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Berliner Zeitung | Radfahren in Berlin: Berliner Radler wollen auch bei Rot weiterfahren
18. August 2015
http://www.berliner-zeitung.de/22387628
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Radfahren in Berlin: Berliner Radler wollen auch bei Rot weiterfahren

Neues Verkehrszeichen? Brauche ich nicht! Auf der Karl-Liebknecht-Straße in Berlin biegt ein Fahrradfahrer nach rechts ab, obwohl die Ampel gerade rot zeigt.

Neues Verkehrszeichen? Brauche ich nicht! Auf der Karl-Liebknecht-Straße in Berlin biegt ein Fahrradfahrer nach rechts ab, obwohl die Ampel gerade rot zeigt.

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Hans Richard Edinger

Die Reaktion ist eindeutig: Das wollen wir auch haben! Und zwar so schnell wie möglich. „Was Paris kann, sollte Berlin, das sich Fahrradstadt nennt, erst recht können“, sagt Bernd Zanke vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). „Das wäre ein gutes Modellprojekt für die Bundeshauptstadt!“ In Frankreich dürfen Fahrradfahrer auch bei Rot rechts abbiegen oder geradeaus weiterfahren – sofern ein Verkehrszeichen oder ein Extra-Ampelsignal ihnen das erlaubt. Doch was sich Zanke auch für Berlin wünscht, finden die Fußgänger- und die Autofahrer-Lobby gar nicht gut – der Senat erst recht nicht.

Ein Grünpfeil nur für Radler: So könnte man beschreiben, was sich in Frankreich immer mehr verbreitet. Radler kämen schneller voran und müssten in vielen Fällen nicht mehr an Ampeln warten, deren Hauptzweck oft die Regelung des Autoverkehrs ist, sagte Zanke. Der ADFC-Fachausschuss Radverkehr fordere, dass es eine solche Regelung bald auch in Deutschland gibt.

Zu viele Unfälle

Seit 2012 dürfen französische Städte und Gemeinden Radfahrern mit Schildern oder Zusatzsignalen das Weiterfahren bei Rot erlauben. Nun nimmt auch Paris diese Möglichkeit wahr, an 1 805 Kreuzungen, wie die Berliner Zeitung berichtete. In den Niederlanden können Kommunen schon seit 1990 mit Verkehrs- oder Lichtzeichen bestimmen: „rechtsaf voor fietsers vrij“ – Radfahrer dürfen dort also rechts abbiegen. In der Schweiz wird die neue Radler-Freiheit seit 2013 getestet, in Basel. Es habe „deutlich weniger Konflikte zwischen Velos und Motorfahrzeugen gegeben“, hieß es. Auch Fußgänger hätten die Regelung akzeptiert, Unfälle habe es nicht gegeben.

Schöne heile Verkehrswelt – in Basel vielleicht. Doch in Berlin, wo viele den Verkehr als stressiger empfinden, gibt es Gegenstimmen. Sicher, theoretisch ist alles klar: „Lieber Radler, bevor Du rechts um die Ecke fährst, musst Du schauen, ob nicht ein Fußgänger Deinen Weg kreuzt. Dann bitte anhalten!“ Schön wär’s, sagte Stefan Lieb, Bundesgeschäftsführer des Fachverbands Fußverkehr Deutschland (FUSS) und gebürtiger Berliner. „Das kann nicht klappen“, meinte er. Die Zahl der Konflikte zwischen Fußgängern und Radfahrern würde steigen. Viele Radler würden einfach weiterfahren – und die Fußgänger hätten wieder einen Schonraum weniger,

Die Erlaubnis zum Rechtsabbiegen entspricht dem Grünpfeil, der sich aus der DDR in die Gegenwart hinübergerettet hat. Ihm steht die Fußgängerlobby kritisch gegenüber – aus denselben Gründen wie der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Anlass ist eine Untersuchung in 75 Städten. Ein Resümee der GDV-Unfallforscher lautete: „Das gebotene wichtige Anhalten vor dem Abbiegen wird eher nur ausnahmsweise praktiziert, eine verbotene Blockade der Fußgänger- und Radverkehrswege ist zu beobachten.“ Zudem würden nur 49 Städte wie vorgeschrieben regelmäßig untersuchen, wie sich die Zahl der Unfälle an Grünpfeil-Kreuzungen entwickelt.

In Berlin geschah das in den 1990er-Jahren. Daraufhin empfahl die Polizei, die schwarzgrünen Schilder von sechs Knotenpunkten zu entfernen – zu viele Unfälle.

„Machen sowieso, was sie wollen“

Die Verhaltensregeln für den Grünpfeil werden nicht beachtet, bestätigte Petra Rohland von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. „Deshalb sehen wir eine Freigabe nur für den Radverkehr eher kritisch“ – abgesehen davon, dass der Bund dafür zuständig wäre. „Radverkehrsfreundlichkeit ist wichtig“, so Rohland. „Oberstes Gebot bleibt aber die Verkehrssicherheit für alle.“

Wieder eine neue Regelung: Das sei schwierig und könne zu Risiken führen, sagte Jörg Becker vom ADAC. „So etwas sollte man nur sehr verantwortungsbewusst einsetzen.“ Der Radverkehr sollte lieber mit Radschnellwegen und mehr Fahrradstraßen beschleunigt werden.

Aber vielleicht ist es auch egal, ob es neue Schilder gibt, sagte ein Verkehrsexperte, der nicht genannt werden wollte: „Berlins Radfahrer machen sowieso, was sie wollen.“