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Religion: „Muslime brauchen keinen Schutz, sondern gesellschaftliche Debatten“

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Wütende junge Männer attackieren bei einer Demo im Jahr 2014 auf dem Kudamm Polizisten.

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Reuters/Axel Schmidt

Ahmad Mansour hat mit „Generation Allah“ ein Buch über religiösen Extremismus geschrieben. Er sagt, wir müssten umdenken, um muslimischen Fundamentalismus zu bekämpfen.

Herr Mansour, Sie treffen sehr viele muslimische Jugendliche in Berlin. Beschreiben Sie diese doch mal.

Sie sind sehr verschieden. Ich arbeite zum Beispiel bei dem Projekt Heroes mit Jugendlichen, die sich bewusst gegen Unterdrückung engagieren, gegen  Ungleichbehandlung von Mann und Frau. Dabei sind  religiöse Jugendliche und auch solche, die gar keinen Bezug zur Religion haben. In den Schulen merke ich aber, dass dort eine Gruppe größer und größer wird: Jugendliche, die ihre Religiosität nicht in Einklang mit dem Grundgesetz bringen. Das ist alarmierend.

Was sind deren Überzeugungen?

Sie lehnen demokratische Grundsätze ab. Geschlechtertrennung gehört dazu, Tabuisierung von Sexualität, Ablehnung von Gleichberechtigung, es gibt Verschwörungstheorien und Antisemitismus. Sie lehnen Zweifel am Glauben ab, glauben an einen strafenden zornigen Gott, der Ungläubige mit der Hölle bestraft. Die patriarchalischen Strukturen in den Familien unterstützen diesen Glauben. Aus diesem Pool fischen Extremisten.
 
Die Basis ist die Religion?

Das Religionsverständnis. Ich bin auch Moslem, aber mein Religionsverständnis hat mit Antisemitismus, ungleichen Rechten für Männer und Frauen und einem bestrafenden Gott nichts zu tun.


Was ist Religion für die Jugendlichen?

Sie ist ein Tabu, das sie schützen wollen, das darf nicht infrage gestellt werden. Sie reagieren sonst sehr aggressiv. Außerdem ist sie ein identitätsstiftendes Merkmal, und zwar das einzige. An der Frage Moslem oder nicht werten sie sich auf und andere ab. Es gibt natürlich  Jugendliche, die ihre Spiritualität als Privatsache erleben, dadurch gewinnen sie Stärke, aber sie werten andere nicht ab. Aber dann gibt es eben Religiöse, die radikale Islamisten sind – von ihrem Denken her.
 
Junge Leute interessieren sich mehr für Religion als früher?

Es ist ein weltweites Phänomen, dass Religiosität mehr Bedeutung hat als vor zehn Jahren, nicht nur bei Muslimen. Das ist Sinnsuche, Suche nach Halt, danach, Verantwortung abzugeben. Wir leben in einer Zeit, in der sich Werte wandeln, und das schafft Unsicherheit. Es gibt  Menschen, die damit nicht klar kommen. Bei ihnen ist Religion ein Zugang zu radikalen Tendenzen. Der Versuch, diese Jugendlichen zu rekrutieren, ist unfassbar verbreitet. Es sind nicht nur die Salafisten, auch andere islamistische Gruppierungen versuchen, Jugendliche für sich zu gewinnen.
 
Was ist das größere Problem, dass die Jugendlichen religiöser sind oder dass sie in unserer Gesellschaft nicht gut genug verankert sind?

Religiöser werden ist an sich kein Problem. Die Frage ist, mit welcher Religiosität die Jugendlichen in Kontakt kommen. Leider sind liberale Interpretationen im Islam selten. Deshalb haben sie immer wieder mit problematischen zu tun. Ich spreche von einer Generation Allah, aber das sind nicht diejenigen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Sie fallen nicht durch gewalttätige Aktionen auf.
 
Ist Generation nicht zu weit gefasst?

Nein. Wir haben es nicht mit ein paar Hundert Islamisten zu tun, sondern mit einer Generation, die gefährdet ist, radikalisiert zu werden.

Was sind das für Jugendliche?

Es sind zum Teil Kinder von Einwanderern in der zweiten oder dritten Generation, aber es gehören auch Jugendliche dazu, die den Islam annehmen und vorher nichts damit zu tun hatten. Wir haben säkulare Familien, in denen Religion keine große Rolle gespielt hat, deren Kinder aber trotzdem religiöser werden und extremistischer.
 
Warum radikalisieren sie sich?

Es gibt keine monokausale Erklärung. Man kann nicht behaupten, das seien nur Leute, die diskriminiert werden. Sie finden im Salafismus Ersatz für eine starke Vaterfigur, die sie in ihrer Familie vermissen. Andere sind mit der Selbstbestimmung in der Gesellschaft überfordert und suchen nach Orientierung. Salafismus bietet das. Die Salafisten sagen den Jugendlichen, wann sie aufstehen müssen, wann sie beten sollen, wen sie heiraten, welcher Arbeit sie nachgehen sollen. Das ist eine Ideologie, die alle Dimensionen des Lebens umfasst. Sie beeinflusst das Denken. Die Jugendlichen folgen blind.
 
Wie gehen Sie auf radikalisierte Jugendliche zu?

