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Radfahren in Berlin: In der Radfahrhölle unterwegs

Radfahren in Berlin: Nicht immer ganz ungefährlich.

Radfahren in Berlin: Nicht immer ganz ungefährlich.

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Berliner Zeitung

Berlin -

Die Schönhauser Allee ist eine „saugefährliche Todesstrecke“, schrieb ein Radfahrer. „Der Radweg ist nicht der Rede wert“, meinte ein anderer. „60 Radfahrer quetschen sich auf einen 1,50 Meter breiten Weg“, erzählte ein weiterer Radler. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt hatte im Internet gefragt, wo sich Radfahrer unsicher fühlen.

Die Schönhauser Allee, die sich durch Prenzlauer Berg zieht, landete im Spitzenfeld. Auch Unter den Linden, die Linien- und die Wilhelmstraße in Mitte, das Kottbusser Tor in Kreuzberg sowie der Hermannplatz in Neukölln wurden häufig genannt. Der Senat lobte die große Resonanz. Doch Experten befürchten, dass die vielen Hinweise die Ämter überfordern.

„Wir sind begeistert von dem großen Zuspruch“, sagte Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) am Dienstag, dem letzten Tag des vierwöchigen Online-Dialogs. Mehr als 37.000 Besuche auf den Seiten im Internet wurden gezählt, über 5000 konkrete, räumlich verortete Vorschläge und rund 4000 Kommentare wurden dort gegeben.

Eigentlich sollte es nur um Kreuzungen gehen, an denen abbiegende Fahrzeuge Radler in Gefahr bringen. Denn um dieses Thema geht es bei dem Projekt des Bundes, bei dem der Senat 60.000 Euro lockermachen konnte.

Falschparker nerven

Doch schon bald musste eine zweite Liste aufgemacht werden, bei der es auch um andere Gefahrenstellen ging – und um alltägliche Nervereien. „Die Oranienstraße ist die Radfahrhölle“, heißt es dort. „Kein Radweg, achtlos geöffnete Fahrertüren, Parken und Halten in zweiter Reihe, Busverkehr, Lieferverkehr und BMW-Proll-Teststrecke .“ In diesem neuen Ranking findet sich auch das Problem, das besonders oft genannt wurde: zugeparkte Radwege und Radfahrstreifen – zum Beispiel auf der Schlüterstraße in Charlottenburg und der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg.

Das Ordnungsamt scheint auf diesem Auge blind zu sein, wurde kritisiert. „Effektiver wäre eine Online-Meldemöglichkeit bei der Bußgeldstelle, so- dass Falschparker direkt und ohne Umwege digital und mit hochgeladenen Beweisfotos angezeigt werden können“, so ein Radfahrer.

Auf der Schönhauser Allee sollten die Schilder, die zur Nutzung der schmalen Bürgersteig-Radwege zwingen, entfernt werden. Noch besser wäre es, wenn die Radwege, auf denen oft auch noch Kneipengäste herumstehen, entfielen und die Radfahrer auf der Straße eigene Fahrstreifen bekämen. Eine umfassende Lösung wird auch für eine andere Strecke verlangt: „Die Straße Unter den Linden gehört komplett für den privaten Kfz-Verkehr gesperrt.“

Für das Ende des ersten Vierteljahrs 2014 kündigte der Senat eine vertiefte Auswertung der Ergebnisse an. Die Resultate sollen in die Planungen einbezogen werden, sagte Gaebler. „Wir bedanken uns für die hohe Beteiligung, für die eingebrachte Zeit und Kreativität.“

In den Behörden dürfte sich die Begeisterung angesichts der enormen Mehrarbeit allerdings in Grenzen halten. „Das Internetportal war super. Doch wie es nun mit den Vorschlägen weitergeht, hängt von den Gegebenheiten ab“, sagte Bernd Zanke vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Und diese Gegebenheiten seien leider in vielen Fällen ungünstig.

Große Erwartungen geweckt

Meist entscheiden die Politiker in den Bezirksparlamenten mit – selbst wenn es nur darum geht, ob ein Radfahrstreifen markiert wird. Zanke: „Wer etwas gegen Radfahrer hat, kann Verbesserungen verhindern.“ Tiefbauämtern fehle Geld und Personal. Nicht jeder Bezirk habe Planer, die sich mit Radverkehrsanlagen auskennen. Anderen Mitarbeitern fehle häufig das Verständnis: „In Reinickendorf wurde die Berliner Straße saniert, aber einen Radfahrstreifen gibt es weiter nicht.“ Auch die Verkehrslenkung, eine Senatsbehörde, lehne Radlerforderungen oft ab.

„Als Ideen-Steinbruch ist die Umfrage gut“, lobte Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Aber auch er dämpfte die Erwartungen, die der Senat geweckt hat: „Wenn die Bezirke jetzt viele neue Vorschläge bekommen, kann man nicht erwarten, dass dort alle strammstehen und sie sofort umsetzen.“ Auch nützten die besten Ideen nichts, „wenn es kein Geld zum Bauen gibt“.

Die Unfallkommission komme mit ihrer Arbeit, Gefahrenschwerpunkte zu entschärfen, nicht nach. Diese seien längst bekannt. So steht die Schönhauser Allee, auf der es 2012 fast hundert Radunfälle gegeben hat (glücklicherweise ohne Tote), auch in der Polizeistatistik im Spitzenfeld. Dort fehlt eine politische Entscheidung, den Straßenraum umzuverteilen, sagen Experten.
Brockmann: „Die Daten liegen vor.“ Es kann gehandelt werden.



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