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Rammstein-Keyboarder Flake Lorenz veröffentlicht Buch: „Kinder schlafen gerne im Gitterbett“

„Gigantische, peinliche Schmierenkomödie“ – Rammstein auf der Bühne, Flake Lorenz hinten rechts.

„Gigantische, peinliche Schmierenkomödie“ – Rammstein auf der Bühne, Flake Lorenz hinten rechts.

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imago/VIADATA

Berlin -

Ein schmaler blasser Junge mit einer starken, übergroßen Brille kniet vor seiner Elektro-Orgel am Ostseestrand – so taucht Flake Lorenz im Lutz Seilers Roman „Kruso“ anno 1989 auf. Nun hat sich der Musiker, der damals in der Punkband Feeling B spielte und später bei Rammstein, selbst porträtiert. Auf fast 400 Seiten erklärt er seine ungewöhnliche Karriere als „Tastenficker“. So beschreibt er seine Art, bei Feeling B zu spielen: Mit dem linken Hand hackte er die Bassläufe in seinen Casio, mit der rechten Hand spielte er eine möglichst durchdringende Melodie.

Als Punk akzeptiert

Im Buch „Mix mir einen Drink“ hatten Lorenz und seine Kollegen schon viele Erinnerungen zusammengetragen. In seiner Autobiografie geht Flake Lorenz, der eigentlich Christian heißt, nun in seine frühe Kindheit zurück. Das Staunen und den naiven Blick hat er sich bis heute erhalten: „Ich kann mich immer noch über vieles wundern.“, sagt er im Gespräch. Prägend sei sein Vater gewesen: Der Jazzfan verkehrte mit bekannten Künstlern, die Familie wanderte gern und suchte auf Müllkippen nach Antiquitäten. Lorenz betont, wie gern er in dem Staat DDR aufwuchs, der versprach, sich immer weiter zu entwickeln.

Die Grenze vermittelte ihm ein Gefühl von Sicherheit: „Kinder schlafen gerne im Gitterbett“. Als Punkmusiker hatte er nie das Gefühl, in der DDR eingeschränkt zu werden – im Gegenteil. „Als Punk warst Du in der DDR bei den Arbeitern akzeptiert – denn das war eine Haltung und nicht einfach eine Musikrichtung“, betont er. Selbst den Umstand, dass er wegen seiner Weigerung, zur Armee zu gehen, weder Abitur machen konnte noch studieren durfte, brachte ihn nicht gegen den Staat auf: „Das war meine freie Entscheidung!“ Er motivierte seine Armeeverweigerung persönlich: Nach seinen Erfahrungen als Mobbing-Opfer in der Schule fürchte er die Schikanen der Soldaten.

In vielen launigen Episoden schildert Lorenz das Miteinander in der Ostberliner Musikerszene, an den stetigen Austausch von Ideen und Instrumenten, aber auch an die permanente Trinkerei, die von Feeling B mit dem Schlachtruf „Mix mir einen Drink – der mich woanders hinbringt“ gefeiert wurde. „Alkohol war in der DDR allgegenwärtig und anerkannt – in der Betriebskantine gab's schon mittags Bier.“ Heute beschreibt Lorenz den Alkohol als Sackgasse: „90 Prozent der Zeit, in der Du betrunken bist, ist vertane Zeit.“ Seit fünf Jahren trinkt er, dank der Hilfe seiner Frau, keinen Schluck Alkohol mehr. Doch nicht nur der Schnaps, sondern vor allem die Musik brachten sie woanders hin. Auf Hiddensee verlebte Lorenz mit seinen Mitstreitern unbeschwerte Tage. Das Freiheitsgefühl, das Lutz Seilers Roman „Kruso“ beschreibt, kann er voll und ganz teilen – und weitet es auf die Insel Ostberlin aus: „Wir fühlten uns hier so frei wie auf Hiddensee.“ Das „B“ im Bandnamen Feeling B stand für „Berlin“. Den Mauerfall erlebte er nicht als große Befreiung. Fernweh hatte ihn nie geplagt – „Ich hatte ja nicht mal die Grenze des Möglichen ausgereizt“ – und die Musik des Westens war ohnehin präsent. Als er seine frühen Idole, die Stones, live im Olympiastadion erlebte, fühlte er sich fast betrogen: „Das standen nur Hüllen von Menschen auf der Bühne.“

Doch auch die Tatsache, dass er selbst mit Rammstein eine Weltkarriere machte und Millionen Alben verkaufte, kann Flake Lorenz nicht für den Kapitalismus erwärmen. „Was ist daran toll, gegeneinander zu arbeiten, bis der Stärkere sich durchsetzt und den anderen erledigt?“ fragt er im Buch. Mit Geld kann er offenbar nicht viel anfangen.

Nur noch Matchbox

Er beschreibt, wie er mit einem Handel mit Oldtimern und amerikanischen Straßenkreuzern viel Geld verlor – doch Spaß hätten ihm die Schlitten trotzdem gemacht. Heute sammelt er nur noch Matchbox-Autos, lebt mit seiner Familie abwechselnd in einem Haus in Brandenburg und in einer Berliner Stadtwohnung. In seinem einstigen Kiez im Prenzlauer Berg fühlt er sich inzwischen wie ein Tourist. Immerhin kann er sich hier ungestört bewegen: Erkannt wird er eher bei Tourneen im Ausland.

Auch knapp 25 Jahre nach der deutschen Einheit fühlt er sich im „zusammengeschweißten Land“ noch unwohl. Dass ihm immer wieder erklärt werde, wie unfrei er gelebt habe, ärgert ihn so sehr, dass er bei der Verteidigung der DDR auch mal übers Ziel hinaus schieße, wie er im Interview einräumt. Auch seine Rammstein-Kollegen sähen die DDR weitaus härter. Auf jeden Fall hat ihm das Schreiben so viel Spaß gemacht, dass er nun gern das Rammstein-Buch verfassen würde: „Doch ich habe noch keinen Weg gefunden, die Sicht aller Musiker zusammenzuführen.“ Ob es da so klug war, die Liveshow der Band an einer Stelle als „gigantische, peinliche Schmierenkomödie“ zu beschreiben?

„Flake: Der Tastenficker“ ist bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen, 19,99 Euro