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Rechtsextremismus im Internet: Die Netz-Nazis

Utensilien der „Unsterblichen“: Bei Razzien beschlagnahmte die Polizei nicht nur Masken und Fackeln, mit denen diese Neonazis meist nachts aufmarschieren, sondern auch reichlich Propaganda-Material und Waffen.

Utensilien der „Unsterblichen“: Bei Razzien beschlagnahmte die Polizei nicht nur Masken und Fackeln, mit denen diese Neonazis meist nachts aufmarschieren, sondern auch reichlich Propaganda-Material und Waffen.

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dpa

Potsdam -

Die „Unsterblichen“ kommen in der Dunkelheit. Sie tragen weiße Masken und ziehen mit brennenden Fackeln durch die Straßen von Potsdam. Auf ihrem Transparent steht mit weißer Farbe auf schwarzem Grund: „Die Demokraten bringen uns den Volkstod.“ Es sind 20 schwarz gekleidete Gestalten, die am 3. Februar in der Landeshauptstadt von Brandenburg aufmarschieren. Als die alarmierte Polizei eintrifft, hat sich der gespenstische Zug bereits aufgelöst. Die Beamten erwischen noch vier Leute in der Nähe, können aber nur die Personalien aufnehmen, Masken oder Fackeln finden sie nicht.

Die Sicherheitsbehörden kennen solche Aktionen mittlerweile. Winfriede Schreiber, die Chefin des Verfassungsschutzes, spricht von „Kostümfaschismus“. Das klingt verharmlosend, birgt aber einen wahren Kern: Rechtsradikale verpacken alte Inhalte in einer neuen Form. Sie treten nur in kleinen, verschworenen Gruppen auf und organisieren sich übers Internet. Sie vertreten die Nazi-Ideologie, beziehen sich aber auch auf die Popkultur. Sie sind belesen und üben sich in Kampfsport. Ihr Motto: „Werde unsterblich!“

Mobilisierung per SMS

Die Keimzelle dieser Bewegung ist im Süden des Landes. In der vergangenen Wochen hatte es gleich mehrere rechtsradikale Überfälle in Spremberg (Spree-Neiße) gegeben. In dieser Region agiert das Neonazi-Netzwerk „Widerstand Südbrandenburg“. Dass deren Mitglieder an den Übergriffen beteiligt waren, schließen die Ermittler nicht aus.

Der Verfassungsschutz schätzt den harten Kern der Gruppe auf 25 Aktivisten. Die Mitglieder haben sich bewusst von der NPD gelöst und lehnen parlamentarische Arbeit ab. Sie suchen den Untergrund und den Schutz der Anonymität. Dafür erfanden sie die Aktionsform der „Unsterblichen“. Statt sich dem Frust von blockierten NPD-Demos auszusetzen, marschieren sie spontan und maskiert auf. Die Teilnehmer erfahren erst kurz vorher von den Aktionen, die über SMS oder das Internet geplant werden.

Immer mehr Rechtsradikale wenden sich von der NPD ab und kleinen Netzwerken zu, so der Verfassungsschutz. Ein Grund: Die Gruppen ziehen gerade junge Menschen an, weil sie modern auftreten, statt mit verstaubter Symbolik und platten Parolen zu verschrecken.

„Nationale Sozialisten können sich kleiden wie sie möchten und sind in der Gesellschaft verankert wie jeder andere Jugendliche auch.“ Dieser Satz stammt von einer Internetseite, auf der rechtsradikale Graffiti-Sprayer ihre Werke dokumentieren. Die Seite steht stellvertretend für Wandel im Erscheinungsbild der radikalen Rechten: weg von Springerstiefel, Bomberjacke und Hakenkreuz; hin zu Turnschuhen, Tattoos und stylischen Logos auf Kapuzenpullovern. Auch die Propaganda ist optisch hochwertiger geworden – und verbreitet sich übers Internet. Als Neonazis am 10. April die Tür der Arbeitsagentur in Lauchhammer zumauerten, feierte das die Szene über Twitter und kündigte an: „Bald bekommt ihr noch mehr zum Diskutieren.“

Bombastisch in Szene gesetzt

Das Internetportal der „Spreelichter“ gilt als Vorbild für die rechtsradikale Internetgemeinde. Es finden sich Videos von Aufmärschen der „Unsterblichen“, unterlegt mit Soundtracks moderner Filme wie „Matrix“. Mit schnellen Schnitten setzen die Macher auch kleinere Aufzüge bombastisch in Szene.

Die Neonazis haben sich professionalisiert. Gordian Meyer-Plath, Referatsleiter „Politischer Extremismus“ beim Verfassungsschutz, beobachtet seit 2007 einen Qualitätssprung. Er erklärt ihn mit dem persönlichen Hintergrund der Aktivisten. „Das sind oft Studenten oder Akademiker, keineswegs gescheiterte Existenzen.“ Ein Beispiel ist Marcel Forstmeier, der Kopf hinter den „Spreelichtern“. Der Informatiker betreut seit Jahren Internetseiten von Neonazis. Laut Antifa- Gruppen war er einst NPD-Mitglied, trat aber aus. Heute richtet er sich entschieden gegen die Mitarbeit in Parlamenten. Das Ziel sei vielmehr, „eine geschlossene Gemeinschaft mit einheitlicher weltanschaulicher Ausrichtung zu bilden, die mit einigen echten Persönlichkeiten ein Gegengewicht darstellt“.

Dafür verfahren die Gruppen nach dem Leitspruch „Stärke Körper und Geist – Leben heißt Kampf“. Vor zwei Jahren gründeten Rechtsradikale den Kampfsportverein „Northsidecrew“ in Lübben, dem laut Verfassungsschutz zehn bis zwölf Neonazis angehören. Der „Widerstand Südbrandenburg“ organisiert „nationale Kampfsporttage“, auf denen Zuschauer und Kämpfer ideologisch eingeschworen werden: „Der Widerstand, wie er sich heute hier zusammengefunden hat, ist die letzte Anhäufung gesunden deutschen Lebens“, hieß es in der Begrüßungsrede zu einer Veranstaltung im Oktober 2010.

Laut Verfassungsschutz veranstalten die rechtsradikalen Gruppen auch Lesekreise – mit verpflichtender Lektüre wie den Schriften Darwins. Das dementieren die „Spreelichter“ auf Nachfrage. Ihre Beiträge im Internet künden aber vom eigenen Eliteverständnis. „Die ’Spreelichter’ haben viel von einer Sekte“, sagt Verfassungsschützer Gordian Meyer-Plath.

Als „Unsterbliche“ treten mittlerweile in ganz Deutschland rechtsradikale Gruppen auf. Zuletzt marschierten in der Walpurgisnacht 100 Maskierte in Donaueschingen in Baden-Württemberg. Das zeige, welche Wirkung die Idee habe, meint Meyer-Plath: „Die ‚Unsterblichen‘ sind ein Exportschlager.“



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