blz_logo12,9

Protest in Pankow: Senioren als Hausbesetzer

Das ist unser Haus: Etwa 50 Männer und Frauen halten die Seniorenfreizeitstätte in der Stillen Straße besetzt. Sie wollen bleiben, so lange es nötig ist.

Das ist unser Haus: Etwa 50 Männer und Frauen halten die Seniorenfreizeitstätte in der Stillen Straße besetzt. Sie wollen bleiben, so lange es nötig ist.

Foto:

Gerd Engelsmann

Berlin -

Hausbesetzer sind in der Regel junge Leute. Sie nehmen sich, was sie wollen, sie ziehen in Häuser ohne Vertrag, ohne Erlaubnis. „Besetzt“ schreiben sie dann an die Wand oder „Wir bleiben alle“. Solche Sprüche stehen seit Freitagmittag aber auch an dem Haus in der Stillen Straße 10 in Pankow. Diesmal sind die Besetzer keine jungen Wilden, sondern wütende Senioren. Etwa 50 Männer und Frauen haben ihre Seniorenfreizeitstätte besetzt. Sie sind zwischen 70 und 90 Jahre alt. Am Sonntag soll ihre Einrichtung schließen. Für immer.

Doch die Senioren sind bereit, für ihren Klub zu kämpfen. „Wir sind zwar alt, aber wir lassen uns nicht alles gefallen“, sagt Doris Syrbe. Die 72-Jährige ist Vorstandsvorsitzende der Einrichtung. Die Männer und Frauen haben Luftmatratzen und Feldbetten mitgebracht, darauf werden sie schlafen. Rund um die Uhr wollen sie im Haus sein. Sie wollen gemeinsam kochen und so lange das Haus besetzen, wie es nötig sein wird.

Bezirk spart Geld

Seit vielen Monaten protestieren die Senioren schon gegen die Schließung. Der Bezirk hatte im Zuge der Haushaltsberatungen für die Jahre 2012 und 2013 beschlossen, den Seniorenklub im Pankower Ortsteil Niederschönhausen aufzugeben. Es gebe doch noch weitere Angebote für Senioren in der Gegend. Etwa 60 000 Euro ließen sich sparen, so lauteten die Begründungen. Die Senioren schimpften im Bezirksparlament laut über die Entscheidung der Verordneten, stundenlang saßen sie im Versammlungssaal des Bezirksparlaments in der Fröbelstraße, sie protestierten auf der Straße mit selbstgemalten Schildern und zogen als Demozug durch den Bezirk. Die Pankower Linke unterstützte den Protest, war jedoch in der Minderheit.

Die Senioren können die Entscheidung der Bezirksverordneten nicht nachvollziehen. „Wir haben hier einen Raum gefunden, in dem wir miteinander kommunizieren können, Freundschaften pflegen und neue zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen“, sagt Hermann Hering. Seit 14 Jahren kommt der 74-Jährige regelmäßig in die Stille Straße 10, um dort Skat zu spielen. Etwa 300 Senioren zwischen 60 und 95 Jahren nutzen jede Woche die Angebote im Haus. Es gibt 31 Gruppen, darunter sind etwa Tanz- und Sprachkurse sowie Vorlesungen und Museumsbesuche. Jeden Tag gibt es Mittagessen und Kuchen, eine Tasse Kaffee kostet 50 Cent.

Der Bezirk Pankow hat den Klubmitgliedern Alternativen angeboten. Die Gruppen sollen auf verschiedene Räumlichkeiten in Pankow verteilt werden. Doch damit sind die Senioren nicht einverstanden. „Die zerreißen uns“, sagt die Vorstandsvorsitzende Doris Syrbe. Zum einen wäre erst für einen Teil der Gruppen ein Ersatz gefunden worden, zum anderen sei es für den Vorstand unter diesen Bedingungen unmöglich, einen Überblick über den Klub zu behalten. „Die Leute im Bezirksamt können doch nicht erwarten, dass wir jeden Tag durch ganz Pankow fahren“, sagt Syrbe.

Ein Recht auf würdiges Altern

Am schlimmsten aber, so erzählen die aufgebrachten Senioren am Freitag, sei es für die alten Leute, dass die persönlichen Kontakte verloren gingen. „Da werden Freundschaften zerstört“, sagt Hermann Hering. „Wir haben ein Lebenswerk vollbracht und auch unseren Beitrag für die Gesellschaft geleistet“, sagt er. „Da haben wir doch wenigstens ein Recht auf würdiges Altern.“