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Berliner Zeitung | Reaktionen in einem Berliner Flüchtlingsheim: Was Flüchtlinge zu den Übergriffen in Köln sagen
13. January 2016
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Reaktionen in einem Berliner Flüchtlingsheim: Was Flüchtlinge zu den Übergriffen in Köln sagen

Die Neujahrsnacht am Kölner Hauptbahnhof.

Die Neujahrsnacht am Kölner Hauptbahnhof.

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dpa

Von den sexuellen Übergriffen in Köln und anderswo haben alle gehört, sie verurteilen den Gewaltexzess, doch die Folgen schätzen die Bewohner der Notunterkunft im früheren Rathaus Wilmersdorf unterschiedlich ein. „Köln ist ein großes Problem für uns. Auch wenn wahrscheinlich nicht nur Flüchtlinge beteiligt waren, befürchte ich, dass die Deutschen verschlossener werden“, sagt Mustafa Ameen, ein 50-jähriger Elektroingenieur aus Bagdad.

Er sei nach Berlin gekommen, um etwas Besseres aus seinem Leben zu machen. Das bedeute auch, sich an die hiesige Gesellschaft anzupassen. Er sucht den Kontakt zu Deutschen, mit der Sozialarbeiterin Lena Hensen etwa versteht er sich gut. „Ich will Deutsch lernen, arbeiten und vielleicht heiraten“, sagt Ameen. In Bagdad warte niemand auf ihn.

In der Notunterkunft mit ihren 1150 Bewohnern sei er in der Minderheit, sagt der Iraker. Nur wenige sprächen Englisch, viele stammten aus Dörfern. „Die Männer sehen Frauen nicht als gleichberechtigt an.“ Dagegen hat Ahmed Al-Habash die Beobachtung gemacht, „dass die Frauen im Haus selbstbewusster werden“. „Ihr Vorbild sind die starken deutschen Frauen“, meint der 25-jährige syrische Palästinenser, der in Damaskus Manager einer Filiale der Modekette Zara war. Er sei dort mit etlichen Frauen befreundet gewesen, sagt der Single. Viele der allein geflüchteten Männer im Haus würden Sex vermissen. „Aber sie sind nicht gewalttätig.“ Al-Habash glaubt nicht, dass die Stimmung unter den Deutschen kippt. „Das ist nach den Terroranschlägen in Paris auch nicht passiert.“

„Ich habe Angst, dass sich das ändert“

Die Männer am Kölner Hauptbahnhof seien betrunken gewesen, sie hätten sich wie Tiere benommen, sagt Ali Mogabi, 22, aus Bagdad. Auch er ist Single, aber auf der Suche nach einer deutschen Partnerin ist er nicht. „Wenn ich heirate, dann eine Irakerin. Ich kann nicht akzeptieren, dass Frauen Sex vor der Ehe haben“, räumt er ein. Dennoch respektiere er die Lebensweise deutscher Frauen. „Aber ich brauche Zeit, um mich anzupassen.“

Ein Zahnarzt aus Damaskus, der aus Sorge um seine Familie in Syrien seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat da keine Probleme. Er hat in der Ukraine studiert und schon in einigen Ländern gearbeitet. Erst seit vier Monaten lebt der 31-Jährige in Berlin und spricht schon passabel Deutsch. „Sexuelle Gewalt gegenüber Frauen gibt es in meinem Land täglich. Aber nicht nur Flüchtlinge tun so etwas“, sagt er. „Das Problem ist nicht die Religion, das Problem steckt in den Köpfen der Männer.“ Bislang seien die Deutschen sehr freundlich. „Ich habe Angst, dass sich das ändert“, sagt er.

Die Bewohner seien nach den Übergriffen in Köln verunsichert, hat Thomas des Vachroi, der Leiter der Unterkunft, festgestellt. „Sie beobachten ganz genau, ob wir uns jetzt distanzierter ihnen gegenüber verhalten“, sagt er. Zweifellos sei das Frauenbild in arabisch geprägten Kulturen schwierig, und natürlich seien afghanische Männer etwa mit Gewalt groß geworden. „Daher setzen wir auf Aufklärung. Frauen haben bei uns im Haus die Rechte, die das Grundgesetz vorgibt. Das muss jeder akzeptieren“, sagt de Vachroi.

Sozialarbeiterin Lena Hensen sagt, die männlichen Bewohner seien sehr respektvoll ihr gegenüber. „Mir macht Sorge, dass die AfD von den sexuellen Übergriffen profitiert.“ Die freiwillige Helferin Lana Bruschtina berichtet von Anwohnern, die jetzt um ihre Sicherheit fürchten. „Einige sagen, dass die Flüchtlinge Deutschland verlassen sollen.“ Die Ukrainerin, die mit ihren Eltern über Israel nach Berlin kam, sagt, sie mache nur gute Erfahrungen. „Das ist für mich als Jüdin etwas Spezielles. Die Leute sind sehr interessiert und aufgeschlossen, wenn sie hören, dass ich in Israel gelebt habe.“