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Berliner Zeitung | Robert Rückel leitet das Berliner DDR-Museum: "Der DDR-Alltag fehlte in der Berliner Museumslandschaft völlig"
23. November 2015
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Robert Rückel leitet das Berliner DDR-Museum: "Der DDR-Alltag fehlte in der Berliner Museumslandschaft völlig"

Anbauwand und Plattenbau: Nur mit Stasi und Mauer könne man die DDR nicht verstehen, sagt Robert Rückel, Direktor des DDR-Museums. Zur Aufarbeitung gehöre auch der Alltag der Menschen.

Anbauwand und Plattenbau: Nur mit Stasi und Mauer könne man die DDR nicht verstehen, sagt Robert Rückel, Direktor des DDR-Museums. Zur Aufarbeitung gehöre auch der Alltag der Menschen.

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berliner zeitung/markus wächter

Herr Rückel, der Trabi in Ihrer Ausstellung ist dicht umlagert. Jeder Besucher will ihn mal testen. Wann haben Sie zum ersten Mal in einem Trabant gesessen?

Das war kurz nach dem Mauerfall, um 1990. Ich war damals zu Besuch in Berlin. Viel später, 2005, bin ich mehrere Monate lang einen Trabi gefahren. Das war unser Firmenfahrzeug und denkbar ungeeignet. Viel zu viel Zeit habe ich mit Fahrten zur Werkstatt, der Trabi-Oase in Dahlwitz-Hoppegarten, verbracht. Der Wagen fuhr immer wieder nur auf einem Zylinder. Ich musste zur Werkstatt immer über die Brücke am Bahnhof Lichtenberg und das war mit halber Kraft wahrlich nicht leicht.

Wie sind in Westdeutschland aufgewachsen. Welche Erinnerungen haben Sie an die DDR?

Ich erinnere mich an die Transitstrecke. Wir sind auf der A 9 über die fränkisch-thüringische Grenze nach West-Berlin gefahren. Meine Großeltern hatten ein Haus in Zehlendorf. Die DDR selbst habe ich erst nach dem Mauerfall besucht, in Ost-Berlin war ich zu Silvester 1989 als Mauerspecht. Ich weiß noch, wie ich auf die Dächer der Trabis geklopft habe, um zu testen, ob sie wirklich aus Pappe waren.

Wie kamen Sie auf die Idee, ein DDR-Museum zu gründen?

Auf die Idee kam nicht ich selbst, sondern der Freiburger Ethnologe Peter Kenzelmann. Er wollte 2004 ein DDR-Museum in Berlin besuchen und bekam die Auskunft, das nächstliegende befinde sich in den Niederlanden. Das DDR-Museum dort war so groß wie eine Garage und hatte nur sonntags ein paar Stunden geöffnet. Er war fassungslos: In der ehemaligen Hauptstadt der DDR gab es kein DDR-Museum! Es gab zwar Ausstellungen zu Stasi und Mauer, aber das konnte ja noch keinen Staat erklären.

Sie besaßen damals doch gar keine Gegenstände aus der DDR. Woher stammen die Ausstellungsstücke?

Die meisten Museen entstehen aus privaten Sammlungen, die irgendwann öffentlich gezeigt werden. Bei uns war das anders, wir konzipierten erst die Ausstellung und starteten dann den Sammlungsaufbau mit Aufrufen in den Medien. Heute haben wir 240.000 Objekte in unserem Depot in Spandau – von der Büroklammer bis zum Traktor – und sammeln täglich weiter. Im DDR-Museum ist nur ein winziger Bruchteil davon ausgestellt.

Welchen politischen Anspruch haben Sie an Ihr Museum?

