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Re:publica 2014 in Berlin: Klassentreffen der Netzaktivisten

Bunt beklebte Laptops sind keine Seltenheit auf der Republica.

Bunt beklebte Laptops sind keine Seltenheit auf der Republica.

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dpa

Uwe Hölscher gehört hier eigentlich gar nicht hin. Zumindest, nicht, wenn man davon ausgeht, dass eine Konferenz, auf der es ums Internet geht, nur etwas für die jungen Leute ist, die „Digital Natives“, die in der virtuellen Welt zu Hause sind, die Computerfreaks, die Nerds, die Blogger und Twitterer. Als die meisten hier geboren wurden, hat Uwe Hölscher schon Häuser besetzt. Er ist jetzt 57 Jahre alt. Natürlich fällt er auf zwischen den jungen Leuten in Jeans und bunten T-Shirts, er ist knapp zwei Meter groß, das lange graue Haar trägt er zum Zopf gebunden, unter seinem karierten Jackett lugt eine zusammengerollte Zeitung hervor.

„Letztlich spielt es doch keine Rolle, auf welcher Plattform politische Themen verhandelt werden“, sagt Uwe Hölscher, „aber wenn die Plattform nun mal das Internet ist, dann muss man sich das eben auch mal angucken.“ Also hat er sich als Helfer gemeldet, dafür gibt es kein Geld, aber eine Eintrittskarte. Und jetzt ist er hier. „Ich bin ein Beobachter“, sagt Uwe Hölscher, und beobachtet hat er auf der Re:publica vor allem eines: „Das hier sind alles junge Leute, die sich kümmern wollen, und zwar um alles.“ Gerade kommt er von einem Vortrag über das Transatlantische Freihandelsabkommen. „Staubtrocken“, sagt Uwe Hölscher, „aber die jungen Leute sind bereit sich da freiwillig reinzusetzen und zuzuhören.“

Antworten so groß wie ein Dildo

Es geht um die Zukunft. Auf der großen Bühne im ehemaligen Dresdner Bahnhof in Kreuzberg spricht Sarah Harrison über Wikileaks und die Dringlichkeit, Edward Snowden, den sie auf seiner Flucht nach Moskau als Rechtsbeistand begleitet hat, Asyl in Deutschland zu gewähren; Jacob Appelbaum erzählt von Datenverschlüsselung und Sascha Lobo schimpft eine Stunde lang darüber, dass zwar jetzt alle über die NSA Bescheid wissen, sich außer ihm aber trotzdem kaum einer so richtig darüber aufregen mag.

Es sind die ganz großen Fragen, um die es auf der Re:publica geht. Die Antworten darauf aber sind manchmal nicht größer als ein Dildo. Mittelgroß, dunkelblau und zur Spitze hin leicht gekrümmt steht er aufrecht auf einem Tisch am Rande der großen Eingangshalle, davor sitzt ein junger Mann namens Wischi, der genauso aussieht, wie man sich diese Nerds so vorstellt: die Haare blau, grün und gelb gefärbt, Kapuzenpulli, Dreitagebart. Wischi ist 23 Jahre alt und studiert Mechatronik an der Beuth Hochschule für Technik.

Und er arbeitet in Mitte bei „You in 3D“, einem Laden für 3D-Drucke – sie haben dort im Hinterzimmer eine kleine Werkstatt, in der sie tüfteln und sich neue Sachen ausdenken. Nach ein paar Bier entstand dort auch die Idee für den Dildo, nicht ganz ernst gemeint, ein bisschen provokativ, ein Hingucker für ihren Stand auf der Re:publica.

Mit dem 3D-Drucker haben Wischi und seine Kollegen eine Gießform für den Dildo hergestellt, neben Wischi sitzt einer, der sich Ikarus nennt, die Lippen, die Nase, die Ohren voller Piercings, am Kinn prangt ein langer Ziegenbart. Ikarus mischt in einem aufgeschnittenen Tetrapack Wasser mit Silikonpulver und gießt die Masse in die Form. Es dauert jetzt ein paar Stunden, bis der Dildo hart wie ein Radiergummi geworden ist, Zeit, mal ein paar grundsätzliche Dinge zu klären.

