Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit steht in Berlin im Roten Rathaus nach der Übergabe der Ernennungsurkunden mit den Senatsmitgliedern. Foto: dapd
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit steht in Berlin im Roten Rathaus nach der Übergabe der Ernennungsurkunden mit den Senatsmitgliedern. Foto: dapd
Berlin –
Brandenburg sieht im neuen Berliner Regierungsprogramm viel Konfliktstoff. Auffällig ist in jedem Fall, dass Brandenburg im Berliner Koalitionsvertrag ganze 16 Mal erwähnt wird.
Zwei Jahre lang gab es wenigstens keine parteipolitisch motivierten Differenzen, wenn der Berliner Senat und Brandenburgs Landesregierung miteinander zu tun hatten. Nach dem Wechsel von Rot-Rot zur Großen Koalition in Berlin ändert sich das womöglich. Vorerst warten die Brandenburger Minister von SPD und Linkspartei zwar ab, bis sich die neuen Kollegen eingerichtet haben. Jedoch deuten sich schon Konfliktbereiche an. Auffällig ist in jedem Fall, dass Brandenburg im Berliner Koalitionsvertrag ganze 16 Mal erwähnt wird; die rot-rote Koalition in Potsdam hatte beim Antritt 2009 die Länderkooperation deutlich stärker hervorgehoben.
Wird Berlin unter einer CDU-Mitregierung zum Polizeistaat? Zur Hauptstadt der Video-überwachung? Zum Land von Law und Order – denn dieses Begriffspaar ist für CDU-Chef und Quasi-Innensenator Frank Henkel ja „kein Schimpfwort“, wie er im Wahlkampf ein ums andere Mal betont hat? Die Antwort lautet: Nein. Nur in wenigen Bereichen setzten die Christdemokraten eigene Akzente in der Sicherheitspolitik. Mehr steht auch im Kleingedruckten nicht.
Was kommt, ist bekannt: Die Speicherfrist für Videoaufnahmen aus Bussen, Bahnen und Bahnhöfen der BVG wird auf 48 Stunden verdoppelt. Der sogenannte Unterbindungsgewahrsam – eine Art Vorbeugearrest mit Richtervorbehalt, gern angewandt bei höchstwahrscheinlichen Steinewerfern am 1. Mai – wird von einem auf vier Tage ausgedehnt. Und: Die CDU setzte die Einstellung weiterer 50 Polizisten durch, nachdem die SPD vor der Wahl schon 200 versprochen hatte.
Was nicht kommt: Es wird in Berlin keine polizeiliche Überwachung von Straßen und Plätzen geben, auch nicht an „Brennpunkten“, wie die Union es wollte. Es wird keine ehrenamtliche Hilfspolizei namens „freiwillige Polizeireserve“ geben, ein Unding aus West-Berliner Tagen, das die CDU regelmäßig fordert. Es wird auch keinen „Warnschussarrest“, eine Art Schnupperknast, für Jugendliche geben. Nicht einmal die Kennzeichnungspflicht ist weg, sie ist nur modifiziert, weil Beamte bald auch wechselnde Nummern tragen dürfen.
Ob künftig mehr Polizei auf der Straße zu entdecken ist, etwa durch mobile Polizeiwachen, vulgo dauerparkende Einsatzwagen, oder mehr Kontaktbereichsbeamte, ist offen. Einen Hauch von Buschkowsky hat immerhin die angekündigte Prüfung, ob das Kindergeld für inhaftierte oder in Heimen untergebrachte Jugendliche den Einrichtungen überwiesen – und den Eltern gestrichenwerden kann . (jan.)
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Verkehr: Für jeden etwas
Allen wohl und keinem wehe! Das ist das Motto, das den Abschnitt „Starke Infrastruktur; Mobilität in der Stadt“ zu bestimmen scheint. Das ist die Handschrift der SPD, deren Verkehrspolitik schon lange von dieser Kompromissstrategie bestimmt wird. Für die Fußgänger gibt es noch mehr Zebrastreifen, für die Radfahrer mehr Radrouten, für die Taxibranche „bessere Rahmenbedingungen“. Doch die Vereinbarung bleibt wichtige Details schuldig. Wird die Verwaltung zumindest etwas aufgestockt, damit neue Strecken für den boomenden Radverkehr zügiger geplant und gebaut werden können? Und gibt es endlich mehr Personal für den Kampf gegen die Schwarzarbeit im Taxigewerbe?
Angesichts des Sammelsuriums gerät leicht aus dem Blick, dass die Dominanz einiger weniger teurer Straßenbauprojekte ungebrochen bleibt: Die Autobahn A 100 wird weitergebaut, die Tangentialverbindung Ost verlängert. Zwiespältiger fällt die Bilanz für neue Schienenstrecken aus. Die Koalition bekräftigt fast nur Projekte, die ohnehin geplant sind. Beim Ausbau des Straßenbahnnetzes bleibt der große Wurf aus. Die Strecke zum Potsdamer Platz kommt erst nach 2019.
