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Rechtsextremismus: Neonazi mit Meistertitel

Markus W. ist ein erfolgreicher Kick-Boxer. Außerdem soll er sich in der Neonazi-Szene engagieren. (Bild verfremdet)

Markus W. ist ein erfolgreicher Kick-Boxer. Außerdem soll er sich in der Neonazi-Szene engagieren. (Bild verfremdet)

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Johannes Koziol

Cottbus. „Seit 66 Jahren vermisst. Du fehlst uns“, stand auf der Rückseite rund um drei stilisierte Eiserne Kreuze. „A.H. Memorial Tour 2011, Protektorat Mallorca“ auf der Vorderseite der T-Shirts. So gekleidet marschierten an einem Tag im Mai 18 Männer aus Cottbus und der Lausitz durch den Dresdener Flughafen. Sie waren auf dem Rückweg von der spanischen Urlaubsinsel Mallorca. Die Polizei beschlagnahmte die T-Shirts noch auf dem Flughafen. Die Männer, darunter eine größere Zahl polizeibekannter Rechtsextremer, wurden wegen Volksverhetzung angeklagt. Sie erhielten Strafbefehle. Das ist zwei Jahre her.

Auf der Teilnehmerliste der Mallorca-Fahrt stand Markus W. Er war einer der T-Shirt-Träger, ist Deutscher Meister im Kickboxen und einer der Spitzensportler der Stadt. Zum Meisterschaftserfolg erhielt er Glückwünsche von Oberbürgermeister Frank Szymanski (SPD). Auch Mario S. war dabei, späterer Europameister im Kickboxen sowie ein weiterer Spitzenkämpfer. Alle drei eint nicht nur ihre Mitgliedschaft im Verein Kickbox-Team Cottbus (KBTC), sondern auch ihre Verbindungen in die – verglichen mit anderen Brandenburger Regionen – starke hiesige Neonazi-Szene.

Verfassungsschutz beobachtet

Rechtsextremisten im Kampfsport – ein Problem, das der Brandenburger Verfassungsschutz seit längerem mit Sorge beobachtet. „In Brandenburg hat sich in den letzten Jahren ein rechtsextremistisches Kampfsportmilieu entwickelt, in dem Kickboxen und bevorzugt Freefight als Agitationsplattformen genutzt werden“, heißt es im aktuellen Verfassungsschutzbericht für 2012. Vor allem im Süden Brandenburgs seien vermehrt Versuche der Einflussnahme auf Kampfsportvereine zu beobachten, durch Unterwanderung oder Gründung eigener Clubs. Der Kampfsport werde als vormilitärisches Training genutzt ebenso wie zur Verbreitung der Ideologie.

Besonders im Fokus haben die Verfassungsschützer den KBTC und einige seiner Mitglieder. Der Club, von Markus W. und anderen gegründet, wollte Kickboxen auch für den Breitensport öffnen, man trainierte Kinder- und Jugendgruppen. Rund 80 Mitglieder soll er noch vor kurzem gehabt haben.

Gründer einer rechten Hooligan-Gruppe

Markus W., der schon mal zu Hassmusik der Neonazi-Band „Blitzkrieg“ in den Ring steigt, musste mittlerweile aus dem KBTC austreten. Der 29-Jährige soll auch Begründer der Cottbuser Modemarke „Label 23“ gewesen sein, die bei Rechtsextremen beliebt ist, ähnlich wie Thor Steinar. In Sicherheitskreisen wird er als einer der Top-Neonazis in Südbrandenburg eingestuft. Nach Angaben des Verfassungsschutzes war W. auch Mitglied der Gruppe „Widerstand Südbrandenburg“, die 2012 verboten wurde. Die unter ihrem Dach agierenden „Spreelichter“ organisierten immer wieder „Nationale Kampfsporttage“. Markus W. soll auch in der Rocker- und Türsteherszene eine wichtige Rolle spielen. Zudem gilt er als einer der Gründer der rechten Hooligan-Gruppe Cottbus Inferno 99. Wie berichtet, hatte der Fußball-Zweitligist Energie Cottbus deren Teilnehmern erst kürzlich Auftrittsverbot im Stadion erteilt.

