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Rassismus-Vorwurf: Lehrer durfte im Unterricht „Neger“ sagen

Berlin -

Die Polizei sprach damals sofort von einer rassistischen Beleidigung. Doch nun hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen den Lehrer Karl-Heinz S. eingestellt. Gegen den 63-jährigen Beamten war wegen Beleidigung und Volksverhetzung ermittelt worden. „Der Einstellungsbeschluss ist uns zugegangen“, bestätigte Peter De Vito, der Anwalt des Lehrers. Eine 16-jährige Schülerin der Friedrich-Bayer-Sekundarschule in Steglitz hatte den Lehrer Anfang September angezeigt.

Nach ihren Aussagen soll der Lehrer zu der dunkelhäutigen Schülerin unter anderem gesagt haben: „Du kannst Dich freuen, dass Nigger auch Menschen sind.“ Die Schulverwaltung stellte den Lehrer daraufhin vom Unterricht frei. Beamte des Staatsschutzes befragten die gesamte Klasse und kamen zu dem Schluss, dass die Behauptungen so nicht stimmen können. „Der Lehrer hat das Wort „Nigger“ gegenüber der Schülerin nicht als Schimpfwort benutzt“, hatte Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft, bereits vor vier Wochen bestätigt.

Unterschiedliche Sprachdynamik

Fortan wurde nur noch ermittelt, ob der Lehrer das Wort „Neger“ im Unterricht als Beleidigung verwandt hat. Dazu wurde sogar ein Linguistikprofessor zu Rate gezogen. Lehrer S., der in der Klasse einen Biologie-Lehrer vertrat, hatte den Schülern den Unterschied zwischen Einzellern und Bakterien zu erklären versucht. Alle Einzeller seien Bakterien, aber nicht alle Bakterien seien Einzeller. Als ein Schüler das nicht verstand, benutzte Lehrer S. einen seltsamen Vergleich. Alle Neger seien Menschen, aber nicht alle Menschen seien Neger.

Darauf reagierten Schüler empört und sagten, „Neger“ dürfe man nicht sagen, worauf der Lehrer „Neger“ und „Nigger“ unterschied und beide Begriffe an die Tafel schrieb. Die Staatsanwaltschaft kam nun zu dem Schluss, dass diese Verwendung des Wortes „Neger“ im Unterricht keine Beleidigung darstellt. Ein Sprachwissenschaftler hatte zuvor ausgeführt, dass ältere Menschen wie der Lehrer S. dieses Wort noch ohne Problembewusstsein benutzen, während es für junge Leute zum Unwort geworden sei. Sprache habe da eine ganz eigene Dynamik.

Gegen den Lehrer, der früher am Gymnasium Steglitz unterrichtete, war bereits wegen Relativierung des Holocausts ermittelt worden. Er wurde suspendiert, saß bis 2007 fast sieben Jahre lang bei vollen Bezügen zu Hause. Erst dann entschied das Oberverwaltungsgericht gegen die Schulverwaltung: Der Lehrer sei kein Holocaust-Relativierer. Er durfte wieder unterrichten. Als Vertretungslehrer. Unklar ist, ob Lehrer S. nun wieder unterrichten wird. Die Bildungsverwaltung äußerte sich zum laufenden Disziplinarverfahren nicht. Der Lehrer selbst zeigte sich verbittert über Vorverurteilungen durch Politiker und Elternverbände. „Aus Fürsorgepflicht mir als Beamten gegenüber müsste die Schulverwaltung nun dagegen aktiv vorgehen“, forderte er gar.