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Protest in Pankow: Unterstützung für rüstige Hausbesetzer

Die Besetzer der Begegnungsstätte „Stille Straße“ haben noch viel Kraft für Protest und Besetzung.

Die Besetzer der Begegnungsstätte „Stille Straße“ haben noch viel Kraft für Protest und Besetzung.

Foto:

Gerd Engelsmann

Berlin -

Junge Leute aus Kreuzberg waren da, ein Schulchor ist aufgetreten, ein Gästebuch liegt aus mit solidarische Grußbotschaften und der Pankower Ratschlag, ein Bündnis für den Erhalt sozialer Einrichtungen, hat zwei politikerfahrene Berater entsandt. Sie sollen den Senioren im besetzten Rentnertreff Stille Straße 10 helfen. Denn dort gibt es wirklich viel zu tun.

Seit einer Woche halten Senioren ihre Freizeitstätte in Pankow besetzt, eine Villa mit viel Platz, großem Garten und etlichen Angeboten für Ältere. Die Besetzer protestieren gegen den Beschluss des Bezirksamtes und der Bezirksverordneten Pankow, die Einrichtung aus Kostengründen zu schließen. Und sie sind entschlossener als je zuvor, die Besetzung nicht freiwillig zu beenden und das Haus zu verlassen. Das liegt auch der vielen Unterstützung, die die Frauen und Männer bekommen. Nachbarn bringen Kaffee und Kuchen. „Einige haben sogar angeboten, uns mit Wasser und Strom zu versorgen, falls uns das abgestellt werden sollte“, sagt eine Besetzerin. Schüler haben angeboten, den Zaun zustreichen, ein junger Mann mit Gitarre kam zum Spielen. „Das ist einfach schön und herzerwärmend“ , sagt die Frau. Eine andere sagt: „Für uns bedeutet das hier einfach alles.“ Die meisten der etwa 300 Männer und Frauen, die jede Woche in den Rentnertreff kommen, seien alleinstehend und hätten sonst keine andere Anlaufstelle für Hilfe, Unterhaltung und soziale Kontakte.

Gerangel mit dem Hausmeister

Die Besetzer schlafen auf Luftmatratzen und Klappliegen, sie malen Plakate, legen Flugblätter aus, kochen gemeinsam, koordinieren die vielen Presseanfragen und müssen ständig am Telefon Anfragen beantworten. Denn seit Donnerstag ist das Interesse an der besetzten Senioren-Villa besonders groß. Es gab einen Zwischenfall, kein Drama eigentlich. Am Mittwoch wollte ein Hausmeister des Bezirksamts aus einem Raum der Villa einen Toilettensitz für eine andere Seniorenstätte holen. Ein junger Mann, der den Protest der Senioren im Haus unterstützt, zog den Schlüssel des Hausmeisters aus dem Schloss, es kam zu zu einer Rangelei. Der Hausmeister verletzte sich leicht am Daumen und rief die Polizei . Jetzt wird ermittelt. Die Rentner seien handgreiflich geworden, schrieben Zeitungen. Doch das sei nicht richtig, sagt Doris Syrbe, die Vorstandsvorsitzende des Seniorentreffs. Die Verletzung sei nur ein winziger Ratscher gewesen, sagt eine Frau, die die Rangelei beobachtet hat.

Fakt ist: Es gibt jetzt eine Anzeige wegen Körperverletzung. Und die zuständige Stadträtin für Soziales Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD) kritisiert, in der Freizeitstätte der Senioren hätten sich junge Leute aufgehalten, die dort nichts zu suchen hätten. Illegale also.

Doris Syrbe schätzt die Reaktionen auf den Zwischenfall am Mittwoch als übertrieben ein. „Wir hatten einfach Angst um unsere Sachen. Wir dachten, der Hausmeister wechselt die Schlösser aus“, sagt sie. Und: „Die Senioren lehnen weiterhin jede Form des gewaltsamen Protests ab.“

Seit dem Vorfall tun sich Bezirksamt und Besetzer schwer, miteinander zu reden. Stadträtin Zürn-Kasztantowicz hat die Besetzer für kommenden Dienstag zu einem Gespräch eingeladen. Doch die Senioren lehnen das ab. Sie befürchten, dass das Amt in der Zwischenzeit die Schlösser auswechseln könnte. Das sei bereits am Montag in den Kellerräumen geschehen. Die Besetzer fordern ein Treffen in der Villa.

Die alten Damen, die sich Donnerstagmittag im Erdgeschoss zum gemeinsamen Essen treffen, wirken trotz des Vorfalls immer noch heiter. Etwas müde und entkräftet seien sie vielleicht, sagen sie, aber immer noch voller Tatendrang. „Wir lassen uns von einem solchen Manöver nicht einschüchtern“, sagt Doris Syrbe, 72. „Wir haben keine Angst und machen weiter wie bisher.“ Die Rentner sagen, sie wollen „bis zum bitteren Ende“ bleiben, noch hätten sie die benötigte Kraft.