Als die braune Gesinnung der KBTC-Kämpfer offenbar wurde – enthüllt von der Lausitzer Rundschau, deren Reporter wegen ihrer Berichterstattung über rechtsextremistische Strukturen seit einiger Zeit von Neonazis bedroht werden – schwieg der Verein zunächst. Im Herbst vergangenen Jahres ging der Präsident Steve B. in die Offensive, sprach von „falschen Vorwürfen“ gegenüber einigen Mitgliedern. Rechtsextremismus habe beim KBTC keinen Platz, versicherte er damals auf einer Pressekonferenz. Sein Europameister Mario S., bis heute sportliches Aushängeschild des KBTC, entschuldigte sich damals für die Teilnahme an der Hitler-Gedenkfahrt.

Sieg-Heil-Rufe und laute Nazi-Musik

Aber die Vertrauensoffensive des Vereins nützte wenig. Kurz darauf kam heraus, dass Mario S. nur Monate nach der Mallorca-Reise auf der Geburtstagsfeier von Markus W. war, die später von der Polizei wegen Sieg-Heil-Rufen und lauter Nazi-Musik aufgelöst worden war. Eine ähnliche Party gab es im April 2012 in Cottbus, als der Geburtstag von Christian B. gefeiert wurde, auch er Mitbegründer des KBTC und ehemaliger Spitzenkämpfer. „Dreißiger Jahre“ soll das Motto der Feier gelautet haben. Mehrere Gäste erschienen in SA-Uniform. Ein entsprechendes Foto liegt der Berliner Zeitung vor. Einer der Abgebildeten soll Markus W. sein – braune Uniform, Hakenkreuz-Binde am Arm, ein Bierglas in der Hand.

Ende Mai kam es in Österreich zum vorläufigen Höhepunkt in der Causa KBTC. Zielfahnder stoppten in Salzburg zwei Mietwagen, Polizisten der Spezialeinheit „Cobra“ schlugen zu. Sie verhafteten Ex-KBTC-Kämpfer Markus W., der in einem der Autos saß. Gegen ihn lag ein internationaler Haftbefehl vor. Der Neonazi war nach einer brutalen Messerattacke auf ein Mitglied der „Hells Angels“ drei Monate zuvor in Cottbus auf der Flucht. Der Rocker war dabei nur knapp dem Tod entronnen.

Dem Vernehmen nach war Markus W. auf dem Weg zu einem Lausitzer Rechtsextremisten, der in Österreich Hochzeit feierte. Und er reiste nicht allein – W. wurde nach Polizeiangaben von KBTC-Präsident Steve B. und Kickbox-Europameister Mario S. begleitet. Die drei sollen gut befreundet sein. Markus W. sitzt seither in Brandenburg in Untersuchungshaft. Eine Anfrage mit der Bitte um Stellungnahme dazu ließ der KBTC unbeantwortet.

Rauswurf aus dem Sportbund

Dieser Vorfall könnte nun für den einst so erfolgreichen Kickbox-Club das Ende bedeuten. Als Reaktion hat der Stadtsportbund Cottbus am 2. August ein Ausschlussverfahren gegen den KBTC eingeleitet. Ein einmaliger Schritt in der bisherigen Geschichte der Dachorganisation, wie Geschäftsführer Tobias Schick mitteilt. Der Rauswurf bedeutet für die Kickboxer das Ende der Jugendförderung, sie können bestimmte Sportstätten nicht mehr nutzen und möglicherweise wird ihnen auch der Status der Gemeinnützigkeit entzogen. Schon im Februar hatte die Stadt Cottbus dem KBTC untersagt, kommunale Trainingshallen zu nutzen.

Auch der Landessportbund (LSB) hat sich vom KBTC abgewendet. Dabei hatte Uwe Koch, Beauftragter für Rechtsextremismus beim LSB, bis vor einigen Monaten noch Hoffnungen, den Kampfsportverein wieder in die richtigen Bahnen zu lenken. Etwa ein halbes Jahr lang hatten er und andere Experten Vereinsführung und Spitzenkämpfer auf eigenen Wunsch hin beraten, wie sie sich aus der rechtsextremen Umklammerung lösen können. Jetzt hat der LSB das Projekt jedoch beendet. „Es hat keinen Sinn mehr gehabt. Wir haben kaum Erfolge erzielt“, sagt Koch. Der KBTC sei wenig einsichtig gewesen.

Uwe Koch betont, die Brandenburger Sportvereine seien grundsätzlich sauber und nicht von Neonazis unterwandert. Der KBTC-Fall sei allerdings sehr hartnäckig. Spitzen-Kickboxer Mario S. will dieses Jahr seinen EM-Titel verteidigen. Mit Unterstützung eines Kampfsportclubs in Halle – der ebenfalls mit Nazi-Vorwürfen zu kämpfen hat.


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