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Berliner Zeitung | Rassismus: Schwarz, deutsch
25. January 2013
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Rassismus: Schwarz, deutsch

Abenaa A. im Kleistpark. Sie ist die Urenkelin von Mandenga Diek.

Abenaa A. im Kleistpark. Sie ist die Urenkelin von Mandenga Diek.

Foto:

Christian Schulz

Diese Geschichte beginnt an einem Tag im Jahr 1891, das genaue Datum ist nicht bekannt. An Bord eines Schiffes, das in den Hamburger Hafen einläuft, ist ein junger Mann aus Kamerun, das damals eine deutsche Kolonie ist.

Mandenga Diek soll in Deutschland Medizin studieren. Er lernt dann lieber Kaufmann, erwirbt die deutsche Staatsbürgerschaft, lebt erst in Hamburg, später in Danzig, wo er eine Ostpreußin heiratet und zwei Töchter bekommt. Es gibt ein Foto der Familie von Anfang der 1920er-Jahre, es zeigt sie im Sonntagsstaat an der häuslichen Kaffeetafel, Mandenga Diek, seine Frau, die Töchter. Es ist ein Bild aus guten Zeiten in Deutschland, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen.

Ein Porträtfoto Mandenga Dieks, zusammen mit einer Biografie, ist von Donnerstag an in der Ausstellung „Zerstörte Vielfalt“ im Deutschen Historischen Museum zu sehen, die die Auswirkungen der NS-Diktatur dokumentiert. Nach dem 30. Januar 1933 veränderte sich auch Mandenga Dieks Leben. Vermeintliche Freunde und Geschäftspartner wandten sich ab. Der Kaufmann ging bankrott, die Nazis warfen die Töchter aus der Schule, die Mädchen entgingen nur knapp der Zwangssterilisation.

Nazis verhinderten Rückkehr nach Kamerun

Eine Urenkelin Mandenga Dieks wird am Mittwochabend bei der Ausstellungseröffnung dabei sein. Es ist Abenaa A., 50 Jahre alt. Sie sagt, dass sie es wichtig findet, dass die Geschichte schwarzer Menschen in Deutschland dargestellt wird, von denen manche in Konzentrationslagern ums Leben kamen.

Abenaa A. ist eine große selbstbewusste Frau mit einem offenen Lächeln. Sie schlägt ein Café in Schöneberg als Treffpunkt vor, in ihrem Kiez. Ihren vollen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. „Ich bin da einfach vorsichtig.“

Ihren Urgroßvater hat sie nicht kennengelernt. Er wollte nach Kamerun zurück, die Nazis hatten ihm aber den Pass weggenommen, 1943 erlitt er einen Schlaganfall und starb. Abenaa A.s Großmutter ist eines der beiden Mädchen an der häuslichen Kaffeetafel.

Dieses Foto ist für sie ein Symbol dafür, was in dieser Zeit möglich war. Der „feine Zwirn“, wie sie es nennt, in den ihr Urgroßvater gehüllt ist, steht für sie für seinen Platz im bürgerlichen Leben dieser Zeit. Das Bild symbolisiert aber auch, was durch die NS-Zeit verloren gegangen ist, nämlich, dass ein Afrikaner ein angesehenes Mitglied der deutschen Gesellschaft sein konnte. Diesen Bruch, diesen Verlust an Normalität spüre sie bis heute, sagt Abenaa A.

„Negerkönig Wapungu“

Die Fotos, die Abenaa A. von ihrem Großvater besitzt, sind ganz anders als das von der Kaffeetafel. Er war der Schauspieler Louis Brody und stammte auch aus Kamerun. Er lebte in Berlin. Ein Bild zeigt ihn in einem Hemd mit einem geometrischen Muster und dicken Halsketten, ein afrikanisches Fantasiekostüm. Das Foto wurde in der Zeitschrift „Kolonie und Heimat“ abgedruckt.

Abenaa A. bewahrt die vergilbte Zeitungsseite in einem Briefumschlag auf. Der Artikel, zu dem das Foto gehört, ist 1942 erschienen. Es ist ein Drehbericht zu dem Film „Germanin“, der von der Erfindung eines Mittels gegen die Schlafkrankheit handelt.