Auffällig ist der Hang zu utopischen Forderungen. So kann die Koalition gern verlangen, dass der Bahnhof Zoo wieder regulärer Fernzughalt wird – die Bahn bleibt bei ihrem Nein. Sie will dem Land auch nicht die S-Bahn verkaufen. Trotzdem sieht die Vereinbarung Verhandlungen vor – offenbar, um der SPD, die beim Parteitag 2010 mehrheitlich für eine Kommunalisierung der S-Bahn stimmte, Genüge zu tun. In Wahrheit hat sich hier die CDU durchgesetzt. Denn die Verhandlungen werden scheitern. Dann kommt die Teilausschreibung. (pn.)
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Bauen und Wohnen: Eine Stadt für alle
Der Slogan „Eine Stadt für alle“, mit dem die Grünen im Wahlkampf auftraten, zieht sich wie ein roter Faden durch die Vereinbarungen zur Stadtentwicklungspolitik. „Bezahlbares und attraktives Wohnen in der Innenstadt ist Grundlage dafür, dass Berlin eine Stadt für alle bleibt“, haben SPD und CDU als politisches Ziel formuliert. Das ist nur konsequent, nachdem sich beide Parteien im Wahlkampf für einen besseren Mieterschutz ausgesprochen hatten.
Um ihn zu erreichen, sollen unter anderem die landeseigenen Wohnungsunternehmen verpflichtet werden, den Mietenanstieg bei bestehenden Mietverhältnissen zu begrenzen. Beim Abschluss neuer Verträge dürfen die Unternehmen dafür allerdings von Besserverdienern mehr kassieren als von Haushalten mit geringem Budget. Das birgt Konfliktstoff.
Bei Großprojekten wie der Nachnutzung des Flughafens Tempelhof setzt die rot-schwarze Koalition die Planung von Rot-Rot fort. Die CDU, einst erbitterter Gegner der Airport-Schließung, will Tempelhof jetzt wie die SPD zum „Schaufenster für die nachhaltige Entwicklung von Metropolen“ machen. Klaus Wowereit darf jubilieren.
Unentschieden ist, wie das Gebiet zwischen Fernsehturm und Humboldt-Forum in Mitte gestaltet werden soll. Die richtige Balance zwischen einer von der CDU gewünschten Bebauung und der Bewahrung des grün geprägten Freiraumes, wie sie die SPD favorisiert, soll über einen städtebaulichen Wettbewerb gefunden werden. So vertagt man einen Streit. (ulp.)
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Bildung: Der Staat soll es machen
Das staatliche Bildungssystem soll verstärkt helfen, den Erziehungsdefiziten in vielen Berliner Haushalten entgegenzuwirken. Dieses Grundmuster des dahingeschiedenen rot-roten Senats setzt die neue Landesregierung fort. Deshalb will auch der neue Senat einen möglichst frühen Kita-Besuch samt Sprachförderung und den weiteren Ausbau des Ganztagsschulsystems. Die neue Schulstruktur bleibt unangetastet. Anerkannt wird in besonderer Weise die Arbeit der Lehrer, die in sozialen Brennpunkten arbeiten: Sie sollen weniger Stunden unterrichten als ihre Kollegen in besser situierten Gegenden. Ein neuer Akzent ist, dass hier nun die Zusammenarbeit mit externen Partnern wie „Teach first“ festgeschrieben ist.
Das alles möchte man aber weiter ohne zusätzliche Kosten umsetzen. Immerhin soll trotz sinkender Schülerzahlen nicht weiter am Personal gespart werden. Das ist wichtig, um neben dem Ganztagssystem überhaupt die Inklusion behinderter Kinder an Regelschulen irgendwie bewerkstelligen zu können. Wie weitere Leistungsposten an Grundschulen ohne zusätzliches Geld geschaffen werden sollen, bleibt vage. Zu großen Problemen wird die Entscheidung führen, das Schul- und Sportanlagensanierungsprogramm nur „in der jetzigen Höhe“ fortzuführen. Schon jetzt gibt es hier einen gewaltigen Sanierungsstau.
Die Handschrift der CDU wird nur beim Jahrgangsübergreifenden Lernen (JüL) in der Grundschule wirklich sichtbar, die JüL-Pflicht wird abgeschafft. Beim Gymnasium oder der angeblichen „Schullotterie“ konnte die CDU ihre Wahlkampfversprechen nicht einlösen. Für die Reform der Lehrerausbildung hat man sich bereits auf sinnvolle Maßnahmen geeinigt. (mak.)
