blz_logo12,9

Rechte Messe "Zwischentag" in Berlin: Die Neuen Rechten vernetzen sich

Tischlein deck dich: Beliebtes Thema auf dem „Zwischentag“ ist das Vorbild der ersten „Konservativen Revolution“.

Tischlein deck dich: Beliebtes Thema auf dem „Zwischentag“ ist das Vorbild der ersten „Konservativen Revolution“.

Foto:

BLZ

Als Gabriele Adinolfi den herrschaftlichen Goethe-Saal betritt, steckt ein deutsches Wörterbuch in seiner Gesäßtasche. Der Saal ist voll, die Luft verbraucht. Viele hier haben auf ihn gewartet. Auf dem Podium entschuldigt er sich zuerst für sein holpriges Deutsch, greift dann aber doch auf seine junge Dolmetscherin zurück.

Der 59-jährige Italiener, ein eher monotoner Redner, erntet immer wieder frenetischen Applaus von den gut 300 Zuhörern im Saal. Er sagt Dinge wie „für die anti-nationalen Parteien ist die Nation an sich der Feind“ oder „wir leben in einer Gesellschaft des Kommunismus und des Kapitalismus“. Adinolfi ist der Stargast an diesem Sonnabend im Logenhaus in der Emser Straße in Wilmersdorf.

Der Neofaschist ist einer der Köpfe der rechtsextremen „Casa-Pound“-Bewegung aus Rom. Als solcher ist Adinolfi eingeladen zum „Zwischentag“, einer Art Messe und Veranstaltungsforum nationalkonservativer Medien und rechtsbürgerlicher Referenten.

Es ist bereits das zweite Mal, dass der „Zwischentag“ an dieser Stelle in der deutschen Hauptstadt stattfindet. Eine dritte Tagung, wieder in einem Jahr, ist geplant. Das Treffen, organisiert vom Publizisten Götz Kubitschek, gilt unter Beobachtern jetzt schon als eine der größten und potenziell wirkungsmächtigsten Netzwerkveranstaltungen der Neuen Rechten.

Europaweite Verbindungen

Stargast Adinolfi steht dabei auch für den Versuch, europaweite Verbindungen zu etablieren. Er ist eine schillernde Figur, vor mehr als drei Jahrzehnten stand er rechtsterroristischen Kreisen in Italien nahe, denen im Jahr 1980 ein Bombenanschlag auf den Bahnhof Bologna mit 85 Toten zugeschrieben wurde. Weil auch gegen ihn ein Haftbefehl vorlag, ging er für 20 Jahre ins französische Exil. Adinolfi bestreitet bis heute, zu den Tätern zu gehören.

Den Titel „Zwischentag“ leiten die Veranstalter aus dem vorgeblich kleinen Zwischenraum ab, der rechten Veranstaltungen bleibe, die – so die Darstellung - unablässig von links traktiert und gestört würden. Widerstand gegen die öffentlich angekündigte Veranstaltung gibt es aber kaum. Am Vormittag hält eine Handvoll linker Demonstranten vor dem Haus Protest-Plakate hoch.

Drinnen präsentieren 150 Aussteller etwa 750 Besuchern ihr Sortiment. Vertreten sind unter anderem viele rechte Verlage, die Berliner Burschenschaft Gothia, der islamfeindliche Blog „Politically Incorrect“, die rechte Denkfabrik Institut für Staatspolitik, die Modemarke „Pro Patria“ (fürs Vaterland“) und der Sänger Sacha Korn, bekannt von einer verbotenen NPD-Schulhof-CD.

Vor allem Bücher und Zeitschriften liegen auf den Messetischen. „Das Westgermanische“, „Handbuch der Klimalügen“ oder „Bayern als Königreich“ lauten einige der Titel. Die scharf rechte Zeitschrift „Zuerst!“ beschäftigt sich mit dem „Feindbild Bundeswehr“.

Es sind auch immer wieder Bücher zu finden, deren Autoren die deutsche Geschichte umzudeuten versuchen – etwa, wenn aus Hitlers Angriff auf die Sowjetunion 1941 ein Präventivkrieg wird. Auf den Podien diskutieren Burschenschafter über den völkischen Vaterlandsbegriff, Publizisten über das Ende der liberalen Gesellschaft und George Turner, Ende der 80er Jahre parteiloser Berliner Wissenschaftssenator, beantwortet Fragen zur Krise des Bildungssystems.

Deutlich rechts von der CDU

Die Organisatoren der Messe um den Verleger Götz Kubitschek nennen sich konservativ. Es ist ein scharfer Konservatismus, deutlich rechts von der Mainstream-CDU, mit viel nationalem Denken und Anti-Islamismus. Die zentrale Kategorie, um die es vielen hier geht, springt einem beim Betreten des größten Messesaals geradezu ins Auge. „Die Konservative Revolution“ steht auf einem Schild am Eingang.

