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Rosemarie Fließ: „Sie ging einen eigenen Weg“

Bei der Beerdigung von Rosemarie Fließ auf dem Jerusalem-Friedhof am Berliner Mehringdamm trafen sich am Freitag Bekannte und Unterstützer der Rentnerin, die am 11. April starb, nachdem sie ihre Wohnung verlassen musste.

Bei der Beerdigung von Rosemarie Fließ auf dem Jerusalem-Friedhof am Berliner Mehringdamm trafen sich am Freitag Bekannte und Unterstützer der Rentnerin, die am 11. April starb, nachdem sie ihre Wohnung verlassen musste.

Foto:

Markus Wächter

Berlin -

Berlin Das letzte Foto von Rosemarie Fließ zeigt sie mit halb geschlossenen Augen auf einem Stuhl sitzend. Sie hat sich in Mäntel und Decken gehüllt, als würde um sie herum eisige Kälte herrschen. So muss sie ihre Umgebung wahrgenommen haben. Dabei ist die Aufnahme in geheizten Räumen entstanden.

Für viele, die Rosemarie Fließ kannten, ist es das perfekte Abschiedsfoto. Die 67 Jahre alte Rentnerin ist in Berlin zu einer Symbolfigur geworden für Menschen, die gegen ihren Willen ihre Wohnung verlassen müssen, so wie sie am 9. April dieses Jahres. Kurz darauf ist sie gestorben.

Zu ihrer Beerdigung am Freitagvormittag sind viele junge Leute gekommen. Die kleine Kapelle auf dem Jerusalem-Friedhof in Kreuzberg ist so voll, dass nicht alle Trauergäste sitzen können. Viele von ihnen haben sich rund um den schlichten Kiefernsarg postiert. Nachbarn sind gekommen, Bekannte aus früheren Tagen und auch aus den Sozialeinrichtungen, die sie zuletzt besucht hat. Pfarrer Peter Storck stellt sich neben den Sarg und hebt die Hände. „Rosemarie starb in der Kleiderkammer der Notunterkunft, zwei Tage, nachdem sie aus ihrer Wohnung geräumt wurde. Da bleibt bei uns allen ein tiefes Unbehagen“, sagt er.

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Er spricht über Trauer und Wut, aber auch über eine eigensinnige Frau und die von ihr gewünschte Autonomie. „Sie ging einen eigenen Weg mit einem hohen Preis“, sagt er. Später am Grab fließen Tränen. Ein Musiker spielt Geige, eine der Nachbarinnen hat einen Schirm dabei, auf dem geschrieben steht: „Ich wünsche mir mehr Menschlichkeit.“

Posthume Aktivistin

So sehen sich nach ihrem Tod mehr Menschen denn je an der Seite dieser Frau, deren Schicksal sich so treffend zur Mobilisierung gegen Zwangsräumungen in der Stadt zu eignen scheint. Es sind in jedem Jahr mehr als 5.000 Mieter in Berlin, die ihre Wohnungen gegen ihren Willen verlassen müssen. Meistens, weil sich Mietschulden angesammelt haben.

Zwar hat es auch früher Zwangsräumungen gegeben, doch ist das Thema in Zeiten steigender Mieten von wachsender Brisanz. Ein politischer Kampf ist entbrannt. Menschen wehren sich gegen die Verdrängung aus ihren vier Wänden. Dafür steht Rosemarie Fließ. Posthum ist die gehbehinderte Frau zu einer Aktivistin im Kampf gegen profitgierige Vermieter geworden.

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Aber ihre Geschichte ist komplizierter, als es zunächst erscheinen mag. Das Leben der Rosemarie Fließ, das ein so tragisches Ende gefunden hat, taugt nicht dazu, politische Interessen zu bedienen; in seiner Widersprüchlichkeit lässt es sich nicht in Parolen fassen. Denn soweit man weiß, geht es hier um eine Frau, die sich Zeit ihres Lebens abgekapselt hat, die sich nicht fügen wollte und die Energie in Kämpfe gesteckt hat, die aussichtslos waren.

