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Quereinsteiger: Berliner Schulen bitten zum Lehrer-Casting

Dringend gesucht: qualifizierte Lehrer.

Dringend gesucht: qualifizierte Lehrer.

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dpa

Berlin -

Die 41-jährige Frau mit dem rot-weiß gestreiften Hemd und dem knielangen Rock arbeitet derzeit noch in der Charité, sie hat dort eine Forschungsstelle für Biomedizin. Es ist eine befristete Stelle, wieder einmal. „Professorin werde ich eh nicht mehr“, sagt sie und zuckt mit den Schultern, die berufliche Perspektive fehle ihr. Deshalb hat sie sich nun als Quereinsteigerin bei der Berliner Bildungsverwaltung beworben. Lehrerin für Biologie, Physik und Mathe will sie werden. Und deshalb steht sie am gestrigen Mittwochmorgen im zweiten Stock des Rathauses Schöneberg, im schmucken Foyer. Hier findet die erste Bewerberrunde für Quereinsteiger statt. Ihren Namen will sie lieber nicht in der Zeitung lesen, es könnte ja sein, dass sie nicht genommen wird.

Gut 120 Quereinsteiger für drei Bezirke sind eingeladen. Gesucht werden an diesem Tag Lehrer für Mathe, Physik, Informatik, Arbeitslehre, Sport und Musik. Die Biochemikerin aus der Charité wird schließlich aufgerufen, sie betritt den geräumigen Willy-Brandt-Saal des Rathauses. Vor ihr sitzen etwa 50 Schulleiter aus Tempelhof-Schöneberg, Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg. Die Bewerberin bekommt ein Mikrofon in die Hand gedrückt. Sie soll sich vorstellen und begründen, wieso sie unbedingt Lehrerin werden will. Dabeisein darf der Reporter nicht.

Im Minutentakt wird ein Bewerber nach dem anderen hereingeführt. Ein Informatiker, der keine Lust mehr auf Unternehmensberatung hat, ist auch dabei, und viele Diplom-Biologen. Meist dauert es nur wenige Minuten. Und die Frage, die den Bewerbern gestellt wird, ist fast immer die gleiche. „Können Sie sich vorstellen, auch als Grundschullehrerin zu arbeiten?“ Denn dort fehlen derzeit die meisten Lehrer. Da in diesem Jahr wegen der vielen Pensionierungen über 2 300 Stellen zu besetzen sind, wurden fast alle Unterrichtsfächer zu Mangelfächern erklärt. Gerade in Mathe und Naturwissenschaften findet man kaum noch pädagogisch ausgebildete Lehrer, nun sollen die Quereinsteiger den Mangel beheben, weil Berlin jahrelang zu wenig Pädagogen ausgebildet hat.

„Mir tun da die kleinen Kinder leid“

Auf den Stühlen draußen vor dem Willy-Brandt-Saal warten besonders viele Bewerber, die bisher an den Hochschulen, so scheint es, mehr oder weniger prekär beschäftigt waren. Nun wollen sie doch lieber Lehrer werden, mit fester, unbefristeter Stelle und fixem Gehalt. Allerdings hatten sich viele eher eine Tätigkeit an einer Oberschule mit gymnasialer Oberstufe vorgestellt. „Mir hat keiner vorher gesagt, dass es vor allem um Grundschulen geht“, sagt ein 29-jähriger Ingenieur mit dunklem Lockenschopf, der gerade promoviert. „Mir tun da die kleinen Kinder leid.“ Denn für Grundschulkinder sei eine pädagogische Ausbildung besonders wichtig.

Die Quereinsteiger sollen aber ab August schon im Rahmen des berufsbegleitenden Vorbereitungsdienstes im Unterricht eingesetzt werden. Viele lernen den pädagogischen Umgang mit Kindern also erst, während sie schon mit ihnen arbeiten. Natürlich gibt es unter den Bewerbern auch Menschen, die schon länger mit Kindern gearbeitet haben. Doch manche Schulleiter sind am Mittwoch doch etwas konsterniert über die Motive, Lehrer werden zu wollen. Einer habe als Qualifikation angeführt, dass auch seine Eltern Lehrer seien.

Viele Bewerber hatten sich schon zuvor bei Schulleitern vorgestellt. Während Grundschulleiter um einzelne Bewerber ringen, können Leiter von Oberschulen unter mehreren Bewerbern auswählen. Am Ende der Woche erhalten die Bewerber Bescheid. Derzeit finden in drei weiteren Bezirksverbünden solche „Castings“ statt.