Ich versuche, die Ursache zu verstehen. Die Gründe sind unterschiedlich: Da ist ein Vater, der an Stärke verliert, vielleicht wegen Arbeitslosigkeit, vielleicht weil seine Kinder sich besser auskennen als er. Manche wachsen in Familien auf ohne Bindungen. Sie radikalisieren sich mit dem Wunsch nach heiler Welt, in der sie die Guten sind oder dadurch Orientierung finden. Manche wachsen in Familien auf mit einem starken Feindbild, Muslime sind die Opfer. Angstpädagogik spielt eine große Rolle, die Sexualität der Frau muss vom Mann kontrolliert werden. Wenn ich ein Islamverständnis habe, wo Sexualität eine Sünde ist, kann ich nicht erwarten, dass ein entspannter Umgang zwischen den Geschlechtern stattfindet. Die Salafisten machen das zu ihrem Schwerpunkt und überzeugen damit solche Jugendliche.

 
Was machen Sie in Berliner Schulklassen?

Wir diskutieren mit den Schülern über Gleichberechtigung, Freiheit, Erziehung. Das ist Prävention.

Reagieren die Jugendlichen offen?

Ja, weil wir nicht mit dem Anspruch auftreten, Wahrheit zu vermitteln. Wir machen Rollenspiele, wir hören zu, schaffen Vertrauen, und wir werten nicht ab, wenn einer sagt, ich finde das gut, wenn der Bruder seine Schwester schlägt. Wir nutzen solche Aussagen, um darüber reden zu können. Manchmal treffen wir auf hilflose Lehrer.
 
Inwiefern?

Eine Lehrerin hat uns zum Beispiel nach den Anschlägen in Paris angerufen. Sie wollte mit ihren Schülern darüber sprechen und stellte fest, dass viele gut finden, was passiert ist. Die haben den Prophet beleidigt, also ist es gut, dass sie gestorben sind. Und was tut sie? Sie ruft die Polizei. Das ist nicht hilfreich. Über das Thema wird nie wieder geredet. Das ist nicht mein Ansatz. Wenn ich über solche Themen reden will, muss ich erstmal zuhören, auch wenn manches mich sehr schockiert. Ich sage dann meine Meinung dazu und stelle Fragen. Die Jugendlichen reden, und ich versuche, sie durch die Nachfragen zum Denken anzuregen, zum Hinterfragen. Sie können dann nicht einfach sagen, bei uns ist es eben so, sondern sie müssen argumentieren, und diese Argumente fehlen ihnen.
 
Die Schule müsste sich stärker solchen Aufgaben stellen?

Ja, darüber wäre ich sehr dankbar. Extremismus bekämpft man mit Aufklärung in den Schulen. Wir müssen den Jugendlichen Demokratie beibringen. Wenn wir zum Nachdenken anregen, erziehen wir mündige Bürger. Wir müssen ein Wir-Gefühl schaffen. Wenn wir klar sagen, dass die Jugendlichen Teil der Gesellschaft sind, auch wenn sie Probleme mitbringen, können wir viel erreichen. Das ist leider nicht überall der Fall. Schulen sind mit solchen Themen total überfordert.
 
Warum?

Das ist nicht Teil ihrer Ausbildung. Sie hören über den Islam und die Muslime nur über die Medien etwas. In der Ausbildung müsste es viel stärker darum gehen, wie vermittele ich Werte. Wie sollen sie darauf reagieren, dass 90 Prozent ihrer Schüler es gut finden, dass die Frau jungfräulich in die Ehe gehen muss, sonst ist sie weniger wert. Lehrer müssten mit den Schülern streiten, aber wie sollen sie das können, wenn sie nicht vorbereitet sind. Was sagt eine Lehrerin, wenn ihr ein Schüler erklärt: „Von einer Frau lasse ich mir nichts sagen.“ Soll sie auf eine Fortbildung warten? Ich glaube, wenn wir Islamismus an der Wurzel packen wollen, muss es Teil der Schule werden, zu debattieren, Vorbilder zu zeigen. Und wir müssen unbedingt in den Schulen über aktuelle politische Themen reden. Sonst suchen die Jugendlichen woanders danach und landen bei Radikalen, die im Internet auf sie warten. Wir brauchen auch eine innerislamische Debatte. Muslime müssen ein Islamverständnis anbieten, das eine Alternative zu dem der Radikalen ist. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
 
Auch eine für die Islamverbände?

Natürlich. Die Arbeit ist aber nicht mit Mahnwachen am Brandenburger Tor getan. Eine ehrliche  Debatte bedeutet, die Frage zu stellen, wie konnte so ein Ungeheuer unter uns entstehen. Wir dürfen keine Themen tabuisieren. Diese beansprucht sonst Pegida für sich. Nach Köln war natürlich die Frage, wie kommt so ein Frauenbild zustande. Muslime brauchen keinen Schutz, sondern gesellschaftliche Debatten.  Wieso reden wir nicht darüber, dass Mädchen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen?
 
Sind es so viele?

Ja. Ich bin jeden Tag an Schulen in Kreuzberg und Neukölln, ich weiß, dass an manchen Schulen kein Schwimmunterricht stattfindet. Es sind deutsche Mädchen. Wer sagt, dass muslimische Mädchen weniger lernen sollen als nicht-muslimische Mädchen, ist meiner Ansicht nach ein Rassist.

Das Gespräch führte Julia Haak.