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Rechtsanwältin Seyran Ates: "Auf dem Schulhof werden religiöse Kriege weitergeführt"

"Jihad The Only Solution" T-Shirt (Symbolfoto).

"Jihad The Only Solution" T-Shirt (Symbolfoto).

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REUTERS

Es muss schnell gehen. Seyran Ates muss zum Flughafen. Ein Ort, an dem sie viel Zeit verbringt, denn die Rechtsanwältin, die sich seit Jahren für Frauenrechte stark macht, lebt zurzeit zwischen zwei Welten: zwischen Berlin und Istanbul.

Frau Ates, Sie pendeln seit einigen Monaten zwischen Berlin und Istanbul? Wieso?

Die Überlegung gab es schon lange. Ich hab mir immer gewünscht, dass meine Tochter für ein, zwei Jahre in Istanbul in die Schule geht. Außerdem: Während zurzeit alle in den Westen strömen, bin ich schon immer gegen den Strom geschwommen. Mich interessiert die Frage: Warum wollen viele Menschen von hier in den Westen ziehen? Was ist die Anziehungskraft des Westens? Ich kann mir nicht vorstellen, dass man freiwillig in eine Gesellschaft gehen will, von der es lapidar heißt: Da sind nur Nazis.

Wie stark hat der terroristische Anschlag am 12. Januar Istanbul verändert?

In der Türkei ist man abgebrüht was Schreckensmeldungen betrifft, denn in der Osttürkei herrscht seit Längerem Krieg, täglich sterben dort Menschen. Natürlich aber hat der Anschlag die Menschen in Istanbul erschüttert, die Angst ist spürbar: Plätze, auf denen Touristen entlang flanieren, sind nicht annähernd so voll, wie sonst üblich.

Nehmen die Menschen in Istanbul besonderen Anteil daran, dass zehn Deutsche unter den Opfern waren?

Ja, denn die Beziehung zu Deutschland hat eine lange Tradition. Nicht nur, dass in Deutschland die größte Anzahl der im Ausland lebenden Türken ihren Lebensmittelpunkt hat, die meisten Touristen kommen aus Deutschland. Nach den Anschlägen ist eine große Anteilnahme zu spüren.

Kommen wir zu einem anderen Thema: Zu den Vorfällen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof. Haben die Übergriffe auf Frauen etwas mit dem Islam zu tun?

Ja, und zwar insofern: Die islamische Welt hat sich noch nicht genügend mit der Aufklärung und dem Freiheitsgedanken auseinandergesetzt. Frauen in muslimisch geprägten Ländern – von Marokko bis hin nach Indonesien – leben nach wie vor viel eingeschränkter als in westlichen Demokratien.

Woran können Sie das festmachen?

In den islamisch geprägten Ländern existiert ein ganzes Umfeld prägender Männerkult. Die Geschlechtertrennung ist extrem. Hier ist es selbstverständlich, dass Frauen feiern gehen – und das machen sie gelegentlich alleine und auch ohne Männerbegleitung. Es ist hier außerdem völlig in Ordnung, wenn sich Frauen dabei aufreizend kleiden. In vielen muslimischen Ländern aber wird genau das als Problem angesehen und von Männern oft so ausgelegt, als würden ihnen diese Frauen zur freien sexuellen Verfügung stehen.

Woher kommt dieses Verhalten?

Sexualität ist im Islam – wie übrigens auch in anderen Religionen – von Verboten, Ängsten und Gewalt geprägt. Junge Männer haben oftmals keinen Umgang auf Augenhöhe mit dem anderen Geschlecht, der Kontakt zu Frauen ist gewissermaßen von vornherein gestört. Und das kann dann dazu führen, dass bei einigen jungen Männern das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung so stark anwächst, bis sich der durch rigide Sexualmoral erzeugte Druck entlädt und wie bei einem Dampfkochtopf explodiert.

In Deutschland wird nun darüber diskutiert, dass sexuelle Übergriffe auch auf dem Oktoberfest erfolgen, dass das also nicht speziell mit dem Islam in Verbindung gebracht werden kann. Wie stehen Sie dazu?

Sexuelle Übergriffe gibt es weltweit. Mir geht es nicht darum den Islam als die rückständigste Religion zu deklarieren, ich bin selbst Muslimin. In dieser Diskussion darf man aber Rassisten oder Feinden des Islam nicht das Feld überlassen, deren verkürzte Darstellung: Jeder Muslim ist ein Vergewaltiger ist falsch und gefährlich. Der Punkt, den ich aber machen will: Es gibt diese sexuellen Übergriffe in westlichen Demokratien nicht in diesem Ausmaß, wie in islamisch geprägten Ländern.

Wie könnte man Ihrer Ansicht nach diesem Problem begegnen?

Wie ich in meinem Buch bereits geschrieben habe: Der Islam braucht eine sexuelle Revolution, er muss sich reformieren, eine Anpassung an die jetzige Zeit durchlaufen.

Welche Herausforderung kommen mit den vielen Flüchtlingen aus muslimisch geprägten Regionen auf Deutschland zu?

Wir müssen über die Probleme des Zusammenlebens in unseren multikulturellen Gesellschaften diskutieren. Man kann bei interkulturellen Konflikten nicht genug um Differenzierung und Zurückhaltung bemüht sein. Dennoch ist es nach allem, was wir bisher im Fall von Köln wissen, falsch, zu relativieren und zu ignorieren, dass diese jungen Männer aus einer frauenfeindlichen Haltung heraus gehandelt haben und dieses Verhalten tatsächlich auch mit ihrer kulturellen und religiösen Sozialisation im Zusammenhang steht. Solches zu benennen, muss möglich sein ohne Rassismus und Häme. Und ohne den Islam in den Dreck zu ziehen. Dazu brauchen wir auch muslimische Männer, die solche Haltungen und Taten ablehnen.

In Neukölln sind kürzlich muslimische Männer gegen Gewalt an Frauen auf die Straße gegangen.

Genau solche Demonstrationen sind wichtig, davor ziehe ich den Hut!

+++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt, welche Defizite Seyran Ates in der Integration islamischer Migranten in Berlin sieht +++

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