05.12.2011

Rot-schwarze Koalition: Irritation beim Nachbarn

Von Gerold Büchner
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit steht in Berlin im Roten Rathaus nach der Übergabe der Ernennungsurkunden mit den Senatsmitgliedern.
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit steht in Berlin im Roten Rathaus nach der Übergabe der Ernennungsurkunden mit den Senatsmitgliedern.
Foto: dapd
Berlin –  

Brandenburg sieht im neuen Berliner Regierungsprogramm viel Konfliktstoff. Auffällig ist in jedem Fall, dass Brandenburg im Berliner Koalitionsvertrag ganze 16 Mal erwähnt wird.

Zwei Jahre lang gab es wenigstens keine parteipolitisch motivierten Differenzen, wenn der Berliner Senat und Brandenburgs Landesregierung miteinander zu tun hatten. Nach dem Wechsel von Rot-Rot zur Großen Koalition in Berlin ändert sich das womöglich. Vorerst warten die Brandenburger Minister von SPD und Linkspartei zwar ab, bis sich die neuen Kollegen eingerichtet haben. Jedoch deuten sich schon Konfliktbereiche an. Auffällig ist in jedem Fall, dass Brandenburg im Berliner Koalitionsvertrag ganze 16 Mal erwähnt wird; die rot-rote Koalition in Potsdam hatte beim Antritt 2009 die Länderkooperation deutlich stärker hervorgehoben.

Das steht im Koalitionsvertrag
Foto: dpa
Innere Sicherheit: Kein Law, kaum Order

Wird Berlin unter einer CDU-Mitregierung zum Polizeistaat? Zur Hauptstadt der Video-überwachung? Zum Land von Law und Order – denn dieses Begriffspaar ist für CDU-Chef und Quasi-Innensenator Frank Henkel ja „kein Schimpfwort“, wie er im Wahlkampf ein ums andere Mal betont hat? Die Antwort lautet: Nein. Nur in wenigen Bereichen setzten die Christdemokraten eigene Akzente in der Sicherheitspolitik. Mehr steht auch im Kleingedruckten nicht.

Was kommt, ist bekannt: Die Speicherfrist für Videoaufnahmen aus Bussen, Bahnen und Bahnhöfen der BVG wird auf 48 Stunden verdoppelt. Der sogenannte Unterbindungsgewahrsam – eine Art Vorbeugearrest mit Richtervorbehalt, gern angewandt bei höchstwahrscheinlichen Steinewerfern am 1. Mai – wird von einem auf vier Tage ausgedehnt. Und: Die CDU setzte die Einstellung weiterer 50 Polizisten durch, nachdem die SPD vor der Wahl schon 200 versprochen hatte.

Was nicht kommt: Es wird in Berlin keine polizeiliche Überwachung von Straßen und Plätzen geben, auch nicht an „Brennpunkten“, wie die Union es wollte. Es wird keine ehrenamtliche Hilfspolizei namens „freiwillige Polizeireserve“ geben, ein Unding aus West-Berliner Tagen, das die CDU regelmäßig fordert. Es wird auch keinen „Warnschussarrest“, eine Art Schnupperknast, für Jugendliche geben. Nicht einmal die Kennzeichnungspflicht ist weg, sie ist nur modifiziert, weil Beamte bald auch wechselnde Nummern tragen dürfen.

Ob künftig mehr Polizei auf der Straße zu entdecken ist, etwa durch mobile Polizeiwachen, vulgo dauerparkende Einsatzwagen, oder mehr Kontaktbereichsbeamte, ist offen. Einen Hauch von Buschkowsky hat immerhin die angekündigte Prüfung, ob das Kindergeld für inhaftierte oder in Heimen untergebrachte Jugendliche den Einrichtungen überwiesen – und den Eltern gestrichenwerden kann . (jan.)

Verkehr: Das wohl wichtigste und schwierigste Thema dürfte der Umgang mit der S-Bahn sein. SPD und CDU in Berlin peilen in ihrem Koalitionsvertrag eine Übernahme durch das Land oder die BVG an. Brandenburg aber sieht das nicht als geeignete Lösung an und würde sich keinesfalls beteiligen, wie Verkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD) unterstreicht. "Das ist auch eine Grundsatzfrage", sagte er der Berliner Zeitung, "man sollte ein Stück unabhängig sein." Die Länder müssten dafür sorgen, dass der Nahverkehr leistungsfähig sei, aber ihn nicht selbst organisieren. Eine Neuausschreibung von Teilstrecken befürwortet die Regierung in Potsdam hingegen. "Wir haben damit beste Erfahrungen", sagt Vogelsänger. Die S-Bahn sei, obgleich sie zu mehr als 80 Prozent in Berlin fahre, für Brandenburg unverzichtbar.

Auch beim neuen Großflughafen BER gibt es Differenzen. Eine Erweiterung der Kapazität, wie ihn die Berliner Koalitionspartner bereits anvisieren, hält Vogelsänger für unnötig. BER sei leistungsfähig, "da sehe ich keinen Ausbaubedarf". Die Berliner sollten sich auf den optimalen Start des Flughafens im Juni und auf seine bessere Verkehrsanbindung konzentrieren, empfiehlt der Potsdamer Verkehrsminister.

Arbeit und Soziales: In Potsdam wird bedauert, dass der Senat die Bereiche auf zwei Ressorts aufgeteilt hat. Auch dass die CDU durchsetzte, den Öffentlichen Beschäftigungssektor abzuschaffen, stößt auf Enttäuschung. Immerhin freut man sich, dass der Mindestlohn für öffentliche Aufträge in Berlin mit 8,50 Euro sogar höher angesetzt ist als im rot-roten Brandenburg: Das werde im Land angepasst, kündigt die Linke in Potsdam an.

Wirtschaft: Für Irritation sorgt, dass die Berliner im Koalitionsvertrag die Entwicklung von Zukunftsbranchen in der Region kaum als gemeinsames Projekt beider Länder herausstellen, wie es bisher Praxis ist. Brandenburgs Ressortchef Ralf Christoffers (Linke) hätte sich "deutlichere Worte" zur Zusammenarbeit gewünscht. Immerhin legt der Senat einen Schwerpunkt auf die Medienwirtschaft, die in Babelsberg ein starkes Standbein hat.

Justiz: Schlechter als bislang kann das Verhältnis kaum werden. Berlin hat eine eigene Haftanstalt in Brandenburg bauen lassen, statt dort leere Gefängnisse zu nutzen. Die Potsdamer Regierung wiederum will keine Berliner als Richter einstellen. Mit Senator Michael Braun (CDU) und Minister Volkmar Schöneburg (Linke) prallen politisch-kulturell Welten aufeinander.

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