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Berliner Zeitung | Reparieren statt wegwerfen: Berliner Repair Cafés bieten kostenlose Hilfe
14. October 2014
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Reparieren statt wegwerfen: Berliner Repair Cafés bieten kostenlose Hilfe

Achim Möller (r.) hat seinen kaputten Staubsauer zu dem ehrenamtlichen Helfer Max Weithmann ins Repair Café gebracht.

Achim Möller (r.) hat seinen kaputten Staubsauer zu dem ehrenamtlichen Helfer Max Weithmann ins Repair Café gebracht.

Foto:

BLZ

Neugierig betrachtet Achim Möller seinen aufgeschraubten Staubsauger. Warum funktioniert der Ein- und Aus-Schalter nicht? Ohne Anleitung hat er sich nicht alleine an die Reparatur des Staubsaugers gewagt, nun sitzt er mit seinem defekten Gerät in einem Spandauer Repair Café.

„Wegwerfen? Denkste!“ ist das Motto der Repair Cafés, die sich seit 2009 weltweit etablieren. Ausgehend von den Niederlanden gibt es mittlerweile mehr als 600 Dependancen: 120 Cafés davon in Deutschland, zwölf in Berlin. Das Konzept ist so einfach wie erfolgreich. Menschen bringen kaputte Gegenstände in die Cafés und reparieren sie dort gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern.

Egal, ob Kleidung, Möbel, elektrische Geräte oder Fahrräder, die Reparaturen sind kostenlos. Es gibt nur eine Voraussetzung: Die zu reparierenden Dinge müssen in die Cafés getragen werden können. Waschmaschinen und Autos gehören entsprechend nicht zum Programm. Es gibt auch keine Hausbesuche zum Abholen der defekten Gegenstände.

„Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe“, beschreibt Norbert Überfeld das Konzept. Er kümmert sich im Auftrag der KlimaWerkstatt um den reibungslosen Ablauf in den zwei Spandauer Repair Cafés, die sich vor Anfragen kaum retten können: Pro Abend und Café kommen zwischen 20 und 60 Besucher mit ihren defekten Geräten. Am häufigsten werden kaputte Mixer, Mikrowellen, DVD-Player und Lampen zum Reparieren gebracht.

In der Spandauer Wilhelmstadt treffen sich Interessierte jeden zweiten Donnerstag im Monat im Stadtteilladen. An diesem Abend sind es sechs Ehrenamtliche, die ihr Wissen und Werkzeug zur Verfügung stellen. Sie stehen hinter einem langen Tisch, auf dem sich Platinen, Drähte und Schraubendreher stapeln.

Ihnen gegenüber drängeln sich die Besucher mit einem Sammelsurium defekter Dinge. Die Gründe für den Besuch im Café sind unterschiedlich. Die einen haben kein Geld für einen Neukauf, die anderen wollen aus ökologischer Überzeugung das Bestehende erhalten.

Nachhaltigkeit als Ziel

In Anbetracht von 17 Kilogramm Elektro-Schrott pro Person und Jahr in der Bundesrepublik zielen die Cafés auf „Gegenstrategien zu dem gewolltem Verschleiß“, so Tom Hansing,Mitarbeiter der Koordinierungsstelle Repair Café Deutschland. Anstelle des immer Mehr beim Kaufen und Wegwerfen fordert er ein Recht an Reparatur und Selbstständigkeit. Ihm geht es um „bürgerschaftliches Engagement, den Druck von unten“, der auf Politik, Handel und Industrie wirken soll.

Neben Nachhaltigkeit geht es auch um Gemeinschaft. Jeder ist als Besucher oder Helfer willkommen. „Unsere Reparateure müssen keine Ingenieure sein, sie sollten Alltagskompetenz mitbringen“, so Hansing. Jeder bringt das Wissen mit, das er hat. Je nach Größe der verschiedenen Cafés arbeiten dort zwischen zwei und fünfzig Reparateure. Die Besucher werden um Spenden gebeten, entweder Geldspenden für neues Werkzeug oder Kaffee und Kuchen als Sachspenden für ein wohnliches Ambiente beim gemeinsamen Arbeiten.

Wenn eine Reparatur nicht klappt, liegt es häufig an speziellen Ersatzteilen, die nicht aufzutreiben sind, oder am hochkomplexen Innenleben technischer Geräte. Die Bilanz der Repair Cafés kann sich aber sehen lassen: 50 bis 80 Prozent der kaputten Gegenstände können wieder intakt mit nach Hause genommen werden.

Auch Achim Möller hat einen erfolgreichen Abend. Der Schalter ist intakt, das Gebläse brummt und der Staubsauger funktioniert wieder.

In Spandau gibt es das nächste Repair Café am 27. Oktober im Paul-Schneider-Haus (Schönwalder Str. 23). Dort treffen sich Interessierte jeden letzten Montag im Monat von 17.30 bis 20 Uhr. Das nächste Repair Café im Stadtteilladen Wilhelmstadt (Adamstr. 39) findet am 13. November von 17.30 bis 20 Uhr statt.

Eine Übersicht aller Repair Cafés in Berlin bietet unsere Karte:


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