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Roma in Berlin: Ein Zuhause für Fremde

Der „Patron“ im Gespräch mit Diana Stavarache: Benjamin Marx von der Aachener Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft kommt jeden Mittwoch in die Harzer Straße nach Neukölln.

Der „Patron“ im Gespräch mit Diana Stavarache: Benjamin Marx von der Aachener Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft kommt jeden Mittwoch in die Harzer Straße nach Neukölln.

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Markus Wächter

Berlin -

Ein bisschen sieht es noch aus wie auf einer Baustelle. Überall liegen Sand und Steine, ein Bagger fährt hin und her, im Hof wird gepflastert. An einer Hauswand lehnt eine Leiter. Ein Mann mit einem Strohhut auf dem Kopf malt Menschen auf die Wände. Mit dem Pinsel will er in diesem Neuköllner Innenhof eine Geschichte erzählt. Sie handelt von Frauen, Männern und Kindern, die aus Rumänien gekommen sind, um in den alten Mietshäusern an der Harzer Straße ein neues Leben aufzubauen. Es ist die Geschichte der 500 Menschen, die heute in diesen Häusern wohnen.

Fast genau ein Jahr ist es her, seit die Aachener Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft, ein Kölner Wohnungsunternehmen, das zu hundert Prozent der katholischen Kirche gehört, acht Häuser gekauft hat. Damals bereits wohnten dort Hunderte Roma aus Rumänien – auf Matratzenlagern in überfüllten Wohnungen. Es gab tausende Ratten und Müllberge, die im Innenhof in den Himmel wuchsen. Es stehen einige solcher Roma-Häuser in Berlin, nicht nur in Neukölln, auch in Moabit, Kreuzberg, Charlottenburg. Aber nur an der Harzer Straße sind die katastrophalen Zustände verschwunden. Es ist ein Vorzeigeprojekt. Dort kann man sehen, was möglich ist, wenn einer die Dinge in die Hand nimmt, der nicht ausschließlich auf Profit aus ist.

Die Aura eines Heiligen

Mitten im Hof steht an diesem Tag der Patron. So nennen die Bewohner Benjamin Marx. Eigentlich ist der stämmige Mann Abteilungsleiter bei der Aachener Wohnungsgesellschaft. Er hat im Auftrag der Gesellschaft die Häuser gekauft, für wenig Geld, wie er sagt. Er hat sie sanieren lassen. Es gibt neue Fenster und Bäder, Wärmedämmung und viel Farbe. Marx sagt nicht, wie hoch die Mieten nach Abschluss der Sanierung sein werden. Er behauptet, dass die rumänischen Familien sie sich leisten können. Viele Bewohner haben viele Kinder, für die gibt es Kindergeld. Manche haben Arbeit, andere ein Gewerbe und ein bisschen Unterstützung vom Staat. So kann Marx mit den Mieten einen Gewinn für das Unternehmen erzielen und dabei noch wohltätig sein. Das ist sein Geschäftsmodell.

Für die Roma besitzt Marx die Aura eines Heiligen. „Gott wirkt durch Herrn Marx“, sagt Diana Stavarache aus Bukarest. Mit ihrem Mann und sieben Kindern wohnt sie seit drei Jahren an der Harzer Straße. Marx hat am Anfang erstmal aufgeräumt: den Müll abholen lassen und Container aufgestellt. Er hat die Matratzenlager aufgelöst und die Mietverträge überprüft, um herauszufinden, ob diejenigen, die gemietet haben, auch tatsächlich dort wohnen und nicht nur andere abkassieren. „Damit die Ausbeutung aufhört“, sagt Marx.

Roma sind leicht auszubeuten. Sie würden niemals Behörden um Hilfe bitten, sagt Marx, selbst wenn ihnen einer eine Wuchermiete für einen Schlafplatz auf einer Matte abnimmt. Mittlerweile gibt es an der Harzer Straße sogar ein wenig Luxus. Eine Nähwerkstatt für junge Frauen, die von einer Zukunft als Designerinnen träumen zum Beispiel und eine kleine Kunstgalerie im Keller. Auf der Wiese baut einer Möbel aus dem Plastikmüll der Bewohner. Die 2500 Quadratmeter große Brandwand des Hinterhauses bemalen sieben Neuköllner mit Motiven aus der Bergpredigt. Es geht um Aufbruch und Sehnsucht, vergängliche irdische Güter und seelische Schätze. Das Thema hat Benjamin Marx vorgegeben.

Nicht alle waren erfreut

Marx ist jeden Mittwoch in der Harzer Straße. „Der anstrengendste Tag der Woche“, sagt er. Die meisten seiner Bewohner kommen aus dem Dorf Fantanelle in der Nähe von Bukarest, andere direkt aus der Hauptstadt. Dianas Mann David Stavarache war dort Maler und Tapezierer. Und Marx sorgt dafür, dass er auch in Berlin Arbeit hat – in den vielen Wohnhäusern der Gesellschaft. David ist 37 Jahre alt. Vor drei Jahren war er mit seiner Familie nach Berlin gekommen, weil sein jüngster Sohn einen kranken Fuß hatte und die Operation in Rumänien nicht möglich war. Die Familie entschloss sich zu bleiben. Die älteste Tochter will Medizin studieren. „Wir wollen für unsere Kinder eine gute Zukunft. Jeder Vater will doch das Beste für sein Kind“, sagt David Stavarache. In Rumänien hätten sie keine Zukunft.

