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Rechtsstreit um Ohrlochstechen: Viel Lärm um 70 Euro

Ein dreijähriges Mädchen verlangt von einem Tattoo-Studio Schmerzensgeld nach einem Ohrlochstechen.

Ein dreijähriges Mädchen verlangt von einem Tattoo-Studio Schmerzensgeld nach einem Ohrlochstechen.

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dpa

Berlin -

Am Ende ging es um ein bis zwei Millimeter. Um diese Winzigkeit saß das Loch im rechten Ohrläppchen der dreijährigen Leonie höher als das im linken. Und geweint hat sie, vielleicht vor Schmerzen, vielleicht vor Schreck über den Lärm, den die Ohrloch-Pistole verursachte. Eine Kleinigkeit vielleicht. In diesem Fall hat sie jedoch für große Aufregung gesorgt. Die Eltern klagten auf Schmerzensgeld.

Der Richter setzte eine Verhandlung darüber an, erkannte aber auch Gemeinsamkeiten zur Beschneidungsdebatte, in der es darum geht, ob jüdischen und muslimischen Jungs aus religiösen Gründen die Vorhaut beschnitten werden darf. Wurde auch hier einer Minderjährigen unnötiges Leid zugefügt? Am Freitag fand vor dem Amtsgericht Lichtenberg der Prozess statt. Der Andrang war groß am Roedeliusplatz, Dutzende Journalisten waren erschienen.

Leonie war am 16. Dezember vorigen Jahres mit ihren Eltern zu einem Tattoo-Studio in Hohenschönhausen (Werbespruch: „…wir sind die Lieben!“) gegangen. Es war ein Geschenk zum dritten Geburtstag. Sie habe es sich gewünscht, sagten die Eltern. Im Studio schoss man Leonie mit zwei Pistolen und einem lauten Knall gleichzeitig Löcher in die Ohrläppchen. Am Ende verlangten die Eltern im Namen der Tochter wegen der ungleichen Löcher und der Schmerzen 70 Euro vom Studio. Das ist die Summe, die das Stechen hätte kosten sollen. Wegen des Ärgers hatte das Studio damals auf Honorar verzichtet. Eine ärztliche Untersuchung ergab später, dass sich die Löcher nicht entzündet hatten.

In der Verhandlung brachte Richter Uwe Kett das Gespräch auf mögliche juristische Risiken beim Ohrlochstechen. Immerhin braucht man dazu Werkzeuge, wie eine Bolzenschusspistole oder eine Nadel. Möglicherweise sei Paragraph 229 des Strafgesetzbuchs tangiert: fahrlässige Körperverletzung, zu ahnden mit Freiheitsentzug von bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe. Und wer müsste dann bestraft werden; der Ohrlochstecher, der das Kind fahrlässig verletzt, oder die Eltern, die dem zustimmen?

Und weiter ging’s in der Assoziationskette: Sei Ohrlochstechen bei Kindern nicht vergleichbar mit der Beschneidung? Welchen Grund gebe es für das Ohrlochstechen? Das Thema schien zu passen in das aufgeregte Argumentieren für und wider der Religionsfreiheit, dem Kindesrecht auf körperliche Unversehrtheit sowie der ärztlichen Fürsorgepflicht.

Viel Lärm um wenig?

Da Richter Kett aber nur Zivil- und keine Strafsachen bearbeitet, regte er am Freitag einen Vergleich an, dem beide Seiten zustimmten: Leonie erhält vom Tattoo-Studio 70 Euro, die Gerichtskosten von 25 Euro teilt man sich, die Anwaltskosten übernehmen die Rechtsschutzversicherungen.

Viel Lärm um ganz wenig also? Vielleicht nicht, denn die Debatte läuft. Schon fordert der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) ein Verbot des Stechens bei Kindern. „Ohrlochstechen, Tätowierungen und Piercings bei Minderjährigen sind Körperverletzung“, sagte BVKJ-Präsident Wolfram Hartmann. Es könne zu Entzündungen und Verletzungen kommen. Gerade für kleine Kinder sei die Gefahr groß, weil Schmutz in die Wunde kommen könne.

In der Berliner Stecher-Branche, bei Juwelieren, Friseuren, Piercern und Tätowierern, geht man unterschiedlich mit dem Wunsch nach kleinen Löchern in Kinderohren um. Eingebürgert hat sich, dass das Schießen von Löchern bei Kindern erlaubt sei, das Stechen mit der Nadel erst bei Jugendlichen ab 14 Jahren. Stefan Rau, Besitzer von zwei Frisiersalons in Marzahn, sagt: „Wir empfehlen Ohrlöcher erst ab drei Jahren.“ Er berichtet von Eltern, die mit ihren Babys kämen. „Die schicken wir nach Hause.“ Bei vielen Tattoo-Studios müssen Kunden mindestens 14 Jahre alt sein. Dabei, so die Tätowierer, richteten bei Ohrlöchern ihre spitzen Kanülen weniger Schaden im Ohrläppchen an, als die relativ stumpfen Pistolen. Offenbar ein weites Feld.

Gut möglich, dass Richter Kett auch nicht wohl ist beim Thema. Ob er den Fall zur strafrechtlichen Bewertung an die Staatsanwaltschaft geben werde, damit diese ein Ermittlungsverfahren einleite? „Wahrscheinlich schon.“ Denn: „Weil ich gebellt habe, muss ich jetzt auch beißen. Ich mache mich sonst unglaubwürdig.“


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