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Berliner Zeitung | Protestmarsch durch Deutschland: Flüchtlinge laufen von Würzburg nach Kreuzberg
06. October 2012
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Protestmarsch durch Deutschland: Flüchtlinge laufen von Würzburg nach Kreuzberg

Die Flüchtlinge feiern ihre Ankunft am Oranienplatz.

Die Flüchtlinge feiern ihre Ankunft am Oranienplatz.

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Getty Images

Berlin -

Laut hallen Stimmen durch den Korridor von Altbauten in der Kreuzberger Oranienstraße. Plötzlich kommt Leben in die Menschen, die im grauen Nieselregen auf dem Oranienplatz ausharren. Hektisch laufen sie von den Grünflächen Richtung Straße. „Sie sind da!“, ruft einer. An der Kreuzung erscheint ein Zug von Demonstranten, eine Karawane von etwa 70 Flüchtlingen. Vor 28 Tagen waren sie im bayerischen Würzburg aufgebrochen, um nach Berlin zu laufen. Mit dem Protestmarsch wollten sie gegen ihre Asylauflagen protestieren und auf ihre Lebensbedingungen aufmerksam machen. Unter lauten Applaus läuft die bunte Gruppe in das Zelt-Camp ein. „Willkommen in Berlin“ steht auf einem Banner.

Berliner Aktivisten haben eine Zeltstadt errichtet. Mehrere Schlafzelte stehen um Bänke und Stühle herum und es gibt eine improvisierte Küche. Irgendwo knattert ein Stromaggregat. Das ist vorerst die neue Bleibe der protestierenden Asylbewerber.

Traum von neuen Gesetzen für Asylbewerber

Alireza Mirzai ist einer von ihnen. Seit zweieinhalb Jahren ist der gebürtige Iraner in Deutschland. Seine Eltern stammen aus Afghanistan. Was er hier erlebt - Bangen um den Aufenthalt, nicht arbeiten zu dürfen - kennt der 22-Jährige aus der Vergangenheit nur zu gut. Trotzdem wollte er weg. „Im Iran herrscht noch schlimmere Ungerechtigkeit.“ Weil er auch dort einen Flüchtlingsstatus hatte, konnte er nie eine Schule besuchen.

Über die Türkei kam er nach Deutschland. Dann folgt die typische Biografie eines Asylbewerbers: Antrag abgelehnt. Befristete Aufenthaltserlaubnis. Erlaubnis verlängert. Er darf nicht arbeiten und den Landkreis Fürth in der Nähe von Nürnberg nicht verlassen.

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Doch das hat er getan, als er sich dem Protestmarsch anschloss. Jetzt ist er müde. „Einen Tag lang konnte ich gar nicht mehr laufen.“ Trotzdem ist der 22-Jährige gerade glücklich: „Es waren so viele Menschen zur Begrüßung hier“, schwärmt er. Alireza Mirzai träumt von neuen Gesetzen für Asylbewerber. Die jetzigen seien „fest wie ein Gefängnis“.

Die Demonstranten wollen die Abschaffung der sogenannten Residenzpflicht und der Unterbringung in Asylwohnheimen sowie eine schnellere Bearbeitung von Asylanträgen erreichen. „Die Forderungen sind klar“, sagt eine Sprecherin von „Refugee Protest March“. Die Aktion solle vor allem ein Bewusstsein für die Lebensbedingungen der Flüchtlinge schaffen.

Anwohner wollen helfen

Nachdem sich die Aufregung der Ankunft gelegt hat, beäugen Anwohner ihre neuen Nachbarn. „Ich bin sprachlos“, sagt Anna Zehner-Chemali. In den Nachrichten hatte sie von der Flüchtlingskarawane erfahren. „Ich werde fragen, was ich tun kann“, sagt die Berlinerin und schaut in den kalten Herbstregen. „Tee werde ich kaufen“, fügt sie entschlossen hinzu. Sie kennt die Situation der Flüchtlinge. Ihr Mann war einst selbst Asylbewerber. „Es herrschen menschenunwürdige Bedingungen und das schon seit Jahren“, unterstreicht Anna Zehner-Chemali. Dennoch ist sie optimistisch, dass die Solidarität unter Flüchtlingen und Aktivisten den Forderungen zum Erfolg verhelfen kann. „Berlin ist die richtige Stadt dafür.“

Auch der Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele (Grüne) zeigt Solidarität. Er steht inmitten der Neuankömmlinge und scherzt mit ihnen. Der Mut der Flüchtlinge sei bewundernswert, sagt er und fügt hinzu: „Diese Menschen riskieren Erhebliches“. Doch Ströbele ist auch optimistisch. Kreuzberg sei der ideale Ort, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, sagt er und fügt hinzu: „Was hier was passiert, dann wird das wahrgenommen.“

Flüchtlinge und Aktivisten erwarten harte Zeiten. Der Winter naht. Mehr als 70 Menschen müssen versorgt werden. Der lockere Zusammenschluss linker Unterstützer ist selbstorganisiert. Lebensmittel, Decken, Zelte - alles basiert auf Spenden.
Für den 13. Oktober ist eine Demonstration vor dem Bundestag geplant. Alles andere ist offen. (dapd)


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