ist eng und stickig, es fehlen Stühle, die Aula ist viel zu klein, die Wut so groß.

Denn viele Menschen im Viertel rund um den Weißen See, einer ruhigen Gegend mit Altbauten und Eigenheimen im Nordosten der Stadt, fühlen sich hintergangen und betrogen. Sie sagen, niemand habe sie bisher ausführlich darüber informiert, dass in dem denkmalgeschützten Backsteinbau in der Großen Seestraße 109, dem früheren Amtsgefängnis, bald 20 psychisch kranke Straftäter im halboffenen Vollzug leben werden. Tagsüber dürfen sie das Haus verlassen, die Nacht müssen sie im verschlossenen Haus verbringen.

Aus der Berliner Zeitung haben viele Bewohner Ende März zum ersten Mal von dem Projekt erfahren, jetzt folgt ein „Informationsabend“ über den Therapeutischen Verbund Weißensee. Auf Plakaten steht „Kein Psychoknast in unserem Familienkiez!“, manche fürchten, dass künftig „Totschläger, Brandstifter und Pädophile“ im Viertel leben. Vor allem Eltern sind aufgebracht, ihre Kindern besuchen Schulen und Kindergärten in der Nähe. „Garantieren Sie mir, dass meinem Kind nicht passiert!“, ruft eine empörte Mutter dem Ärztlichen Direktor des Krankenhauses des Maßregelvollzuges im Land Berlin, Rolf Bayerl, zu. Der antwortet: „Ich kann nur garantieren, dass Täter, die Tötungsdelikte und Sexualstraftaten begangen haben, nicht in diese Einrichtung kommen.“

Menschen integrieren

Bayerl ist zuständig für 680 Patienten in Berlin, die in der Wittenauer Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik und in Buch unterbracht sind. Sie haben geklaut, Menschen verletzt, geraubt, Sachen zerstört. Sie sind schuldunfähig, leiden an Psychosen und Persönlichkeitsstörungen. Im Maßregelvollzug behandeln Ärzte und Therapeuten diese Störungen. Im Durchschnitt haben die Patienten sieben Jahre im Maßregelvollzug verbracht, gab ab es dort nach Ausgängen keine Beanstandungen, entscheiden Ärzte, Richter und Staatsanwälte, ihnen ein Leben im halboffenen Vollzug zu gewähren, um sie schließlich auf ein späteres Leben in Freiheit vorzubereiten. „Unsere Aufgabe ist es, diese Menschen zu integrieren und ihnen ein selbstständiges Leben zu ermöglichen“, sagt Christian Thomas, Geschäftsführer der Zeitraum gGmbH, zu der das Weißenseer Wohnprojekt in der Großen Seestraße gehört.

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2010 kaufte das Unternehmen das Gebäude vom öffentlichen Liegenschaftsfonds. 1,8 Millionen Euro kostet der Umbau, 20 Apartments entstehen. Das Geld stammt aus Krediten, Fonds und Spenden. „Die Täter, vor denen sie Angst haben, die ziehen hier nicht hin!“, sagen die Betreiber. „Diese Einrichtung passt nicht in diesen Kiez“, antworten die Anwohner. „Ich glaube nicht, dass nicht einer dieser Täter rückfällig wird“, sagt eine Mutter.
Die Anwohner haben Alternativen: In Brandenburg stünden Gebäude leer, dort könnten die Straftäter mit Tieren arbeiten.

Kritik an fehlender Mitsprache

Doch das ist nicht die Strategie. Die Patienten, 180 gibt es derzeit in Berlin, sollen sich in der Stadt auf ein Leben in Freiheit vorbereiten. Enthospitalisierung heißt das Konzept. „Das Land Berlin steht hinter dieser Einrichtung“, sagt Martin Möllhoff-Mylius, Aufsichtsreferent für den Maßregelvollzug beim Senat. Dafür wird er ausgebuht.

Die Menschen in der Aula haben nicht nur Angst vor den neuen Nachbarn, sie ärgern sich auch über die Politiker („Erst Tatsachen schaffen und dann diskutieren, das ist doch die mieseste Art, in Berlin Politik zu machen“), die fehlende Mitsprache („Im Vorfeld hätte mehr passieren müssen!“), und dass die marode Grundschule am Weißen See nicht saniert wird. Eltern berichten, ihre Kindern weigerten sich, die Toiletten zu benutzen. „Es gibt kein Geld für 350 Kinder dieser Schule“, schreit ein Vater. „Aber 20 Straftäter bekommen Apartments für 1,8 Millionen Euro.“

Eine Frau schlägt vor, Patenschaften für die Bewohner des Wohnprojektes zu übernehmen. Da grölt der ganze Saal.