blz_logo12,9
Berliner Zeitung | Rentnerprotest in Pankow: Bei den Senioren liegen die Nerven blank
02. August 2012
http://www.berliner-zeitung.de/5818008
©

Rentnerprotest in Pankow: Bei den Senioren liegen die Nerven blank

Noch legen sie die Hände nicht in den Schoß: Die Senioren aus Pankow.

Noch legen sie die Hände nicht in den Schoß: Die Senioren aus Pankow.

Foto:

Thomas Uhlemann

Berlin -

Der Kampfesgeist ist noch vorhanden, doch die Stimmung ist am Boden: Seit nunmehr einem Monat halten Senioren ihren Freizeittreff in der Stillen Straße in Pankow besetzt. Der Bezirk hat die Einrichtung wegen der Kosten für Unterhalt und Sanierung geschlossen.

Doch das wollen die Senioren nicht akzeptieren. Tag und Nacht sind die Männer und Frauen in der Villa, sie schlafen und kochen dort, empfangen Unterstützer und koordinieren den Tages- und Protestplan. Auch das reguläre Freizeitangebot wird erfüllt. Am Donnerstag etwa traf sich die Schachgruppe im Haus.

Viele Ideen zur Rettung

Doch so eine Tag- und Nacht-Besetzung mit bundesweiter Unterstützung und andauernden Interviews macht den Senioren zu schaffen. „Die Stimmung ist nicht mehr blendend, die Nerven liegen blank. Wir bemühen uns, nicht zu streiten“, sagt Doris Syrbe. Die 72-Jährige ist Vorstandsvorsitzende des Seniorentreffs und gehört zum Kreis der aktiven Besetzer.

Mittlerweile gibt es viele Ideen, wie man die Einrichtung, in die jede Woche etwa 300 Senioren kommen, doch noch retten kann. Der Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi (Linke) hatte beim Besuch vor zwei Wochen vorgeschlagen, Stiftungen um finanzielle Unterstützung zu bitten. Die Bertelsmann-Stiftung habe aber schon abgelehnt, sagt Doris Syrbe. „Wir passen nicht in ihr Schema.“

Im Gespräch ist auch, die Einrichtung an einen freien Träger zu übergeben, der sie dann finanzieren müsste. Die Seniorenorganisation Volkssolidarität würde sich daran beteiligen, der Paritätische Wohlfahrtsverband präferiert die Idee einer Genossenschaft.

Der Abgeordnete der Berliner Grünen, Andreas Otto, sucht eine „langfristige Lösung“, etwa durch einen Erbbaupachtvertrag. Eine finanzielle Beteiligung lehnen die Senioren ab. „Wir wollen unser Geld nicht in die Einrichtung stecken. Und das ist unser gutes Recht“, sagt Doris Syrbe. Bisher zahlten die Senioren einen Euro Monatsbeitrag.

Der Bezirk gibt kein Geld mehr

Das entscheidende Votum zum Fortbestand des Rentnertreffs müsste aber aus dem Bezirksamt Pankow und aus der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) kommen. Die Bezirkspolitiker hatten im März 2012 beschlossen, die Einrichtung aufzugeben, den Rentnern Ersatzangebote in umliegenden Einrichtungen anzubieten und die Immobilie dem Liegenschaftsfonds zum Verkauf zu übergeben. Nach der landesweit bekanntgewordenen Besetzung schlägt die Pankower SPD nun vor, das Grundstück einem neuen Träger zu übergeben.

„Es gibt die Idee, ein Interessenbekundungsverfahren einzuleiten“, sagt Sozialstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD). Dann könnten sich Vereine und Verbände um den Seniorentreff bewerben. „Bisher hat noch niemand offizielles Interesse gezeigt“, sagt die Stadträtin. Fakt ist: Der Bezirk gibt kein Geld mehr, die Einrichtung gilt als geschlossen.

Am 9. August beschäftigt sich der Finanzausschuss mit dem Thema, die Sitzung wurde wegen des zu erwartenden Andrangs in den Saal der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) in der Fröbelstraße verlegt. Am 29. August tagt dort die BVV. Zu beiden Terminen wollen die Senioren kommen. „Bis zu einer befriedigenden Lösung bleibt das Haus Stille Straße 10 weiter besetzt“, sagen sie.