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Raed Saleh: Israelische Reporter sitzen auf Salehs Sofa

Die Zeitung Makor Rishon aus Jerusalem berichtete vor einer Woche über Saleh.

Die Zeitung Makor Rishon aus Jerusalem berichtete vor einer Woche über Saleh.

Auf dem fast schon legendären weißen Ledersofa in Raed Salehs Büro im Abgeordnetenhaus saßen schon viele Gäste: Politiker, Lobbyisten, Wirtschaftsbosse, Bürger, Journalisten, alle wollen mit ihm sprechen. Seit der 37-jährige Fraktionschef der SPD seine Kandidatur als Wowereit-Nachfolger bekannt gab, sind es nicht weniger geworden. Und es kommen jetzt auch immer mehr ausländische Gäste, die sich für den jungen Mann mit den arabischen Wurzeln interessieren, der Berlins erster Regierender Bürgermeister mit Migrationsgeschichte werden will. Vor allem aus einem Land kommen viele Anfragen nach Interviews: aus Israel.

„Palestinian-born German hopes to be next mayor of Berlin“ titelt etwa die renommierte Online-Zeitung „Times of Israel“ mit Sitz in Jerusalem. Zu Deutsch heißt die Schlagzeile etwa: „Palästinensischstämmiger Deutscher will Berlins neuer Bürgermeister werden“. Genau diese – scheinbare – Seltsamkeit ist es offenbar, die den Reporter Micki Weinberg interessiert. Und nicht nur ihn: Wie ist es möglich, dass ein Junge von hier, aus einer kinderreichen Familie im Westjordanland, auswandert und es in der deutschen Hauptstadt bis fast nach ganz oben schafft?

Berichte über Saleh gab es auch in Israels größter Tageszeitung (mit moderat konservativer Ausrichtung), der Yedioth Ahronot, die in Tel Aviv erscheint. Der private Fernsehsender Mako TV produzierte für den israelischen Channel 2 einen Beitrag über Saleh, der dort mehrfach zu besten Sendezeit lief. Angefragt haben laut der Fraktionspressestelle auch schon die Ha’aretz, Israels älteste und vielgelesene (linksliberale) Tageszeitung, und die Time Out Tel Aviv, ein Stadtkultur-Magazin. Die eher rechtsorientierte Tageszeitung Makor Rishon aus Jerusalem (siehe Ausriss unten) schreibt zum Beispiel über Salehs Sicht auf Juden in Berlin, befragt ihn nach dem Nahostkonflikt, nach Antisemitismus und danach, ob er als Bürgermeister auch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem besuchen würde. „Selbstverständlich“, antwortet Saleh.

Es sei „außerordentlich freundliche Neugierde“, mit der ihm (nicht nur) israelische Journalisten begegnen, sagt Saleh. Er betont in den Interviews, dass er ein Deutscher ist – genauer ein „deutscher Sozialdemokrat mit arabischen Wurzeln, ein Muslim und ein Berliner mit Herz und Seele“, wie er in einem der Gespräche sagt, die auf Englisch und Deutsch geführt werden. Berlin sei ein Schmelztiegel der Kulturen und der Vielfalt, und in dieser Hinsicht „passe ich hier genau rein“.

Tatsächlich hat sich Saleh nicht erst seit seiner Kandidatur mit den Themen Religion, Multikulti, Migration und deren problematischen Seiten beschäftigt. Er gründete in Spandau einen „Dialog der Religionen“, das Jugendprojekt „Stark ohne Gewalt“, er fuhr mit jungen Migranten, darunter viele Muslime, zur KZ-Gedenkstätte Auschwitz. „Ich muss da nichts groß ankündigen“, sagt er. „Ich habe schon etwas getan.“

Sein Aufstieg vom Arbeiterkind in Spandau – wohin er mit fünf Jahren zog, damals ohne Deutschkenntnisse – zum erfolgreichen Unternehmer und geachteten Politiker ist in seiner Heimatstadt Berlin dabei schon längst auserzählt. Doch ausländische Medien entdecken jetzt den Reiz dieser Story. „Fühlen Sie sich, angesichts der außerordentlichen Lebensgeschichte, manchmal wie eine Art Symbol?“, fragt Ariel Schnabel, der Reporter der Zeitung Makor Rishon. Saleh antwortet: „Wenn meine persönliche Geschichte junge Menschen motivieren kann hart zu arbeiten und ihren Weg zu gehen, dann freue ich mich sehr.“