Benjamin Marx hat gerade seinen Urlaub in Fantanelle verbracht. Er wollte sehen, wo seine Roma herkommen. Er war erstaunt, in Fantanelle gar nicht jene katastrophale Mischung aus Armut und Verfolgung vorzufinden, die seit der Aufnahme Rumäniens und Bulgariens in die Europäische Union im Jahr 2007 mittlerweile 20.000 Roma nach Berlin getrieben hat, die dauerhaft hier bleiben wollen. „Es ist ein intaktes Dorf mit frei stehenden Häusern, es gibt eine Grundschule und Arbeit“, sagt Marx. Weiterführende Schulen gebe es allerdings nicht.

Nicht alle in Berlin haben sich gefreut, als Marx die Roma-Häuser in Ordnung brachte. Er hat Morddrohungen bekommen. Fragt man die Nachbarn, kriegt man böse Antworten. „Für die wird alles gemacht“, sagt eine Frau vor einem Zeitungsladen. Es gibt hier noch viele Häuser, die saniert werden müssten.

Viele Vorurteile

Familienstadträtin Franziska Giffey kriegt regelmäßig Hassmails, sie solle doch die Zigeuner endlich nach Hause schicken. Nicht nur wegen der Roma in der Harzer Straße. 20 bis 30 Häuser gibt es in Neukölln, die von Roma bewohnt werden. „Die Vorurteile sind groß“, sagt Franziska Giffey, auch unter Menschen mit ausländischen Wurzeln. Sie kennt türkische Eltern, die ihre Kinder mit Desinfektionsspray in die Schule schicken, um den Stuhl sauberzumachen, auf dem zuvor ein Roma-Kind gesessen hat. „Ich habe schon Sprüche gehört wie, die Roma fangen unsere Kinder weg und saugen denen das Blut aus, die kommen doch aus diesem Drakulaland“, sagt Giffey.

Sie kämpft für sozialen Frieden. Mit Bundesmitteln entsteht zum Beispiel an der Hans-Fallada-Grundschule, direkt neben den Roma-Häusern, ein Elterntreff. Eltern verschiedener Kulturen sollen sich dort besser kennenlernen. Giffey will „Spannungen zwischen den Alteingesessenen und Neu-Neuköllnern“ abbauen.

Sie hat auch mit praktischen Problemen zu kämpfen. Die Zuwanderung von Roma-Familien in Neukölln reißt nicht ab. Die rasante Entwicklung an der Fallada-Schule gilt als exemplarisch. Im April 2011 besuchten 44 Kinder rumänischer Herkunft die Schule, im September waren es 70, im Januar dieses Jahres 90, mittlerweile sind es 100 von 400 Kindern. Mittlerweile arbeiten Sprachmittler hier, es gibt Alphabetisierungskurse, kleine Lerngruppen und Ferienschulen. Viele Kinder kommen mitten im Schuljahr dazu. 134 rumänische und bulgarische Kinder waren es in den vergangenen acht Monaten in Neuköllner Schulen. Allein an der Fallada-Schule sind zu Schuljahresbeginn zehn neue Kinder aufgetaucht. „Diese Schule hat keine Kapazität mehr“, sagt Franziska Giffey.

Noch schwieriger steht es um die älteren Kinder. Zurzeit warten in Neukölln 24 auf einen Schulplatz. Für sie ist die Perspektive sowieso nicht gut. „Kinder, die in der neunten Klasse noch nicht alphabetisiert sind, haben doch null Chance, zu einem Schulabschluss zu gelangen“, sagt Franziska Giffey.

Aber was hilft das Klagen. „Es ist eine Armutswanderung, sie sind hier und sie bleiben. Wenn wir nichts machen, werden wir in wenigen Jahren noch viel größere Probleme haben“, sagt Franziska Giffey. Sie hofft, dass in absehbarer Zeit, mehr auf europäischer Ebene getan wird: Sozialfonds in den Heimatländern, mehr für Gesundheit, Arbeit, Wohnung, Schulen.

Arbeitsplatz oder Gewerbe

Aber auch in Berlin müsste mehr getan werden. „Probleme gibt es in Schrottimmobilien“, sagt Benjamin Marx. Schlepperbanden würden solche Objekte regelrecht befüllen. Anschließend kassierten zwielichtige Vermieter Wuchermieten. Es gibt auch Probleme mit dem Aufenthaltsrecht. Erst 2014 erhalten Rumänien und Bulgarien die volle Freizügigkeit. Zuwanderer bekommen bis dahin ein Bleiberecht und ergänzendes Hartz IV, wenn sie einen Arbeitsplatz oder ein Gewerbe nachweisen. Es gibt auch 12- und 13-Jährige, die sich prostituieren oder zwangsverheiratet werden.

Integrationssenatorin Dilek Kolat hat dem Senat ein Strategiepapier vorgelegt, in dem die Situation beschrieben und darauf hingewiesen wird, dass mit weiterer Zuwanderung zu rechnen sei. Bis Jahresende entsteht ein Aktionsplan.

An der Harzer Straße löst Benjamin Marx die Probleme lieber selbst. Irgendwann sollen das mal normale Wohnhäuser werden, wünscht er sich. An neue Roma vermietet Marx hier nicht mehr. Am 14. September will er die acht Häuser noch mit großem Brimborium, mit Messe vor dem Haus, Kardinal und Regierendem Bürgermeister nach Arnold Fortuyn, einem katholischen Geistlichen benennen, der in den 40er Jahren Sinti vor den Nazis versteckte. Aber danach will Benjamin Marx endlich etwas Ruhe.