Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Prozess gegen Flugschüler: Gewalt-Drama über den Wolken
17. February 2014
http://www.berliner-zeitung.de/1366400
©

Prozess gegen Flugschüler: Gewalt-Drama über den Wolken

Ende eine Flugstunde: Diese Cessna überschlug sich am 21. Juni 2013 nach einer Notladung auf einem Acker bei Bienenwerder im Oderbruch.

Ende eine Flugstunde: Diese Cessna überschlug sich am 21. Juni 2013 nach einer Notladung auf einem Acker bei Bienenwerder im Oderbruch.

Foto:

dpa

„Ich schaue nicht in die Taschen oder Beutel meiner Flugschüler, ich muss ihnen schließlich vertrauen können.“ Winfried G. sagt diesen Satz am Montag vor der 2. Strafkammer des Landgerichts in Frankfurt (Oder). Er ist 73 Jahre alt, 30 Jahre lang war er Offizier der Luftstreitkräfte. Und so etwas wie Angst kannte der Mann, der heute zusammen mit seiner Ehefrau eine Flugschule in Strausberg (Märkisch-Oderland) betreibt, nach eigenen Angaben bisher nicht. Bis zu jenem Junitag im vergangenen Jahr. Als sein Flugschüler Kleomenis S. in einer Tasche einen ein Kilogramm schweren Stein in die Übungsmaschine geschmuggelt und damit auf Winfried G. eingeschlagen haben soll. Schüler und Lehrer saßen zusammen in einer Cessna, die sich zu diesem Zeitpunkt in etwa 1500 Metern Höhe befand. „Ich habe nur gedacht, jetzt hat mein letztes Stündlein geschlagen“, erzählt Fluglehrer Winfried G.

Kleomenis S. ist an diesem ersten Verhandlungstag fast ganz in Schwarz gekleidet: schwarze Jeans, schwarzes Jackett, schwarze Weste über dem weißen Hemd. Der hagere Mann ist griechischer Staatsbürger, und man sieht es der weiten Kleidung des 1,85 Meter großen Mannes an, dass er einmal mehr gewogen haben muss. Zur Tatzeit soll er wesentlich kräftiger gewesen sein und um die 100 Kilogramm auf die Waage gebracht haben.

Daumen in beide Augen

Der 51-Jährige gibt an, Schuhdesigner zu sein und in Berlin, Griechenland, New York und London gelebt zu haben. Ein Lebensstil, der so gar nicht zu den Taten passen will, die ihm die Staatsanwaltschaft zur Last legt. Unter die Zuhörer haben sich an diesem Tag auch die 85-jährige Mutter des Angeklagten gemischt, die extra aus Griechenland angereist ist, und seine Schwester, die in Kanada lebt und dort Oberst der Luftwaffe ist. Für sie sitzt Kleomenis S. seit sechs Monaten unschuldig in Untersuchungshaft. „In unserer Familie gibt es keine Mörder“, sagt die Schwester.

Der Staatsanwalt geht jedoch davon aus, dass Kleomenis S. versucht hat, Winfried G. aus niederen Beweggründen und Heimtücke zu ermorden. Er wirft ihm zudem gefährliche Körperverletzung und einen Angriff auf den Luftverkehr vor. Der Angeklagte habe die viersitzige Cessna in seine Gewalt und zum Absturz bringen wollen, um sich selbst und den Fluglehrer zu töten. Er soll bei seiner zweiten Flugstunde am 21. Juni 2013 dem neben ihm sitzenden, ahnungslosen Winfried G. einen Stein mindestens dreimal gegen den Kopf geschlagen haben.

Dann soll Kleomenis S. den Kopf des benommenen Fluglehrers umklammert und die Daumen in beide Augen seines Opfers gedrückt haben. Kurz darauf riss er nach Ansicht des Staatsanwalts den Steuerknüppel nach vorn, um so den Absturz zu beschleunigen. „Der Selbsterhaltungstrieb hat schließlich eingesetzt. Ich habe mich gewehrt und das Flugzeug abgefangen“, sagt Winfried G. dazu. Er habe damit auch das Leben des Angeklagten gerettet.

Tatmesser im Strumpf

Kleomenis S. erzählt eine ganz andere Version des Geschehens, in der von seiner Homosexualität und von Aufdringlichkeit des Fluglehrers die Rede ist. Schon beim Checken der Cessna kurz vor dem Flug habe ihn Winfried G. im Schritt berührt. In der Luft sei es unerträglich geworden. „Er hat jede Chance wahrgenommen, um mich zu berühren“, sagt der Angeklagte.

Kleomenis S. erzählt, er habe sich gewehrt. Er könne sich noch genau an den teuflischen Blick des Fluglehrers erinnern. „Ich hatte Angst um mein Leben, als ich in diese Augen blickte“, erzählt Kleomenis S. Schließlich „fiel das Flugzeug runter“. Die Cessna überschlug sich bei der Bruchlandung auf einem Weizenfeld in Zäckericker Loose nahe der polnische Grenze. Doch selbst dann habe der Fluglehrer nicht von ihm gelassen, rechtfertigt sich der Angeklagte. Er erzählt, dass ihn Winfried G. gewürgt und schließlich am Hals und an den Handgelenken Schnitte mit einem Messer zugefügt habe. Kleomenis S. will dann einen Stein in die Hände bekommen und den Fluglehrer niedergeschlagen haben. Dann sei er weggerannt. Wie das Tatmesser in seinen Strumpf gelangte, wo es die Polizei später fand, konnte der Angeklagte nicht erklären. Er nennt Winfried G. während des Prozesses einen Mörder.

Wunden verheilt

Georg Weber, der Nebenklagevertreter von Winfried G., hält die Geschichte von Kleomenis S. für „völlig abwegig und frei erfunden“. Es gebe überhaupt keine Anhaltspunkte dafür, dass der Fluglehrer den Absturz verursacht habe. Und Winfried G. spricht von einer grenzenlosen Verleumdung durch den Angeklagten. „Ich bin weder schwul, noch war ich jemals zudringlich zu einem Schüler“, sagt er.

Winfried G. war nach dem Fastabsturz mit schweren Kopfverletzungen ins Unfallkrankenhaus Berlin geflogen worden. Dort wurde er eine Woche lang stationär behandelt. Drei Wochen nach dem Vorfall arbeitete er bereits wieder als Fluglehrer. Winfried G. holt die Kopfhörer aus seinem Pilotenkoffer, die er damals in der Cessna trug. Die Polizei hat sie ihm zurückgegeben, sie sind noch immer blutverschmiert. „Der Bügel hat mir vermutlich das Leben gerettet, weil er den Schlag etwas abgewehrt hat“, erklärt er.

Dann sagt Winfried G., dass alle Wunden verheilt seien. Auch psychisch gehe es ihm gut. Lediglich zwei Sachen haben sich geändert: Seine Frau und er feiern nun zweimal im Jahr seinen Geburtstag. Und seine Flugschüler müssen ihre Taschen nun während des Übungsfluges im Büro auf dem Boden lassen.

nächste Seite Seite 1 von 2

Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?