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Berliner Zeitung | Queer-Tango: Die andere Seite des Mondes
02. March 2012
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Queer-Tango: Die andere Seite des Mondes

Das Folgen beim Tango ist etwas komplett anderes als das Führen.

Das Folgen beim Tango ist etwas komplett anderes als das Führen.

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Paulus Ponizak

Berlin -

Florian hat seine Hand an Antjes Schulter gelegt. Als die Musik beginnt, schließt er die Augen. Das Sehen übernimmt jetzt Antje für ihn. Sie hat Florian unter dem Schulterblatt gefasst und steuert ihn sicher zwischen den anderen Paaren auf der Tanzfläche hindurch. Antje führt und Florian folgt. „Es ist schön, die Verantwortung abzugeben“, sagt Florian.

Sonntagabend in der Oranienstraße 185: Ein Raum im Hinterhof ist warm erleuchtet, Tango-Klänge kommen aus den Boxen. Frauen führen Männer, Männer führen Frauen, Männer folgen Männern, Frauen führen Frauen. Ein Paar fällt auf: Ein Mann mit langen dunklen Locken führt einen Mann mit kurz geschorenem Haar. Beide sind leger gekleidet, tragen weite Hosen und dunkle T-Shirts.

Sie umkreisen sich, ihre Beine verhaken sich ineinander, geben sich wieder frei. Harmonisch und verspielt tanzen sie Runde um Runde. Mitten im Tanz wechseln sie fließend die Führung. Luca Curella und Rudy Vega unterrichten im Tanzstudio „Tango tanzen macht schön“. „Wenn ich Tango tanze, dann gehe ich eine intensive Verbindung zu meinem Gegenüber ein, ob das eine Frau oder ein Mann ist, oder ob ich führe oder folge, das ist wurscht“, sagt Luca Curella.

Die andere Seite des Mondes

Dieser Meinung sind nicht alle. Knisternde Erotik zwischen dem kraftvoll führenden Mann und der hingebungsvoll folgenden Frau – das ist das weit verbreitete traditionelle Bild vom Tango Argentino: Vier Jahre lang ist auch Antje mit großer Freude gefolgt, dann wollte sie nicht mehr nur auf die eine Rolle beschränkt sein. „Warum sollte es eigentlich so sein, dass nur der Mann auffordert und führt?“ sagt die 35-Jährige.

Das Lied ist zu Ende. Antje fordert einen Mann auf, der vorhin einem Mann gefolgt ist, Florian lässt sich von einer Frau führen, die beim letzten Tanz eine andere Frau geführt hat. Queer-Tango heißt das Tangotanzen, bei dem nicht unbedingt ein Mann eine Frau führt. Die Impulse dafür kamen aus der schwul-lesbischen Tanzcommunity. Queer-Tango ermöglicht gleichgeschlechtliche Tanzpaare, bedeutet aber gleichzeitig nicht automatisch lesbisch oder schwul, sondern viel weiter gefasst das Aufgeben von herkömmlichen Geschlechterrollen.

„Das Folgen beim Tango ist etwas komplett anderes als das Führen“, sagt Florian, „ich hab das Gefühl, dass ich jetzt die andere Seite des Mondes kennenlerne..“ Hilfe dabei kommt von Astrid Weiske. Jeden Donnerstag gehen Florian und Antje zu ihrem Queer-Tango-Kurs für Anfänger in die Südsternhöfe.

Frauen anfangs zögerlicher beim Führen

In der herkömmlichen Rollenaufteilung brauchen Antje und Florian schon lange keinen Anfängertanzkurs mehr, jetzt müssen sie alles neu lernen. Astrid Weiske tanzt seit siebzehn Jahren Tango und hat von Anfang an auch geführt. „Das gab es damals kaum, und ich habe viele dumme Sprüche geerntet“. Sie war in der schwul-lesbischen Szene unterwegs und hat sich ganz selbstverständlich zu einem Frauentanzkurs angemeldet. Führen zu lernen war eine Bauchentscheidung, einer inneren Neigung folgend. „Es ist schon ein toller kreativer Moment, die Impulse zu geben und die Musik zu interpretieren“, erklärt sie.