Geboren wird Rosemarie Fließ am 28. August 1945 in Jena. Schon in ihrer Kindheit wechselt die Familie mehrfach den Wohnort. So ist es in einem Gerichtsurteil gegen Rosemarie Fließ aus dem Jahr 1982 festgehalten. Sie war damals mit dem politischen System der DDR in Konflikt geraten. Die Schule hat Rosemarie Fließ mit dem Abitur abgeschlossen.

Doch ihr Leben sollte wechselhaft bleiben. Sie beginnt eine Lehre als Maschinenbauzeichner, bricht diese jedoch ab, sie macht ihren Facharbeiterabschluss, arbeitet als Stenotypistin und Industriekaufmann, beginnt ein Studium und wird exmatrikuliert, sie arbeitet als Sachbearbeiterin im VEB Kombinat Großhandel und wird fristlos entlassen.

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Ende der Siebzigerjahre lebt sie in Weimar gemeinsam mit ihrer Mutter. Nach deren Tod im Oktober 1981 wehrt sie sich dagegen, die Wohnung gegen eine kleinere zu tauschen, wie das von der Verwaltung angewiesen worden ist. Als schließlich ein Räumungstermin angesetzt wird, entschließt sie sich zur Flucht aus der DDR. Vorher klebt sie einen Zettel außen an ihre Wohnungstür. Die DDR sei das größte Gefängnis, ist zu lesen. Beim Fluchtversuch wird sie gefasst. Später hat sie einmal erzählt, dass sie sich bei der Verhaftung einen Wirbel gebrochen habe, weshalb sie als Rentnerin an Krücken gehen muss und als schwerbeschädigt gilt.

Verurteilt wird Rosemarie Fließ nicht nur wegen des Fluchtversuchs, sondern auch wegen Herabwürdigung des Staates. Der Richter weist sie in die Psychiatrie ein. In jenem Urteil im Namen des Volkes wird das Bild einer widerspenstigen jungen Frau mit einer abnormen Mutterbindung gezeichnet. In einer unbegründeten Samariterhaltung habe sie auf eine eigene Lebensgestaltung verzichtet. Das Gericht bescheinigt ihr zudem soziale Anpassungsschwierigkeiten. Mit ihrem Verhalten schaffe sie „ständig Ursachen für Differenzen und Konflikte mit ihrer Umwelt“, diese habe sie dann der Gesellschaft angelastet.

Nach der Wende wird Rosemarie Fließ rehabilitiert. Der Freiheitsentzug wird als Unrecht eingestuft – wie auch der Aufenthalt in der Psychiatrie. Ende 2003 steht Rosemarie Fließ dann vor der Tür von Tatjana Sterneberg, die jahrelang SED-Opfer betreut hat. „Rosemarie hatte ihre aus der Rehabilitierung entstandenen Rechte gar nicht wahrgenommen“, sagt sie. Sie hatte die Entschädigung nicht beantragt. Es ging um etwa 3.000 Euro, 300 für jeden Monat Freiheitsentzug. Dabei hätte die Frau das Geld offenbar gut gebrauchen können. „Sie machte einen mittellosen Eindruck auf mich“, sagt Tatjana Sterneberg.

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Es sei dann schwierig gewesen, die nötigen Unterlagen zusammenzubekommen. Ein großer Teil sei wohl verloren gegangen, als sie nach der Wende ein weiteres Mal ihr Zuhause hatte räumen müssen. 2001 wurde ihre Ehe geschieden. „Sie musste das Haus in Schöneiche verlassen“, sagt Tatjana Sterneberg. „Ich habe Fotos von ihr gesehen, da sah sie verprügelt aus.“ Tatjana Sterneberg hat ihr dann geholfen, die Grundsicherung zu erlangen und füllte gemeinsam mit ihr einen Antrag für die Opferrente aus. 2007 verliert sie den Kontakt. „Ich hab gedacht, alles läuft“, sagt sie. Aber so war es nicht. Rosemarie Fließ sind die Dinge Stück für Stück entglitten. Zuletzt hat sie sich in ihrer Wohnung regelrecht eingeigelt, lässt kaum noch jemanden herein.