„Wenn ich in Zukunft etwas haben möchte, kann ich es mit so einem 3D-Drucker einfach selbst herstellen“, sagt Wischi. Unabhängig wären die Menschen damit irgendwann von der Industrie, und die Industrie wiederum könnte ihre Herstellungsprozesse vereinfachen. Eine Revolution. Dafür steht der Dildo, irgendwie. Menschen wie Wischi leben sie schon jetzt. Neulich ist in ihrer Werkstattküche eines der Rollrädchen unter dem Schuber in der Geschirrspülmaschine kaputtgegangen. Da haben sie sich hingesetzt, ein bisschen gemessen und überlegt, dann ein Programm geschrieben und sich mit dem Drucker ein neues Rädchen gebaut.

Leise surrt der 3D-Drucker

Wischi ist zum ersten Mal auf der Re:publica, aber an seinem Handgelenk trägt er unzählige Bändchen, Eintrittskarten von anderen Konferenzen, auf denen sich all diese Leute aus dem Internet treffen: beim Kongress des Chaos Computer Clubs, zum Easter Hack am Osterwochenende, er geht auf Hackerpartys und Datenschutzdemos in ganz Deutschland. „Man kann einfach nicht alles im Chat machen“, sagt Wischi, während der 3D-Drucker hinter ihm surrend vor sich hin ruckelt, „auch nicht, wenn man wie ich den ersten Laptop mit zwölf Jahren besessen hat.“

„Nichts geht über ein echtes Bier“, sagt Ninia Binias. Sie steht draußen im Innenhof, eine kleine Frau, die senfgelbe Leggins und orangefarbene Haare trägt und das Wort „Internet“ auf ihrem Pulli. Die Nerdbrille auf ihrer Nase wirkt eher stylish als, nun ja, nerdy. Dabei könnte man Ninia Binias durchaus so nennen.

Sie hat schon gebloggt, als sich die meisten noch mit einem piependen Modem ins Internet eingewählt haben, sie hat auch gelernt, zu programmieren; ein bisschen zumindest. „Da kommt man irgendwann nicht drumherum ...“, sagt sie.

Sie kann gerade keinen Satz zu Ende sprechen, weil ihr ständig jemand von hinten auf die Schulter tippt, dann gibt es ein kurzes Jauchzen, eine Umarmung. „Das ist wie ein großes Klassentreffen hier“, sagt Ninia Binias. „Man baut sich im Internet einen Raum auf, indem man die Leute trifft, die sich für die gleichen Sachen interessieren wie man selbst, irgendwann will man sich dann einfach auch im richtigen Leben treffen.“

Weil die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass man sich gut versteht. Erst kennt man sich aus dem Internet, dann trifft man sich auf der Re:publica, dann kommt das Bier und die richtig gute Idee. Neben Ninia Binias steht Johanna Emge, und so etwa ging ihre Geschichte: Sie haben sich hier getroffen, sich gut verstanden, heute haben sie zusammen ein Blog, Les Flaneurs nennen sie sich, die Spaziergänger, sie schreiben darüber, wie sie in Zukunft leben wollen, in der Stadt, auf dem Land. Ninia Binias schreibt von Hannover aus, Johanne Emge lebt in Frankfurt am Main.

In diesem Jahr geben sie auf der Re:publica zusammen einen Workshop, es geht darum, ob das ständige Online-Sein nicht allen irgendwann zu viel wird, und ob es wirklich hilft, das Smartphone auszustellen, aus dem digitalen Leben auszusteigen, aufs Land zu ziehen, Schafe züchten. Und sie wollen auch die Frage stellen, ob es nicht ziemlich privilegiert ist, sich über all das überhaupt den Kopf zerbrechen zu können. Die Re:publica ist auch ein Ort, an dem Zeit dafür ist, selbstkritisch zu sein. Vielleicht geht das leichter mit einem echten Bier.

Besser live treffen als im Chat

„Die Stimmung hier ist nicht viel anders als damals bei uns, wenn wir unser Plenum hatten“, sagt Uwe Hölscher. „Die haben heute nur anderes Equipment.“ Hinter ihm unterhält sich Raúl Aguayo-Krauthausen, der sich als Netzaktivist für Inklusion und Barrierefreiheit einsetzt und ein bisschen berühmt geworden ist, seit Google ihn in einem Werbespot zeigte. Johnny Häusler, der Musiker und Buchautor, ist gerade vorbeigelaufen. Sarah Harrison steht mit einem Wasser in der Hand neben der Bar. Man kann sie hier alle treffen.

„Aus der virtuellen Verbundenheit wird hier wirkliche Zusammengehörigkeit“, sagt Uwe Hölscher. „Und am Ende ist es vielleicht doch wichtiger, am Ort des Geschehens zu sein, statt sich in einem Chat zu treffen.“ Zumindest für ein paar Tage im Jahr.