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Protestaktion: Kreuzberger verhindern Zwangsräumung

Berlin -

Überrascht und überwältigt sei er von so viel Solidarität, sagt Ali Gülbol. Dass ihn und seine Familie so viele Menschen unterstützen, damit hatte der 41-jährige Kreuzberger Malermeister nicht gerechnet. Mit einer spontanen Aktion hatten am Montagmorgen gut 200 Menschen die Zwangsräumung von Ali Gülbols Wohnung verhindert.

Nachbarn, Kollegen und politische Aktivisten blockierten den Eingang und das Treppenhaus an der Lausitzer Straße 8, so dass die Gerichtsvollzieherin umkehren musste. Damit hat ein mehrjähriger Streit um Mieterhöhung, Nachzahlungsfrist und Kündigung seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Für rund 20.000 Euro selbst modernisiert

Ali Gülbol wurde vor 41 Jahren in Kreuzberg geboren, seit 35 Jahren wohnt er in diesem Haus. Zuerst bei seinen Eltern und seit 1999 mit Frau und drei Kindern in einer 122 Quadratmeter großen Wohnung im zweiten Stock. Die Wohnung hat er für rund 20.000 Euro selbst modernisiert. „Im Gegenzug versprach mir mein damaliger Vermieter, dass ich die Wohnung kaufen kann und er die Miete so lange nicht erhöht, bis ich sie abbezahlt habe.“

2006 wurde der Altbau zwangsversteigert und alte Abmachungen galten nicht mehr. Im Gegenteil, so Ali Gülbol: „Der neue Eigentümer hat allen Mietern im Haus die Kündigung geschickt.“ Weil dies vor Gericht keinen Bestand gehabt habe, sei mittels Mieterhöhungen versucht worden, die Mieter zu vertreiben.

Der neue Eigentümer ist die Franell Consulting GmbH, laut eigener Homepage ein Immobilien-Dienstleister, der sämtliche Informationen zu Zwangsversteigerungen von Gebäuden zusammenträgt. Geschäftsführer André Franell war am Dienstag trotz mehrfacher Anfragen nicht zu erreichen.

Ali Gülbol ging gegen die Mieterhöhung vor Gericht, er verlor in zwei Instanzen. Seine Miete betrug jetzt 715 Euro netto kalt, gut hundert Euro mehr als vorher. Und er musste 3500 Euro nachzahlen. Wegen eines Todesfalls in der Familie versäumte er allerdings die zweimonatige Zahlungsfrist. Prompt kam die Kündigung.

„Ich habe das Gefühl, dass Berlin verkauft wird“

Alle Versuche einer Einigung mit dem Vermieter seien ergebnislos geblieben, sagt Ali Gülbol. Gegen die Kündigung ging er erneut vor Gericht. Er verlor wieder, selbst der Bundesgerichtshof urteilte pro Vermieter. Es erfolgten die Räumungsklage und die nun verhinderte Zwangsräumung.

Etwa ein Dutzend der 26 Mietparteien in dem Altbau sei bereits ausgezogen, sagt Ali Gülbol. Er und seine Familie wollen bleiben und damit ein Zeichen setzen: „Das ist doch meine Wohnung, man kann doch nicht einfach Menschen auf die Straße setzen, wegen einer nicht eingehaltenen Frist.“

Unterstützung erhält der Kreuzberger auch von der Politik. So hat der Grünen-Abgeordnete Dirk Behrendt den Vermieter schriftlich gebeten, die Räumung noch mal zu überdenken. Eine Antwort habe er nicht bekommen, sagt Behrendt. Wie es jetzt weitergeht an der Lausitzer Straße 8, ist ungewiss. Sahra Walther von der Initiative „Zwangsräumung verhindern“ sagt, man organisiere jetzt eine Alarmierung per Telefon: „Denn beim nächsten Mal kommt der Gerichtsvollzieher bestimmt nicht allein.“

Ali Gülbol weiß, dass er längst nicht der einzige Betroffene von Mieterhöhung und Verdrängung ist. Er sagt: „Ich habe das Gefühl, dass Berlin verkauft wird. An die Meistbietenden, die ihr Geld durch höhere Mieten reinholen wollen.“ Die Berliner seien dabei die Verlierer.