blz_logo12,9

QR Codes auf Grabsteinen: Grabsteine mit „Internetanschluss“

Neuerdings kann man sich QR-Codes in den Grabstein meißeln lassen.

Neuerdings kann man sich QR-Codes in den Grabstein meißeln lassen.

Foto:

AKUD/Lars Reimann

Stefan Herrmann sagt, er sei offen für Neues. Der Steinmetzmeister aus Schmargendorf hat in den vergangenen Jahren so einige ungewöhnliche Grabsteine produziert. Auf einem steht das Logo von Star Trek, der Verstorbene war ein Fan dieser Science-Fiction-Serie. Einem Hertha-Anhänger hämmerte er die blau-weiße Fahne des Fußballvereins in den Grabstein, die Schrift darauf war blau. Herrmann sagt, der Verstorbene habe erst kurz vor seinem Tod eine Dauerkarte für alle Hertha-Heimspiele geschenkt bekommen. Die Angehörigen des Verstorbenen hätten anfangs gezögert, ob der Grabstein wirklich so aussehen dürfe. Herrmann hat ihnen Mut gemacht. „Viele trauen sich nicht zu sagen, was sie sich für die Verstorbenen wünschen“, sagt er. Herrmann ist da unkonventioneller. Der 34-Jährige hat seine Steinmetzwerkstatt an der Eisenacher Straße 61 in Mariendorf „Das besondere Grabmal“ genannt.

Gedenkseite für den Verstorbenen

Und jetzt bietet der Steinmetzmeister sogar noch einen Grabstein mit Internetverbindung an. Einem Trend aus China und den USA folgend, graviert Herrmann einen QR Code in eine Grabplatte ein. Das quadratische, schwarz-weiße Muster – der Name CR für Quick-Responce – wird in einem Programm auf dem Smartphone mit der Kamera eingescannt und führt ins Internet. Dort haben die Angehörigen und Freunde eine Gedenkseite für die Verstorbenen angelegt und gestaltet. Zu sehen sind in der Regel Fotos des Verstorbenen, Filme und persönliche Erinnerungen, die an den Toten erinnern. Das digitale Zeitalter hat nun also auch die traditionelle Friedhofs- und Begräbniskultur erreicht.

Herrmanns digitales Angebot nehmen die Berliner bisher nur sehr zögerlich an, obwohl er sowohl auf seiner eigenen Internetseite dafür wirbt und auch beim vergangenen Tag des offenen Friedhofs ein Modell aufgestellt hat. „Manche Menschen denken, das sei nicht erlaubt“, sagt er. Doch er habe nicht gehört, dass es jemals Beschwerden von Friedhofsverwaltungen gegeben hätte.

Bisher hat der Steinbildhauermeister, 2004 war er der jüngste Steinmetzmeister Berlins, erst einen Auftrag realisiert.

Im vergangenen Sommer war ein junger Mann gestorben, er war erst Mitte 20. Seine Freunde hatten ihm eine Gedenkseite im Internet gestaltet. Nun wollten sie, dass der Link auf diese Seite auch auf dem Grab zu finden sei. Anfangs, so erzählt Herrmann, wollte er den QR Code auf den Grabstein des Verstorbenen setzen. Doch was passiert, wenn der QR Code einmal ungültig wird oder sich die Technik ändert? „Dann wäre dieser Grabstein sinnlos geworden“, sagt Herrmann. Pietätlos wäre zudem gewesen, dass jeder, der den QR Code mit seiner Handykamera aufnehmen wolle, auf das Grab treten müsse. Also fertigte Herrmann eine Stele an, an deren Oberseite der Code auf einer Granittafel eingearbeitet ist, die Stele steht direkt am Friedhofsweg, das Grab befindet sich auf dem Friedhof an der Eythstraße in Schöneberg.

Erinnerungskultur im Wandel

Herrmann ist sich sicher, dass es künftig noch weitere technische Neuerungen in der Grabgestaltung geben werde, Monitore mit Videobotschaften im Grabstein sind möglich, der Strom kommt aus kleinen Solaranlagen auf dem Stein, oder langlebige Akkus liefern den Strom.

„Die neuen Technologien finden ihren Weg auf den Friedhof“, lautet die These der Soziologen Matthias Meitzler und Thorsten Benkel. Die beiden Wissenschaftler forschen im Bereich Friedhofssoziologie über ungewöhnliche und abweichende Grabformen. Kürzlich erschien ihr Buch „Gestatten Sie, dass ich liegen bleibe!“ Benkel sagt, auch in der Friedhofskultur weise die Entwicklung in Richtung Individualisierung, vor allem in Großstädten sei dieser Trend erkennbar. „Die Erinnerungskultur befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, der auch durch das Internet forciert wird“, sagt Meitzler. In Zukunft werde es so sein, dass Dinge, die im Leben eines Menschen wichtig waren, auch danach wichtig bleiben.

Eine wegweisende Änderung dieser Erinnerungskultur plant derzeit das Bundesland Bremen. Erstmals in Deutschland soll dort das Verstreuen von Totenasche auf privaten Grundstücken erlaubt werden. Der Verstorbene muss zu Lebzeiten eine Verfügung unterschrieben haben.