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Prozessauftakt in Istanbul: Keinerlei Anzeichen für Reue nach Mord an Hatun Sürücü

Am zweiten Jahrestag der Ermordung der jungen Berliner Türkin Hatun Sürücü hat die Gruenenfraktion eine Gedenkveranstaltung am Tatort an der Oberlandstrasse veranstaltet.

Am zweiten Jahrestag der Ermordung der jungen Berliner Türkin Hatun Sürücü hat die Gruenenfraktion eine Gedenkveranstaltung am Tatort an der Oberlandstrasse veranstaltet.

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Berliner Zeitung/Lautenschläger

Istanbul -

Die Mühlen der Justiz mahlen bekanntlich langsam. Viele hatten daran gezweifelt, ob es zu diesem Prozess in Istanbul jemals kommen würde. Doch am Dienstag standen die Beschuldigten tatsächlich vor der zehnten Strafkammer im Gerichtspalast von Kartal auf der asiatischen Seite der Metropole: Mutlu und Alpaslan Sürücü, angeklagt wegen vorsätzlichen Mordes an ihrer jüngeren Schwester Hatun Sürücü.

Fast genau elf Jahre ist es her, dass die junge Deutsch-Kurdin in Tempelhof mit drei Schüssen regelrecht hingerichtet wurde. Sie musste sterben, weil sie einen westlichen Lebensstil pflegte und das ihrer Familie nicht gefiel, wie ein Berliner Gericht damals feststellte, als es den jüngsten Bruder Ayhan 2006 nach Jugendstrafrecht zu neun Jahren und drei Monaten Haft verurteilte. Die Mitangeklagten Mutlu und Alpaslan Sürücü waren zunächst aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden und entzogen sich, nachdem der Bundesgerichtshof die Freisprüche 2007 aufhob, weiteren Verfahren durch ihre Flucht in die Türkei. Inzwischen sind sie 35 und 36 Jahre alt.

Schuldzuweisungen an Medien

Der „Ehrenmord“ an der 23-jährigen Hatun Sürücü schuf ein Bewusstsein für die Probleme unterdrückter Mädchen aus konservativen Migrantenfamilien und schließlich 2011 zur Verabschiedung eines Gesetzes zur Bekämpfung von Zwangsheiraten. Zwar hatte der Berliner Justizsenator Thomas Heilmann die türkische Justiz immer wieder gedrängt, gegen die flüchtigen Brüder vorzugehen, doch erst 2013 leitete die türkische Seite ein Strafverfahren ein. Das Interesse deutscher Medien war groß, als das Gericht am Dienstag in Istanbul endlich zusammentrat und vier Brüder aus der Sürücü-Familie auf der Anklagebank saßen oder als Zeugen aussagten.

Sie traten auf, als lebten sie noch immer in Berlin-Kreuzberg. Auf türkische Prozessbeobachter machten Emrah, Ayhan, Mutlu und Alpaslan Sürücü einen denkbar schlechten Eindruck, weil sie in ungepflegten Jeans, T-Shirt oder wie Alpaslan sogar in Turnhosen erschienen. Die Brüder hatten sich offenbar abgesprochen, keine Schuld einzuräumen und den Prozess zu einer Anklage der deutschen Medien zu machen, denen sie mehrfach vorhielten, ihre Familie zerstört zu haben. „Unsere Familie ist ganz anders, als es die deutschen Medien berichten“, erklärte der Älteste Emrah Sürücü. „Es ist undenkbar, dass meine Familie den Plan fasste, Hatun zu ermorden.“ Ansonsten galt das Motto der drei Affen: nichts gehört, gesehen, gesagt zu haben.

Politischer Einfluss befürchtet

Die der Öffentlichkeit nicht bekannte Anklageschrift vom März letzten Jahres umfasst laut der Zeitung Hürriyet zehn Seiten. Darin wird Mutlu und Alpaslan Sürücü vorgeworfen, dass sie die Pistole für den Mord besorgt und die Tat mit ihrem jüngeren Bruder Ayhan geplant hätten. Der Schütze selbst hatte ausgesagt, die Tat allein verübt zu haben.

Ayhan Sürücü ist inzwischen 30 Jahre alt, nach Verbüßung seiner Strafe war er 2014 in die Türkei abgeschoben worden. Vor dem Istanbuler Gericht nahm er wieder alle Schuld auf sich, sprach von dem Mord an Hatun unbewegt, als gehe es um eine Fremde. Er sei froh, vor einem türkischen Gericht zu sprechen, denn hier fühle er sich frei. Dann entschuldigte er sich – doch nicht für die Tat, sondern bei seiner Familie, „der ich mit diesem Verbrechen so viele Probleme bereitet habe“.

Die Richter vertagten den Prozess auf den 28. April, an dem weitere Zeugen gehört werden sollen. Auch die Hauptbelastungszeugin Melek A., die inzwischen im deutschen Zeugenschutzprogramm unter anderem Namen lebt, soll angeschrieben werden. Tatsächlich ist schwer vorstellbar, wie das Gericht ohne ihre Aussage zu einer Verurteilung kommen will.

Die damalige Freundin Ayhans hatte ausgesagt, dass Alpaslan Sürücü die Mordwaffe besorgt und Mutlu in Tatortnähe „moralischen Beistand“ geleistet habe. Mutlu, der einen Vollbart nach Dschihadisten-Art trägt, drehte sich zum Schluss zu den deutschen Journalisten um und rief wutentbrannt auf Deutsch, die Medien seien Schuld am Ruin seiner Familie: „Seid ihr froh, was ihr erreicht habt? Könnt ihr uns nicht in Ruhe lassen?“

Die Berliner Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates sagte, letztlich werde eine Verurteilung eine politische Entscheidung sein. „Angesichts der neuen deutsch-türkischen Annäherung in der Flüchtlingskrise halte ich es für möglich, dass die Türkei sagt, dieser Fall ist wichtig, deshalb werden wir so verfahren, wie ihr es in Deutschland machen würdet.“


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