Man muss sich an die Zeit vor zehn Jahren erinnern. Der DDR-Alltag fehlte in der Berliner Museumslandschaft völlig. Es gab ein paar Filme über den Alltag wie „Sonnenallee“ und „Goodbye, Lenin!“ Und es gab Gedenkstätten zu Stasi und Mauer. Doch man kann auch das Leben in einer Diktatur nur verständlich erklären, wenn man sich auch das Leben der Menschen anschaut. Natürlich haben die Gedenkstätten immense Bedeutung, keine Frage, aber sie reichen nicht aus, um zu verstehen, warum die DDR so lange existiert hat. Zur Aufarbeitung gehört eine dritte Säule, der Alltag in der DDR.

Kürzlich haben Sie den viermillionsten Besucher begrüßt. Woher kommen die Gäste?

95 Prozent unserer Individual-Besucher sind Touristen aus Deutschland und aus aller Welt. Zudem kommen pro Jahr etwa 100 000 Schüler mit ihren Klassenlehrern. Nur Osteuropäer, die kommen eher selten zu uns.

Merken Sie an den Reaktionen der deutschen Besucher, ob sie in der BRD oder in der DDR aufgewachsen sind?

Für Menschen mit DDR-Biografie gibt es in der Regel zwei Gründe, zu uns zu kommen: Entweder sie kommen, um uns zu kontrollieren, was wir ihrer Meinung nach richtig oder falsch machen. Das finde ich auch ganz legitim. Der andere Grund: Sie kommen mit Kindern oder Enkelkindern und zeigen ihnen, in welchem Land sie aufgewachsen sind und gelebt haben. Natürlich kommt niemand mit einer DDR-Biografie zu uns, um hier groß etwas zu lernen.

Welche Kritiken bekommen Sie denn so zu hören?

Wenn es um Zeitgeschichte geht, spielt die Vorprägung und politische Überzeugung der Besucher in der Bewertung eine große Rolle. Wir bekommen Kommentare von amerikanischen Studenten, die sich beschweren, das Museum sei kapitalistisch und antikommunistisch. Wer hingegen Opfer der DDR-Diktatur war, dem erscheint unsere Ausstellung manchmal zu positiv ausgerichtet, weil sie zu wenig auf Willkür und politische Unterdrückung ausgerichtet sei. Zeitgeschichte muss immer mit den eigenen Erinnerungen und Überzeugungen konkurrieren.

Wie gelingt es Ihnen, auf diese Kritiken hinreichend zu reagieren?

Wir suchen einen Mittelweg. Es gibt in der Geschichte nicht nur Schwarz und Weiß. Wir wollen das Leben eines durchschnittlichen DDR-Bürgers darstellen. Im Internet zeigen wir seit einigen Jahren eine Online-Ausstellung, in der ein ganz normaler DDR-Bürger während der friedlichen Revolution ein fiktives Tagebuch schreibt, mit all seiner Angst und Hoffnung.

Was ist ein normaler DDR-Bürger?

Unser fiktiver Uwe Neumann ist ein Durchschnittsbürger: kein Oppositioneller und kein 150-Prozentiger, ein eher unpolitischer Mensch. Die meisten DDR-Bürger waren doch Menschen, die so gut wie möglich ihr eigenes Leben gelebt haben. Unabhängig, in welchem System man lebt und wer gerade an der Macht ist – man versucht immer, das Beste daraus zu machen und ein lebenswertes und tolles Leben zu führen. Das muss dargestellt werden, bei allen Widrigkeiten des Systems, denen die Menschen im Unrechtsstaat DDR ausgesetzt waren.

Ohne den Mauerfall würde es Ihre Ausstellung nicht geben. Wie erleben Sie heute die einst geteilte Stadt?

Schwierige Frage! Manche behaupten, sie würden heute noch hören, dass ich aus dem Westen komme. Und ich spreche keinen Dialekt! Aber man merkt oft die unterschiedliche Prägung. Eine Jugendliche aus Marzahn sagte mir vor Jahren einmal in einem Bewerbungsgespräch, mit Westdeutschen spreche sie normalerweise nicht. Das ist natürlich problematisch. Hingegen kann ich gut verstehen, dass sich jemand mit guten Gefühlen an seine Kindheit und Jugend in der DDR erinnert. Ich habe den Eindruck, dass die Annäherung bei der jungen Generation stärker wird. Dass es Jugendlichen heute viel weniger wichtig ist, ob jemand aus Ost- oder aus West-Deutschland kommt. Das macht Hoffnung.