„Je fortgeschrittener man dabei ist, desto besser kann man die Gefühle in gemeinsame Bewegung umsetzen und Dynamik erzeugen.“ Oft stellt sie fest, dass es Frauen nicht ganz leicht fällt, das Führen zu lernen. Astrid Weiskes Meinung nach hat das auch mit Sozialisierung zu tun: „Es ist für Männer viel selbstverständlicher, sich Raum zu nehmen, Frauen sind da oft zögerlicher.“

Antje entspannt sich jetzt bei einer Führungspause und folgt Florian. Neben ihr führt in weißer wallender Hose und silbernen Schuhen Andrea Lissner ihre Tanzpartnerin Sabine. Sie tanzt seit drei Jahren und mag das Führen und das Folgen. „Zuerst war ich fasziniert davon, dass ich Männern folgen musste, weil ich sonst eher die Chefin bin“, sagt sie lächelnd, „aber inzwischen gehen mir die Männer ziemlich auf den Geist.“ Sie streicht sich das Haar aus der Stirn. „Auf Tanzveranstaltungen, also auf Milongas, sind meist weniger Männer als Frauen, und diese Männer fordern im Prinzip die jüngsten, schlanksten und die am besten tanzenden Frauen auf, und die anderen sitzen blöd rum.“

„Und ob eine Frau nun folgen oder führen möchte, viele Männer finden das nicht in Ordnung, wenn eine Frau sie auffordert“, ergänzt Sabine. Beide wünschen sich mehr Gleichberechtigung im Tango. „Das ist doch ein total überkommenes Rollenverständnis, dass die Frau auf den Mann warten soll “, sagen beide.

„Tango tanzen macht schön“

Astrid Weiske muss sich schon lange keine Sprüche mehr anhören, selbst in Buenos Aires nicht, wo sich in den vergangenen Jahren auch eine queere Tango-Szene entwickelt hat. Sie hat ihre Leidenschaft vor sieben Jahren zu ihrem Beruf gemacht. Sie gibt Kurse in Berlin und im Ausland, veranstaltet Queer-Milongas, tanzt bei Tangoperformances und hat im vergangenen Jahr Berlins erstes internationales Queer-Tango-Festival organisiert.

Ob Frau-Frau, Mann-Mann oder Frau-Mann – in ihren Kursen ermutigt sie alle Tanzpaare, in Ruhe das Folgen und Führen auszuprobieren und lässt immer wieder die Tanzpartnerinnen und Tanzpartner untereinander tauschen. Die große Mehrheit der Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer kommt aus dem lesbischen, schwulen und transgender Umfeld, Astrid Weiske freut sich aber darüber, dass auch zunehmend Heterosexuelle dabei sind.

Antje tanzt jetzt mit Stefan. Der vertraut sich gerne ihrer Führung an, ihm liegt vor allem daran, dass beim Queer-Tango alles möglich ist. „Mir ist es wichtig, auch mit Männern tanzen zu können, natürlich hat das auch etwas Sexuelles“, sagt der 30-Jährige.

Das sonntägliche Tango-Café im „Tango tanzen macht schön“ schreibt sich nicht explizit den Queer-Tango auf die Fahnen, Luca Curella möchte, dass sich alle Tanzpaare dort wohlfühlen. „Es soll einfach Spaß machen zu tanzen, und wir wünschen uns, dass queerer Tango und – ich sage mal – nicht-queerer-Tango sich selbstverständlich mischen.“

Der letzte Tanz des Abends. Antje wagt einen Blick voraus: „Irgendwann können sich alle unabhängig von Geschlecht und sexuellem Begehren einfach aussuchen, worauf sie beim Tangotanzen Lust haben, ohne sich damit irgendwelchen angeblichen Normen widersetzen zu müssen.“

Sie fordert noch einmal auf. Jo Krämer tanzt gerne beide Rollen. „Ehrlich gesagt“, so sein Resumé, „ich finde, dass jede Frau, die nicht mal führt, und jeder Mann, der nicht mal folgt, echt was verpasst.“


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