Dinge sind Stück für Stück entglitten

In der Stadt ist sie allerdings oft unterwegs. Regelmäßig besucht sie die Bahnhofsmission am Zoo, um dort zu essen. Reportern, die diese Einrichtung besuchen, erzählt sie ihre Geschichte. Sie lebe von einer winzigen Opferrente und weil das nicht reiche, sammle sie Pfandflaschen. In ihrer Eineinhalb-Zimmer-Wohnung lebe sie ohne Heizung und Strom. Bald werde der Gerichtsvollzieher kommen, dann werde sie auch noch ihre Wohnung verlieren. Das könne jedem passieren. Später schickt sie Briefe an die Zeitung, verlangt, dass diese als Artikel abgedruckt werden, sie lässt andere für sich in der Redaktion anrufen. Sie schreibt Petitionen an das Abgeordnetenhaus. Bloß keine Räumung.

Energisch, aber sinnlos nennt das ihr Anwalt Christian Remuß. „Wenn sie diese Energie zielgerichtet eingesetzt hätte, hätte sie besser dagestanden“, sagt er. Remuß hat Rosemarie Fließ als sehr resolut und eigensinnig in Erinnerung. „Sie wurde rabiat, wenn man nicht machte, was sie wollte“, sagt er. Er hat Rosemarie Fließ 2007 in einer anderen Mietsache kennengelernt.

Im vergangenen Jahr sei sie plötzlich wieder bei ihm aufgetaucht. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Grundsicherungsamt bereits die Mietzahlungen eingestellt, weil Rosemarie Fließ den Kontakt abgebrochen hatte und sich nicht mehr meldete. Ihre Wohnung war unterdessen verkauft worden, und die neue Eigentümerin kündigte fristlos, nachdem zwei Mieten ausgeblieben waren.

Besondere Herzlosigkeit

Der Vermieterin Birgit Hartig wird in diesem Fall eine besondere Herzlosigkeit vorgeworfen. Sie sieht das natürlich anders. „Ich hatte gehört, sie lebe ohne Strom, Wasser und Heizung in der Wohnung. Ich wollte sie kennenlernen“, sagt sie. Aber Rosemarie Fließ hatte kein Telefon. Deshalb habe sie sich, sagt Hartig, irgendwann im Juli vergangenen Jahres einfach auf die Treppe gesetzt und gewartet. „Dann kam sie, verschwitzt, unsauber, mit Tüten voller Flaschen. Ich stellte mich ihr vor, es war eigentlich ein relativ nettes Gespräch“, erzählt Birgit Hartig. „Ich fragte, ob ich helfen soll, aber das wollte sie nicht.“

Drei Tage später wandte sie sich an das Vormundschaftsgericht, das Sozialamt und den Sozialpsychiatrischen Dienst, um ein Betreuungsverfahren für Rosemarie Fließ anzuregen. Die wehrte sich. „Frau Fließ sah das natürlich nicht als Hilfe“, sagt ihr Anwalt. Mit staatlichen Stellen habe sie nicht mehr zusammenarbeiten wollen.

Sie hat dann bei Marko Rose Hilfe gesucht. Er arbeitet für ein Bündnis von Initiativen, die mit den Betroffenen Patientenverfügungen erstellen, die sie vor „psychiatrischer Zwangsdiagnose, Zwangseinweisung, Zwangsbehandlung und Betreuung gegen den Willen der Betroffenen“ schützen sollen. Rosemarie Fließ hat ihm Vollmachten erteilt. Er konnte ein Betreuungsverfahren abwenden. „Frau Hartig hat viele Dinge über Rosemarie erzählt, die einfach nicht stimmten“, sagt Rose.

Spätestens jetzt wird die Frau, die ihr Leben nie nach ihrem Willen führen konnte, so eigen dieser Wille auch gewesen sein mag, erneut zum Objekt fremder Interessen. Die gegenseitigen Bezichtigungen derer, die mit ihr zu tun haben, gehen hin und her. Lüge ist das wahrscheinlich am meisten verwendete Wort.