Der Begriff, geprägt von Armin Mohler, einem Vordenker der Neuen Rechten, bezieht sich auf antidemokratische Strömungen in der Weimarer Republik. Doch man hält heute weiter an ihm fest. Der Begriff sei wie eine Formel, sagt Götz Kubitschek. „Man muss die Verhältnisse, deren Erhaltung sich lohnen könnte, zunächst schaffen“, erklärt er. Dafür seien Veränderungen nötig, zum Beispiel in der Einwanderungspolitik: „Deutschland ist das Land der Deutschen. Wir brauchen eine strenge Auswahl nach dem Kriterium der kulturellen Nähe und Distanz.“

Kubitschek, große Statur, grünes Sakko, kurz geschorene Haare, sieht sich selbst als Intellektuellen. Seine Worte wirken wohlüberlegt. Steht Revolution auch für eine Änderung des politischen Systems? Nein, darum ginge es ihm nicht, sagt der 43-Jährige. Er wolle es „aus den Klauen jener Einflussgruppen befreien, die es sich zur Beute gemacht haben: Parteien, Gewerkschaften, Lobbygruppen, internationale Organisationen.“ Das Konservative sei das eigentlich „Lebensbejahende“, anders als der „totalitäre linke Gesellschaftsbegriff“.

Etliche junge Leute

Unter den Messebesuchern sind etliche junge Leute, vor allem Männer. Gediegen gekleidet in Sakko oder Janker, oft mit kurzen Haaren und hartem Seitenscheitel, manche mit Burschenschafter-Schärpe. Doch nicht nur die Verbindungsstudenten fallen auf. Weniger förmlich, dafür zahlreich, kommen die Jüngsten daher, erkennbar an gelben Lambda-Zeichen auf schwarzen T-Shirts oder Ansteckbuttons.

Es ist das Symbol der „Identitären Bewegung“, einer losen Jugendinitiative, ursprünglich über Facebook organisiert, die seit kurzem mit Spontan-Aktionen in mehreren europäischen Ländern auf sich aufmerksam macht. „Heimat, Freiheit, Tradition“ steht auf ihren T-Shirts.

In einem Flyer der Aktivisten heißt es, man sei gegen Rassismus. Einige Zeilen weiter steht: „Du gehörst zur letzten Generation die noch die Mehrheit stellt im eigenen Land.“ Denn die „Millionen vor allem aus dem islamischen Kulturraum“ bedrohten die eigene Identität. Philippe Vardon, vor zehn Jahren einer der Gründer der ersten Identitären Bewegung in Frankreich, ist als Redner eingeladen.

Er spricht viel über „Masseneinwanderung“, von „Widerstand“, von „Kampf um die Städte“. Der Verfassungsschutz ist schon auf die „Identitären“ aufmerksam geworden, Bundesamtschef Hans-Georg Maaßen bezeichnete sie kürzlich als „virtuelle Erscheinungsform des Rechtsextremismus“.

Jugendaffin wirkt auch das Sortiment der Marke „KonMo“, eine Abkürzung der Wörter „Konservativ“ und „Mode“. An einem Kleiderbügel hängen T-Shirts mit dem Konterfei von Wehrmachtsoffizier und Hitler-Attentäter Stauffenberg, wahlweise auf olivgrünem Hintergrund oder in bunter Popart-Variante. Andere tragen das deutsche Wappentier, den Adler, mit dem Schriftzug „Patriot“ auf der Brustseite. Sogar der Kopf des kubanischen Revolutionärs Ché Guevara wird als Aufdruck angeboten - allerdings mit dem Zusatz „VerbreCHEer“.

NPD-Kader als Messebesucher

Wo die Grenzen zum Rechtsextremismus sind, ist auf dem „Zwischentag“ nicht immer leicht zu beantworten. Unter den Besuchern sind NPD-Leute zu sehen, darunter Sebastian Schmidtke, Chef des Berliner Landesverbands, sowie Arne Schimmer, Abgeordneter im sächsischen Landtag und Burschenschafter. Schimmer erhält bei einer Podiumsdiskussion zum Thema NSU-Prozess kurz Rederecht. Dass er die bisherigen Erkenntnisse zu den Morden des NSU-Trios in Frage stellt, unterscheidet ihn kaum von den anderen Rednern.

Messe-Organisator Kubitschek betont, Projekte, die vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft würden, hätten auf der Messe keinen Platz. „Wenn NPD-Leute anwesend sind, sind sie als Besucher da und nicht als Funktionäre“, sagt er. Es könne ja sein, dass die Messe für sie interessant sei: „Was ist schlecht daran, dass NPD-Leute sehen, wie intelligent, potent und kreativ das konservative Spektrum ist?“