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Quereinsteiger in Berlin: Von heute auf morgen Lehrer

Dringend gesucht: qualifizierte Lehrer.

Dringend gesucht: qualifizierte Lehrer.

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dpa

Die Personalnot an den Schulen ist so groß, dass die Senatsbildungsverwaltung ungewöhnliche Maßnahmen ergreift: Bis auf die Fächer Geschichte, Sozialkunde und Erdkunde hat sie alle Schulfächer zu Mangelfächern erklärt. Konkret bedeutet dies: In nahezu allen Fächern werden künftig Quereinsteiger in den Schuldienst übernommen. Diplom-Biologen oder Hochschulabsolventen mit einem Magisterabschluss in Germanistik sind nun auch gefragt, schon ein Fachhochschulabschluss reicht aus. Das geht aus der neuesten Stellenausschreibung der Bildungsverwaltung hervor, auf die sich Kandidaten bis zum 31. März bewerben können. „So etwas hat es noch nicht gegeben“, sagte Gesamtpersonalrat Dieter Haase.

Ein Quereinsteiger soll zwar nur dann zum neuen Schuljahr im August eingestellt werden, wenn kein ordentlich ausgebildeter Lehrer mit zweitem Staatsexamen gefunden werden kann. Aber gerade an Letzteren fehlt es: Grund für die Personalnot ist die extrem hohe Zahl von Pensionierungen in diesem Jahr, zudem gehen viele Lehrer wegen der Auflösung der Arbeitszeitkonten noch früher in den Ruhestand als geplant. Die Bildungsverwaltung rechnet damit, dass allein im Jahr 2014 gut 2 200 Lehrer eingestellt werden müssen.

Zwar sind gut 575 Lehrer zum Schulhalbjahr eingestellt worden, doch beenden zum kommenden Schuljahr 2014/15 nur etwa 550 Referendare ihre Ausbildung und können dann eingesetzt werden. Mindestens weitere 1 000 Lehrer müssen also auf dem freien Markt gefunden werden. Berlin gewinnt besonders schwer Junglehrer aus anderen Bundesländern, weil die Hauptstadt seit 2004 nicht mehr verbeamtet und Lehrer dadurch netto weniger verdienen. Die vielen Lehrerstreiks und die derzeit stattfindenden Gespräche über einen Tarifvertrag verunsichern auswärtige Bewerber zudem.

Ein Quereinsteiger wird in den Schuldienst übernommen, wenn er einen Diplom-, Magister- oder Masterabschluss in einem sogenannten Mangelfach an einer Universität oder Fachhochschule erworben hat. Zudem muss ein zweites Studienfach mit einem angemessenen Umfang studiert worden sein. (20 Semesterwochenstunden oder neuerdings 30 Leistungspunkte). Allerdings muss er dann noch 18 Monate ein berufsbegleitendes Referendariat absolvieren, denn eine pädagogische Grundausbildung braucht er ja wenigstens.

Während des Referendariats wird der Neuling schon nach den unteren Gehaltstufen der Lehrer bezahlt. Das können je nach Schultyp bis zu 2 800 und 3 279 Euro brutto monatlich sein. Ein Grundschullehrer, der voll arbeitet, erhält gleich bei Einstellung die höchste Gehaltsstufe, etwa 4 100 Euro brutto, beim Gymnasiallehrer sind es 4 700 Euro brutto.

Zu wenig ausgebildet

Das berufsbegleitende Referendariat bedeutet gerade für Quereinsteiger harte Arbeit: Sie müssen sogleich 19 Stunden pro Woche unterrichten, den Unterricht vorbereiten, die Klausuren korrigieren und gleichzeitig noch Seminare besuchen. „Das ist zu viel, um sich auf den Lehrerberuf vorzubereiten, zumal die Termine sich am Morgen ballen“, sagt Gesamtpersonalrat Haase.

Wieso konnte es zu einem solch dramatischen Lehrermangel kommen? Für den GEW-Hochschulexperten Matthias Jähne hängt das damit zusammen, dass der Senat ab 2005 jahrelang zu wenig Referendariatsplätze bereit gestellt hat. „Gleichzeitig hat die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengang viele junge Leute verunsichert“, sagt Jähne. Jetzt gilt selbst Deutsch als Mangelfach.

„Mögliche Seiteneinsteiger werden aber nicht immer zum Zuge kommen“, sagt Jähne. Schon die bisherigen Quereinsteiger-Angebote für die bisher anerkannten Mangelfächer wie Mathe, Physik, Musik oder Latein hätten zu zahlreichen Anfragen in der Bildungsverwaltung geführt, heißt es dort. Viele studierte Theaterwissenschaftler und andere Hochschulabsolventen hätten sich gemeldet, wurden aber oft abgelehnt.