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Berliner Zeitung | Rabbinerseminar in Berlin: Ist es wirklich so schwer, ein Vorbild zu sein?
23. February 2016
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Rabbinerseminar in Berlin: Ist es wirklich so schwer, ein Vorbild zu sein?

Wollen Rabbiner werden: Shlomo Sajatz und Shraga Jaakov Ponomarov.

Wollen Rabbiner werden: Shlomo Sajatz und Shraga Jaakov Ponomarov.

Foto:

Gerd Engelsmann

Der fleischige Löffel ist das Problem des Tages. Shlomo Sajatz und Shraga Jaakov Ponomarov, zwei junge Männer in dunkler Kleidung, sitzen nebeneinander an einem kleinen Tisch und debattieren darüber, ob mit einem Löffel, wenn er einmal in der Suppe war, jemals wieder Milch umgerührt werden darf. „Du sollst nicht das Böcklein in der Milch seiner Mutter kochen, so steht es in der Tora“, sagt Sajatz. Aber was heißt das? Braucht man zweierlei Geschirr, weil Fleischiges und Milchiges nach jüdischen Speisevorschriften nicht vermischt werden darf oder reicht es, den Löffel abzuwaschen?

Eigentlich  benötigt ein jüdisch ritueller Haushalt alle Utensilien sogar vierfach; Geschirr für Milchiges und Fleischiges und außerdem das gleiche noch einmal für das Pessachfest. Aber es gibt Ausnahmen. „Es kommt auf alle Umstände an“, sagt Ponomarov. Schwarz oder weiß, so einfach ist es nicht mit den Gesetzen.

Die beiden jungen Männer führen ihr Gespräch im Studierzimmer des orthodoxen Rabbinerseminars in der Brunnenstraße in Mitte. Seit dem Jahr 2009 werden an diesem Ort Rabbiner für deutsche jüdische Gemeinden ausgebildet. Mit der Zuwanderung osteuropäischer Juden nach der Wende wuchs der Bedarf an frommen Männern, die sich auskennen mit der traditionellen Spielart des jüdischen Glaubens. Der Zentralrat der Juden und die Stiftung des amerikanischen Milliardärs Ronald S. Lauder gründeten deshalb an der Brunnenstraße eine Ausbildungsstätte für orthodoxe Rabbiner – ein Pendent zum Abraham Geiger Kolleg in Potsdam, das liberale Rabbiner ausbildet.

Ständiges Gemurmel

Zehn  junge Männer lernen zurzeit an der Brunnenstraße. An diesem Tag sitzen sie im Studierzimmer, der Bet Medrash, immer zu zweit an einem Pult. Der Raum ist von ihrem Gemurmel erfüllt. „Wir lernen immer zu zweit“, sagt Shlomo Sajatz. Vor sich auf Buchständern hat er Gesetzestexte und Kommentare. Er nimmt ein dickes Buch in die Hand und blättert. Irgendwie muss die Milch-Löffel-Frage zu klären sein.

Drei Jahre beschäftigt sich Shlomo Sajatz schon mit ähnlichen Problemen. Er ist 27 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Sajatz ist ein sehr schlanker junger Mann mit weißem Hemd, dunklem Anzug und einer Kippa auf dem Kopf, der jüdischen Kopfbedeckung, die er immer trägt – draußen auf der Straße mit einer Basecap darüber. Sajatz will Rabbiner werden. Eigentlich hätte er noch ein Jahr vor sich, um sein Studium abzuschließen, aber er hat schon das gesamte Programm durchlaufen und so wird er im Sommer sein Examen machen.

Er könnte dann von einer Gemeinde eingestellt werden und spätestens zu diesem Zeitpunkt muss er sich in vielen Fragen auskennen, nicht  nur beim Geschirr. Der Rabbiner leitet Gottesdienste und Zeremonien.  Ob ein Paar verheiratet werden soll, ein Verstorbener nach jüdischen Regeln ins Bestattungsinstitut transportiert wird oder Eltern wissen wollen, mit welchem Spielzeug ihre Kinder am Schabbat spielen dürfen – der Rabbiner muss Experte in allen religiösen Angelegenheiten sein. Er wird gerufen, wenn es Eheprobleme gibt, sich nach antisemitischen Übergriffen öffentlich äußern und ein Vorbild sein.

Shlomo Sajatz kannte als Junge nur alte Männer mit schwarzen Hüten als Rabbiner. Er ist aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. „Mit 16 habe ich angefangen, mich für Religion zu interessieren“, sagt er. Ein religiöser Freund hatte Einfluss. Vorher sei ihm seine Religion nicht  bewusst gewesen. „Vielen in der Sowjetunion ging es so. In meiner Klasse waren fünf Juden, aber niemand wusste davon – eine unterdrückte Religion“, sagt er. Er hat sich jahrelang mit Feinheiten und Hintergründen beschäftigt. Er kreiste um die Frage: „Warum soll ich mein Leben ändern?“ Shlomo Sajatz lacht, wenn er in einer Art Zeitraffer erzählt, wie ihm klarer wurde, dass er genau das will. So vieles hat dabei eine Rolle gespielt.

Anknüpfen an Hildesheimer

Während die Männer lernen, organisiert Sarah Serebrinski den Betrieb. Die Geschäftsführerin ist eine Frau, das wirkt ungewöhnlich in diesem Rahmen. Aber Sarah Serebrinski sieht darin keinen Widerspruch. Sie werde von den Männern in ihrer Rolle akzeptiert, sagt sie. Nur Rabbinerin könnte sie hier nicht werden. Die Ausbildung an der Brunnenstraße knüpft inhaltlich an die wichtigste Ausbildungsstätte für orthodoxe Rabbiner in Westeuropa an, die der Rabbiner Ezriel Hildesheimer bis 1938  in Berlin geleitet hat.

Es ging ihm darum, Inhalte traditionellen Judentums zeitgemäß zu vermitteln, und so ist es auch heute an der Brunnenstraße. Deutsche Rabbiner sollen deutsch sprechen, ist ein Grundsatz. Die Studenten müssen Abitur und einen Uni-Abschluss vorweisen oder parallel ein Studium in Sozialarbeit absolvieren. „Das ist eine gute Vorbereitung auf die Arbeit in einer jüdischen Gemeinde“, sagt Sarah Serebrinski. Im Studium werden auch Beratung, Kommunikation und öffentliches Reden geübt. Dazu kommt eine extrem gute Kenntnis des Talmud, der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums.

Nicht alle Absolventen des Seminars werden künftig für eine derart traditionelle Gemeinde arbeiten, wie die an der Brunnenstraße, wo sich Frauen und Männer nicht die Hand geben und bis in kleinste Details an traditionellen Vorschriften orientieren. In anderen Gemeinden leben die meisten Mitglieder eher säkular, wünschen sich aber ein Vorbild an dem sie sich orientieren können. Die Idee vom reinen Judentum soll dort der Rabbiner vorleben.

Shlomo Sajatz schreckt das nicht. „Man muss ehrlich mit sich sein, die Dinge genau nehmen“, das liege ihm, sagt er. Dann klappt er sein Buch zu. Zeit für das Mittagsgebet. Die Sache mit dem Löffel wird er später weiter verfolgen.


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