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Rabbiner: Der Umgang wird roher

Der Berliner Rabbiner Daniel Alter.

Der Berliner Rabbiner Daniel Alter.

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dpa

Berlin -

Rabbiner Daniel Alter wirkt fast gelassen. „Ich kann nicht genug klagen“, sagt er auf die Frage, wie es ihm gehe. Es geht ihm also gut, will er damit sagen. „Ich kann wieder normal essen, auch psychisch ist nichts zurückgeblieben.“ Ein flotter Spruch zu einem todernsten Thema – das ist wohl die Art dieses Mannes. Fast distanziert geht er mit jenem Überfall um, der vor etwa sieben Wochen für große Aufregung in der Stadt gesorgt hatte.

Der Rabbiner war Ende August im Beisein seiner siebenjährigen Tochter in der Nähe seiner Wohnung in Schöneberg von vier mutmaßlich arabischstämmigen Jugendlichen überfallen worden. Weil er Jude ist. Daniel Alter ist 53 Jahre alt. An jenem Tag trug er die jüdische Kopfbedeckung, die Kippa, darüber ein Basecap. Es muss verrutscht gewesen sein, so- dass die Kippa darunter zu erkennen war. Jedenfalls fragten ihn die jungen Männer, ob er Jude sei. Als er bejahte, schlugen sie zu, beleidigten ihn, seine Familie und seine Religion. Daniel Alter erlitt einen Jochbeinbruch und wurde in ein Krankenhaus eingeliefert.

Solidarität in der ganzen Stadt

Am Telefon macht er mittlerweile einen entspannten Eindruck. „Ich fühle mich nicht unsicher hier, wo ich wohne“, sagt Alter. Nach wie vor trage er die Kippa in der Öffentlichkeit. Wie vorher auch zieht er sich allerdings quasi zur Tarnung immer einen Hut oder eine Mütze darüber, wenn er auf die Straße geht. „Das mache ich schon seit Jahren so – auf Bitten meiner Frau“, sagt er.

Dass sich Alter nach dem Übergriff nicht unsicher auf der Straße und an seinem Wohnort fühlt, liegt seiner Einschätzung nach an der großen Solidarität, die ihm Menschen in der ganzen Stadt, in der deutschen Gesellschaft insgesamt, aber vor allem auch in seiner Nachbarschaft entgegen gebracht hätten. Erst am Wochenende habe ihn ein Mann mit einem Kind angesprochen und ihn seiner Solidarität versichert. „Dies und all die anderen positiven Rückmeldungen, das viele Mitgefühl, die Blumen, die Geschenke, das gibt mir Kraft, weiter zu machen“, sagt Alter. Auch für seine beiden Töchter sei es wichtig zu wissen, dass sie nicht alleine sind.

Er habe nach dem Überfall keine Ambitionen wegzuziehen weder aus seinem Bezirk, noch aus Deutschland. Aber das sei natürlich nicht in Stein gemeißelt. „Ich bin nicht panisch. Wenn es aber viel, viel schlimmer wird mit der direkt übergriffigen Gewalt und mit dem alltäglichen Antisemitismus, wenn dann auch noch die Beschneidung kriminalisiert wird, dann werden meine Familie und ich über diese Frage sicher noch einmal nachdenken“, sagt er.

Polizei ermittelt weiter

Zu den Ermittlungsbehörden halte er nach wie vor Kontakt, sagt Alter. Er habe Verständnis dafür, dass es schwierig sei, die Täter festzunehmen. Zu Details will er auf Bitten der Polizei allerdings nichts sagen. Und auch die beteiligten Behörden äußern sich zu den Ermittlungen nur sehr zurückhaltend. Die Polizei ermittle in allen Richtungen, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Martin Steltner am Montag. Es gebe allerdings Ermittlungserfolge. Worin diese bestehen, erklärte er allerdings nicht. „Zu Personen sagen wir gar nichts“, sagte Martin Steltner. Auch die Polizei äußerte sich zu Details der Ermittlungen zum Überfall nicht.

Daniel Alter ist Ende August zum ersten Mal Opfer einer Gewalttat geworden. Auf die Frage, wie er die Häufung von Übergriffen der letzten Zeit in Berlin wahrnimmt, gerät er ins Nachdenken. „Das Maß an Aggression steigt“, sagt er dann. Ein Bauchgefühl sei das allerdings nur, er könne es nicht belegen. „Der Umgang wird roher.“