Berliner lieben ihre Kieze. Manche behaupten, sie könnten nie nach Marzahn oder Zehlendorf ziehen. Hat so eine Einstellung etwas mit Ost- oder West-Prägung zu tun?

Das hat ganz viel mit Unwissenheit über die Stadtteile zu tun. Man beschäftigt sich mit vielem nicht und weiß so gar nicht, wie es dort aussieht. Und es ist doch auch normal, dass jemand gern in einem Hochhaus oder in einem Häuschen im Grünen leben möchte und eben nicht andersherum. Das gibt es überall, das ist nicht berlin-typisch. Berlin ist so unglaublich groß, man verbindet immer viele Vorurteile mit irgendwelchen Bezirken.

Wo wohnen Sie?

In Karlshorst, manche sagen auch: das Dahlem des Ostens.

Da muss die Beliebtheit eines Ost-Berliner Stadtteils erst mit einem West-Berliner Viertel legitimiert werden. Ist das die Definitionsmacht des Westens?

Das hat doch wohl eher damit zu tun, welches Viertel zuerst größere Bekanntheit erreicht hat. Dahlem gibt es als begehrten Bezirk schon ewig! Im Westen ist vieles gleichgeblieben, gerade, wenn man das mit den spannenden Veränderungen im Osten vergleicht.

Sie werden das Museum erweitern. Was zeigen Sie Neues?

Es wird weiter um den Alltag gehen, damit können wir Geschichte auch für Jugendliche greifbar und verständlich darstellen. Natürlich gehören zum Alltag auch die Methoden und Arbeitsweisen der Stasi. Jugendlichen diese verständlich zu machen, ist nicht einfach: Gefängnisse gibt es auch in einer Demokratie, und die Abhörmethoden von NSA und BND sind technisch viel besser, moderner und unauffälliger als früher.

Heute muss kein Spitzel mehr stundenlang auf der Straße stehen.

Das ist gar nicht mehr nötig heute. Es wird für uns angesichts der aktuellen Enthüllungen über die Arbeitsweise von demokratischen Geheimdiensten eine immer größere Herausforderung, die Besonderheit der Stasi herauszuarbeiten. Anders als die Stasi sind BND & Co an Gesetze gebunden und unterliegen einer parlamentarischen Kontrolle – im Prinzip jedenfalls.

Bis Mai 2015 gehörte ein DDR-Restaurant mit Jägerschnitzel, Goldbroiler und Würzfleisch zum Museum. Warum hat es geschlossen?

Wir brauchen mehr Platz. Wir entzerren unsere Ausstellung, wir wollen gar nicht unbedingt noch viele neue Themen zeigen. Ein Museum ist nicht dazu da, alle Geschichten vollständig zu erzählen, es soll neugierig machen. Es geht im neuen Teil um das private Leben und inszenierte Welten, um Kindheit, Jugend und Familie, ähnlich wie im bereits vorhandenen Wohnzimmer. Die Besucher schätzen diese Inszenierung! Ost- und Westdeutsche wie auch ausländische Touristen kommen da ins Gespräch. Und die Westdeutschen sagen: So ähnlich sah es bei Oma zu Hause auch aus.

Mode, Geschmack und Lebensweise ähnelten sich.

Sicher. Und das alte Westdeutschland ist auch Geschichte. Für die heutige Jugend ist gar nicht entscheidend, dass es früher Ost- und Westfernsehen gab, sondern dass es diese zeitliche Eingeschränktheit und Programmknappheit gab. Aus heutiger Sicht ist viel prägender, dass es nur die Wahl gab zwischen „Wetten, dass..?“ und „Ein Kessel Buntes“, während meine Kinder „Das Sandmännchen“ zu jeder Zeit in der Mediathek anschauen können.