In Rosemarie Fließ hat das alles wohl einen Kämpfergeist entfacht. Allerdings stand sie sich selbst im Wege. Ein Klingelschild hatte sie nicht, der Briefkasten war teilweise zugeklebt, weil sie ihn nicht nutzen wollte. So hat sie weder die Information erreicht, dass Klage eingereicht wurde, noch die Ladung zur Verhandlung oder das Urteil: Räumungsbeschluss per Versäumnisurteil. Nur die Post der Gerichtsvollzieherin, die ihr Kommen ankündigte, kam bei Rosemarie Fließ an. „Der Zusteller hatte den Brief an die Tür geklemmt“, sagt Anwalt Remuß.

„Wir haben sie nicht gesucht, sie ist zu uns gekommen“

Spätestens jetzt muss Rosemarie Fließ aufgegangen sein, dass sie nicht gewinnen kann. „Wir haben sie nicht gesucht, sie ist zu uns gekommen“, sagt Sara vom Bündnis gegen Zwangsräumung, zu der sich Initiativen und Privatpersonen zusammengeschlossen haben. Einmal in der Woche treffen sich die Aktivisten, die ihre Familiennamen nicht nennen wollen, in Kreuzberg zu einem Plenum.

Die jungen Leute müssen jetzt oft mit Journalisten sprechen. Schon im vergangenen Jahr mobilisierte das Bündnis Hunderte Demonstranten, wenn es darum ging, Gerichtsvollzieher bei Räumungen zu empfangen. Die Aktivisten protestieren nicht nur, sie blockieren auch. Gewaltige Polizeieinheiten müssen nun die Arbeit der Gerichtsvollzieher schützen.

Rosemarie Fließ ist bei den Demonstrationen dabei. Im Februar protestiert sie gegen die Räumung einer Kreuzberger Familie. Bei einer Blockadeaktion sitzt sie vor dem Haus. Es sei dann ja wohl keine Frage gewesen, auch mit ihr solidarisch zu sein, sagt Susanne aus dem Bündnis. Es muss der alten Frau geschmeichelt haben, dass sich so viele Menschen für sie einsetzten. Endlich bewegt sich was. Die Aktivisten versuchen, die Räumung durch Vermittlung zu verhindern. Schließlich schien doch vor allem ein Kommunikationsproblem vorzuliegen. Grundsicherung stand ihr ja zu. Es hilft nichts, am Ende besteht die Vermieterin darauf, dass die Rentnerin auszieht. Am Morgen des 27. Februar stehen zweihundert Unterstützer an der Aroser Allee im Stadtteil Reinickendorf einem Großaufgebot der Polizei gegenüber. Die Zwangsräumung wird in letzter Minute ausgesetzt.

Aufschub. Rosemarie Fließ fährt nach Straßburg. Sie will sich an den Gerichtshof für Menschenrechte wenden. Unterdessen beraumt das Berliner Gericht einen neuen Räumungstermin an. „Sie hätte in einer anderen Wohnung unterkommen können“, sagt ihr Anwalt. Aber das habe sie nicht gewollt.

Gebrochenes Herz

Am 9. April gibt es keinen weiteren Aufschub mehr. Die Aktivisten gelangen auch gar nicht mehr in die Nähe der Wohnung. Die Polizei hat schon am Abend vorher alles abgeriegelt. Die Gerichtsvollzieherin wechselt die Schlösser aus und übergibt der Vermieterin die Schlüssel. Rosemarie Fließ zieht in die Wärmestube im Wedding um. Zwei Tage später ist sie tot.

„Sie ist an gebrochenem Herzen gestorben“, sagt Sara. Das klingt pathetisch. Tatjana Sterneberg gibt den Behörden zumindest eine Mitschuld: „Rosemarie hatte eine diffizile Persönlichkeit. Sie hat mit ihrer Umwelt Krieg geführt.“ Den Ämtern wirft sie vor, nicht im angeratenen Maße darauf eingegangen zu sein. „Sie hatten die Pflicht, vorsichtiger vorzugehen.“ Die Mitarbeiter jener Ämter, die mit Rosemarie Fließ zutun hatte, sagen allerdings, genau das hätten sie getan. Vielleicht ist es so, dass es keine einfachen Wahrheiten gibt im Leben und Sterben der Rosemarie Fließ.