Der Großvater spielte den „Negerkönig Wapungu“, wie es in der Bildunterschrift heißt. Die Großmutter, deren Schwester und Abenaa A.s Mutter kamen durch Louis Brody auch zum Film. „Sie wurden für die Kolonialfilme gebraucht, dadurch hatten sie eine Überlebenschance“, sagt Abenaa A. Die Großmutter habe ihr von Dreharbeiten, von Reisen mit der Truppe in dieser Zeit erzählt. Von dem, was die Familie in der Nazizeit durchgemacht hat, sprach niemand. Dabei ist Abenaa A. als Kind oft bei der Großmutter gewesen.

Von den Repressalien erfuhr Abenaa A. erst durch das Buch „Farbe bekennen“, das 1986 erschien und sich mit der Geschichte afro-deutscher Frauen beschäftigt. Die Historikerin Katharina Oguntoye hat für das Buch Interviews mit Abenaa A.s Großmutter und Großtante geführt.

„Unser Führer legt keinen Wert auf solche Kinder.“

Die Großmutter erzählt in dem Buch, wie sie während der Schwangerschaft zu hören bekam: „Unser Führer legt keinen Wert auf solche Kinder.“ Ihre Tochter, Abenaa A.s Mutter, musste sie nach einer Woche aus dem Kindergarten nehmen. Den anderen Kindern könne nicht zugemutet werden, mit einem „Negerkind“ zu spielen.

Abenaa A. sagt, dass sie erst durch das Buch erfahren habe, warum ihre Tante kaputte Bronchien hatte. Sie rührten von einer nicht ausgeheilten Lungenentzündung her, die sie sich in einem Zwangsarbeiterlager zugezogen hatte. Die Großmutter ist inzwischen gestorben, die Mutter, die auch in Berlin lebt, spricht nicht gerne über die Zeit bis 1945.

In dem Buch „Farbe bekennen“ gibt es auch ein Kapitel, in dem Abenaa A. über sich spricht. Damals war sie 23. Sie erzählt von ihrer doppelten Identität als Deutsche afrikanischer Herkunft, davon, dass sie nach dem Willen der Eltern eine „anständige“ Afrikanerin sein sollte, besser als andere, um Vorurteilen zu entgehen, und davon, wie schwer es war, eine Arbeitsstelle zu finden.

Terror und Gedenken in Berlin

Abenaa A. ist den Herausforderungen, vor denen Afrodeutsche ihrer Generation standen und stehen, nicht ausgewichen. Im Jahr 1986 wurde sie Gründungsmitglied der Initiative „Schwarze Menschen in Deutschland“, der Verein hat den „Black History Month“ und das Projekt „Homestory Deutschland“ initiiert, eine Wanderausstellung, die die Biografien schwarzer Menschen in Deutschland darstellt.

Von sich aus kommt Abenaa A. auf die Zeit des Mauerfalls zu sprechen. Sie arbeitete damals in einem Reisebüro und sei mit den Kollegen an dem Novemberwochenende 1989 durch die Straßen gezogen um mitzufeiern. „Ich habe aber schnell gemerkt, dass ich für diese ,Wir-sind-das-Volk-Menschen‘ nicht dazugehöre“, sagt sie.

Anfeindungen nach der Wiedervereinigung

Später habe es plötzlich Anfeindungen gegeben. Menschen, die seit Jahren schon ihre Nachbarn waren, hätten sie plötzlich beschimpft. Als sie einmal den Müll nach unten brachte, habe ihr ein Nachbar zugerufen: „Warum bringst du den Dreck nicht dahin, wo du herkommst.“

Die Vielfalt, die schon auf dem Weg zu einer Normalität gewesen sei, sei durch die Wiedervereinigung wieder gebrochen worden. „Das war für mich schmerzhaft.“ Sie wollte dann weg aus Deutschland und arbeitete für den Deutschen Entwicklungsdienst zwei Jahre lang in Ghana. Heute ist sie bei einer kirchlichen Institution beschäftigt.

Über die aktuelle Diskussion rassistischer Begriffe wie „Negerkönig“ in Kinderbüchern freut sie sich. Sie hat selbst eine 14 Jahre alte Tochter. „Ich führe diese Diskussion schon ein Leben lang“, sagt sie. „Ich möchte einfach, dass Menschen afrikanischer Herkunft Afrikaner genannt werden.“ Sie sagt auch: „Wir haben heute Chancen, die Nischen sind größer geworden.“ Doch die Selbstverständlichkeit, mit der ihr Urgroßvater an einer deutschen Kaffeetafel saß, scheint ihr noch immer sehr weit weg.