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Rollers Inc.: Rollerdisco für Anfänger

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Auch wenn sonst nicht alles perfekt klappte, bei dieser Schrittkombination  konnte unsere Autorin Silvia Perdoni (2. v. l.) mithalten.
Auch wenn sonst nicht alles perfekt klappte, bei dieser Schrittkombination konnte unsere Autorin Silvia Perdoni (2. v. l.) mithalten.
Foto: Berliner Zeitung/Engelsmann

In Neukölln wird jede Woche Unterricht im Rollschuhtanz gegeben. Unsere Autorin wagt einen Selbstversuch. Statt Stirnbändern und Disco-Music erlebt sie einige Überraschungen.

Stirnbänder, Stulpen und Disco-Musik von Kool & The Gang – das sind meine Assoziationen, wenn ich das Wort „Rollerdisco“ höre. Sofort schießen mir die 80er Jahre in den Kopf. Ich denke an Frauen in Hotpants, die unter einer Discokugel ihre Kreise ziehen. Und als ich heute die Sporthalle nahe dem S-Bahnhof Hermannstraße betrete, stellt sich kaum Nostalgie ein – die Hochphase der Rollschuh-Bewegung erlebte ich im Kinderwagen. Eher verspüre ich einen Fluchtreflex. Was genau tue ich noch mal hier? Doch ich betrete die Halle zu meiner ersten Rollerdance-Unterrichtsstunde.

Mich überrascht sofort die Musik. Denn statt „Ladies Night“ läuft in der Sporthalle „Hypnotize“ von Notorious B.I.G. – HipHop. „Wir wollen Rollerdance zeitgemäß veranstalten. Nicht als Revival eines alten Trends, sondern als seine Weiterentwicklung“, sagt Kursleiter Michel (40). Mit seinem Netzwerk Rollers Inc. bietet er dreimal pro Woche Kurse für jede Könnensstufe an, laut Michel der einzige Rollerdance-Unterricht deutschlandweit.

„Was kaum jemand weiß: Ursprünglich hat Rollerdance eine schwarze Seele. Bereits in den Siebzigern, bevor der Trend nach Europa schwappte, gab es in den USA Rollerskating-Bahnen, auf denen Soul und R'n'B lief“, führt Kursteilnehmer Daniel (43) Michels Erklärungen fort. „Ich habe Anfang der 90er Jahre in Brooklyn gelebt und bin auf dem Empire Roller Rink geskatet, einer der berühmtesten Rollschuhbahnen. Mich hat diese Körperkultur gepackt: Man sah dort viele ältere farbige Frauen, die sich unglaublich bewegen konnten und ohne Scham enge Tops trugen.“

Moves auf der Stelle

Als der Kurs beginnt, folgt die nächste Überraschung: Statt Kreise in der Halle zu drehen, sollen wir eine Choreografie auf engem Raum üben. „Auch das wissen viele nicht: Während man in Deutschland in den Achtzigern auf einem Beat Rollschuh fuhr, also sich fortbewegte, ist Rollerdance in England oder den Niederlanden mehr eine Tanzkultur, ähnlich wie beim HipHop werden Moves auf der Stelle gemacht“, erzählt Michel, der mehrmals im Jahr nach London fährt und begeistert ist vom Rollschuh-Treffen, das dort jeden Sonntag im Hydepark stattfindet.

Die ersten Schritte sind Sidesteps wie in einem Aerobic-Kurs. Und, das ist wenig überraschend, es fühlt sich ziemlich wackelig an. Als Anfängerin bekomme ich ein Turnhallen-Seil von der Decke gelassen, an dem ich mich mit einer Hand festhalte. Oder besser gesagt festklammere. Denn die nächsten Übungen beinhalten Schritte nach vorne und hinten, überkreuzen der Beine oder das Hochziehen eines Knies – nicht eben einfach mit schweren Rollen an den Füßen.

„Du bist zu aufrecht“, weist mich Michel an. „Trau dich, tiefer in die Knie zu gehen, dann bist du flexibler.“ Er erklärt, dass es wichtig ist, das Gewicht immer nur auf einem Bein zu tragen und den Oberkörper nicht nach vorne zu beugen. Ich gebe mein Bestes, aber mein persönlicher Erfolg ist mir zunehmend egal. Denn zu sehen, wie geschmeidig die Tänzer vor mir die Bewegungen ausführen, ist ein Spektakel, für das es schon an sich lohnt, hier zu sein.

Hotpants und Stulpen

Da steht Dennis, der aus London kommt und zwischen 1989 und 1991 in Starlight Express tanzte. Auf seinen Rollschuhen kann er sich minutenlang wie ein Tornado im Kreis drehen. Daneben tanzt Daniel, geboren in Kalifornien, aufgewachsen in Taipeh und über Brooklyn nach Berlin gezogen. Außerdem die tätowierte Alessandra (30) aus Italien, Berufssängerin Tokunbo, die in Nigeria aufwuchs und die hübsche Julia (35), die als einzige tatsächlich Hotpants und Stulpen trägt.

Nicht zu vergessen Michel, der vorher erzählt hat, dass er ausschließlich auf Rollschuhen durch die Berliner Clubs zieht. Alle zusammen könnten sie perfekt eine Crew in einem Streetdance-Film mimen. Eine Multikulti-Truppe, die so gar nicht meinen Erwartungen von Disco-Nostalgikern entspricht.

Der Kurs geht weiter mit Bahnen fahren, von recht nach links durch die Halle. Im Lauf überkreuzen wir die Beine, machen Drehungen, rollen rückwärts. Zumindest machen die anderen das. Ich schaffe die Drehung noch ganz gut, scheitere aber am Rückwärtslaufen. „Ist egal“, ruft mir Michel zu. „Überspiel es einfach, mach’ was anderes.“ Ich sehe, dass andere die Rückwärtspassagen durch Eigenkreationen ersetzen. Sie scheren zur Seite aus oder fahren weiter vorwärts und klatschen dabei im Takt. Jemand ruft „Yeah“. Jeder macht scheinbar, was ihm gerade einfällt und das völlig schamlos. Die Stimmung steckt an.

Deswegen ist es mir auch egal, dass die nächste Choreographie wieder Rückwärts-Roll-Passagen beinhaltet. Sie heißt „Electric Slide“ und Michel erzählt, dass sie auch ohne Rollschuhe in den USA viel auf Hochzeiten getanzt wird. Dann aber wahrscheinlich nicht zur Musik von Snoop Dogg wie bei uns heute. Von der allgemeinen Fröhlichkeit infiziert, tanze ich einfach vorwärts weiter. Ich klatsche sogar mit, obwohl ich Gruppen-Klatschen normalerweise albern finde. „Es geht ums Gefühl und den Spaß“, hatte Michel vorhin gesagt. „Nicht darum jeden Schritt korrekt zu setzen.“

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