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Gesundheit/Soziales: Heroin-Abgabe und sexuelle Vielfalt
Soziales ist kein klassisches CDU-Ressort. Trotzdem wird es künftig von einem CDU-Senator geführt werden, gemeinsam mit Gesundheit. Oder sollte man sagen: verwaltet? Auf den ersten Blick sieht es nicht so aus, als würde der neue CDU-Senator viel Arbeit bekommen: Die meisten Initiativen und Projekte, die von den Senatorinnen der Linkspartei bisher betreut wurden, werden fortgeführt, wie der Berlin-Pass für arme Familien, die Abgabe von künstlichem Heroin an Schwerstabhängige, Projekte für Frauen mit Gewalterfahrung. Auch die einst von der CDU kritisierte Initiative für sexuelle Vielfalt zur Aufklärung über Homophobie soll fortgeführt werden.
Ansonsten überwiegen Wunschdenken und Platitüden. Probleme werden präsentiert, Lösungen nicht. „Hochwertige, würdevolle, wohnortnahe Versorgung älterer Menschen“, wird als ein Leitziel der Koalition benannt. Der öffentliche Gesundheitsdienst soll „zukunftsfest“ gemacht werden. Die Gesundheitsämter beklagen sich seit Jahren über Personalmangel. Mehr als eine Bekundung, dass Stellen nachbesetzt werden sollen, gibt Rot-Schwarz auch nicht. Dabei haben die Ämter schon jetzt Probleme, Kandidaten zu finden.
Auch das Prinzip der Inklusion behinderter Menschen soll umgesetzt werden. Klaus Wowereit hat aber schon gesagt, dass es für Schulhelfer und Organisation nicht mehr Geld geben wird. (sab.)
Verkehr: Das wohl wichtigste und schwierigste Thema dürfte der Umgang mit der S-Bahn sein. SPD und CDU in Berlin peilen in ihrem Koalitionsvertrag eine Übernahme durch das Land oder die BVG an. Brandenburg aber sieht das nicht als geeignete Lösung an und würde sich keinesfalls beteiligen, wie Verkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD) unterstreicht. "Das ist auch eine Grundsatzfrage", sagte er der Berliner Zeitung, "man sollte ein Stück unabhängig sein." Die Länder müssten dafür sorgen, dass der Nahverkehr leistungsfähig sei, aber ihn nicht selbst organisieren. Eine Neuausschreibung von Teilstrecken befürwortet die Regierung in Potsdam hingegen. "Wir haben damit beste Erfahrungen", sagt Vogelsänger. Die S-Bahn sei, obgleich sie zu mehr als 80 Prozent in Berlin fahre, für Brandenburg unverzichtbar.
Auch beim neuen Großflughafen BER gibt es Differenzen. Eine Erweiterung der Kapazität, wie ihn die Berliner Koalitionspartner bereits anvisieren, hält Vogelsänger für unnötig. BER sei leistungsfähig, "da sehe ich keinen Ausbaubedarf". Die Berliner sollten sich auf den optimalen Start des Flughafens im Juni und auf seine bessere Verkehrsanbindung konzentrieren, empfiehlt der Potsdamer Verkehrsminister.
Arbeit und Soziales: In Potsdam wird bedauert, dass der Senat die Bereiche auf zwei Ressorts aufgeteilt hat. Auch dass die CDU durchsetzte, den Öffentlichen Beschäftigungssektor abzuschaffen, stößt auf Enttäuschung. Immerhin freut man sich, dass der Mindestlohn für öffentliche Aufträge in Berlin mit 8,50 Euro sogar höher angesetzt ist als im rot-roten Brandenburg: Das werde im Land angepasst, kündigt die Linke in Potsdam an.
Wirtschaft: Für Irritation sorgt, dass die Berliner im Koalitionsvertrag die Entwicklung von Zukunftsbranchen in der Region kaum als gemeinsames Projekt beider Länder herausstellen, wie es bisher Praxis ist. Brandenburgs Ressortchef Ralf Christoffers (Linke) hätte sich "deutlichere Worte" zur Zusammenarbeit gewünscht. Immerhin legt der Senat einen Schwerpunkt auf die Medienwirtschaft, die in Babelsberg ein starkes Standbein hat.
Justiz: Schlechter als bislang kann das Verhältnis kaum werden. Berlin hat eine eigene Haftanstalt in Brandenburg bauen lassen, statt dort leere Gefängnisse zu nutzen. Die Potsdamer Regierung wiederum will keine Berliner als Richter einstellen. Mit Senator Michael Braun (CDU) und Minister Volkmar Schöneburg (Linke) prallen politisch-kulturell Welten aufeinander.
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