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Repair Café: Und was hat deine Bohrmaschine?

„Fahren sie rechts in die Spree und dann 2,8 Millionen Kilometer gerade aus“: Yerun Teulings (l.) und ein Anwohner reparieren ein defektes Navi.

„Fahren sie rechts in die Spree und dann 2,8 Millionen Kilometer gerade aus“: Yerun Teulings (l.) und ein Anwohner reparieren ein defektes Navi.

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Markus Wächter

Berlin -

Es ist fünf Minuten vor der offiziellen Öffnungszeit – und die ersten Gäste eilen bereits in den begrünten Hinterhof am Teutoburger Platz in Prenzlauer Berg. Ein älterer Mann trägt eilig einen kaputten Videorekorder, ein jüngerer hat seine Mutter und einen defekten Fernseher dabei. Ihm folgt eine Frau mit einem recht löchrigem Daunenmantel unterm Arm. Sie alle wollen ihre Sachen reparieren. Und zwar selbst.

Peter Sommer ist ehrenamtlicher „Reparierer“. Gemeinsam mit einigen Freunden hat der gelernte System-Administrator vor einem halben Jahr das Repair Café ins Leben gerufen, das seitdem jeden ersten Sonntag im Monat geöffnet ist. Eine Schreinerin, Programmierer, Ingenieure und Elektriker stehen dann in der Keramikwerkstatt mit dem passenden Werkzeug bereit, um der Wegwerf-Gesellschaft den Kampf anzusagen. Dazu gibt es Kaffee und selbst gebackenen Kuchen.

Die Petroleumleuchte vom Opa

Gut 80 Prozent der Dinge, die hier landen, können repariert werden, schätzt Sommer. Theoretisch könne man sogar alles instand setzen, nur lohne sich manchmal der Aufwand nicht. Meist geht es um Elektronik, ab und zu kommen Fahrräder, nur selten jedoch sind es Kleidung und Möbel. Obwohl hier auch wackelnde Stühle repariert werden können.

Gerlinde Domarus wohnt in Marzahn und hat von einer Freundin von dem Repair Café gehört. Sie hat gleich fünf kaputte Sachen mitgebracht: eine Petroleumleuchte von ihrem Großvater, einen Rucksack („bestimmt 80 Jahre alt“), einen rostigen Wecker, eine Hose und eine Ledertasche. Alles hat irgendeine Macke und ist reparierbedürftig. Auf den Besuch hier habe sie regelrecht hingefiebert, erzählt die 72-Jährige. Die Hose sei nun einmal ihre Lieblingshose, und auch an den anderen Stücken hänge ihr Herz.

Inzwischen kommen immer neue Besucher, eine Frau aus Neukölln packt einen Diaprojektor und eine alte Kamera aus, ein kleines Mädchen bringt einen pinken doch defekten CD-Spieler mit aufgeklebten Glitzersteinchen und eine Bibi-Blocksberg-CD zum Testen. Viele haben einen sehr persönlichen Bezug zu den Gegenstand, die sie mitbringen. Beim Warten auf einen freien Helfer kommt man ins Gespräch, es geht zu wie im Wartezimmer einer Tierarztpraxis.

Mitfühlende Blicke, neugierige Nachfragen: „Und was hat deine Bohrmaschine?“ Die meisten, die hier herkommen, sind sich einig: Die Wegwerf-Kultur ist ein Ärgernis und das Repair Café eine tolle Idee, um Abhilfe zu schaffen. Das Café habe bereits Stammgäste, erzählt Sommer. Meist seien es ältere Menschen. Den jüngeren sei es wichtiger, dass ihr Telefon auf dem neuesten Stand ist. „Warum kann man bei einem iPhone den Akku nicht selbst wechseln?“, fragt er. Dass man für einen Austausch fast 90 Euro zahlen müsse, findet der 46-Jährige ärgerlich. Gut wäre ein Reparier-TÜV: Ob ein Gerät selbst und einfach wieder instand gesetzt werden kann, sehe der Kunde dann schon beim Kauf.

Cafés in allen Bezirken geplant

Die Idee des Repair Cafés kommt aus den Niederlanden, erzählt Sommer. Dort gebe es solche Cafés schon seit ein paar Jahren. In Berlin haben in diesem Jahr mehrere geöffnet, auch in anderen Stadtteilen wie Spandau und Kreuzberg. Koordiniert wird deren Internet-Auftritt von der Stiftung, die auch für die niederländischen Repair Cafés verantwortlich ist. In Berlin hat sich ein Netzwerk von Aktivisten gebildet, die bei den verschiedenen Veranstaltungen mithelfen. „Wir haben etwas dagegen, dass propagiert wird, dass neue Sachen besser sind“, sagt Sommer. Er selbst fährt zwar ein Fahrrad aus dem Jahr 1924, doch wenn von einer Tasse der Henkel abbricht, landet sie im Müll.

Das Ziel sei, ein Bewusstsein zu schaffen, dass es auch anders geht. Langfristig solle es Cafés in allen Bezirken geben, so dass man nicht wegen eines kaputten Föhns durch die ganze Stadt fahren müsse. Helfer seien herzlich willkommen, ob mit oder ohne besondere handwerkliche Fähigkeiten.

Eine Frau, die sich lange über ihren DVD-Player gebeugt hatte, gibt nun auf. „Da sind fünf Sachen gleichzeitig kaputt. Aber so kann ich ihn wenigstens guten Gewissens wegschmeißen“, meint sie. Das meiste repariere sie zu Hause selbst, doch manchmal gebe es halt Grenzen. Der mitgebrachten Bohrmaschine wünscht sie noch gute Besserung.

Der CD-Spieler des kleinen Mädchens dagegen funktioniert inzwischen wieder, nachdem ein Kontakt gelötet wurde. Es gibt Applaus, das Mädchen jubelt und zählt auf, welche Hörspiele sie jetzt wieder hören kann.

Repair Café Prenzlauer Berg: So 6.10., 14–18 Uhr, Nachbarschaftshaus am Teutoburger Platz, Fehrbelliner Straße 92, dann wieder jeden 1. Sonntag im Monat, 14–18 Uhr

Repair Café Kreuzberg: So 13.10., 12–15 Uhr, Nachbarschaftshaus Urbanstraße, Urbanstraße 21repaircafe.de