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Rückrufaktion von VW: 55.000 Berliner müssen ihre Autos checken lassen

Frischdatenkur in der VW-Werkstatt: Eine Software soll Volkswagen so sauberer machen, wie es verlangt ist.

Frischdatenkur in der VW-Werkstatt: Eine Software soll Volkswagen so sauberer machen, wie es verlangt ist.

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DPA/Julian Stratenschulte

Ein fetter Pick-up mit Doppelkabine, Ladefläche und zwei Tonnen Kampfgewicht war der Erste, und weitere 2,4 Millionen Autos werden folgen. In der vergangenen Woche startete der VW-Konzern hierzulande die größte Rückrufaktion in seiner Geschichte.

Gut 1,5 Millionen Volkswagen-Modelle, über 500.000 Audis und insgesamt etwa 390.000 Fahrzeuge von Seat und Skoda müssen im Laufe des Jahres außerplanmäßig in die Werkstatt, weil VW bei deren Zulassungsverfahren mit manipulierten Abgaswerten betrogen hatte. Eine neue Software soll die Autos nun nachträglich legalisieren.

Jeder sechste VW ist betroffen

Wie viele Fahrzeuge in Berlin betroffen sind, war weder bei Volkswagen noch beim Kraftfahrt-Bundesamt zu erfahren. „Eine Erhebung nach regionalen Aspekten ist nicht vorgenommen worden“, lautete die Antwort der Flensburger Bundesbehörde auf eine entsprechende Anfrage. Geht man aber davon aus, dass wie im Bundesdurchschnitt auch in Berlin etwa jeder sechste Volkswagen mit illegaler Steuersoftware unterwegs ist, so müssen von den insgesamt in Berlin zugelassenen 216.000 VW-Fahrzeugen in diesem Jahr knapp 35.000 Volkswagen in die Werkstatt. Bei den Marken Audi, Seat und Skoda sind es zusammen weitere fast 20.000 Autos.

Mit dem Pick-up Amarok, von dem deutschlandweit gerade etwa 8000 Fahrzeuge betroffen sind, soll die Aktion gewissermaßen auf Betriebstemperatur gebracht werden. Denn schon im März beginnt mit dem VW Passat der Rückruf der betroffenen Modelle mit Zwei-Liter-Dieselmotoren. Das sind insgesamt etwa eine Million Fahrzeuge. Dann folgen die betroffenen Fahrzeuge mit 1,2- und 1,6-Liter-Aggregaten, wobei bei letztgenannten Varianten auch geschraubt werden muss.

„Administrative Entschlackung“

Beim Wolfsburger Hersteller ist man davon überzeugt, alles richtig vorbereitet zu haben. Das reine Update der Software werde „weniger als eine halbe Stunde“ in Anspruch nehmen, sagt ein Sprecher. Wie viel VW seinen Service-Betrieben für die Umrüstung zahlt, bleibt indes unbekannt. Die Nachrichtenagentur dpa nannte zwar eine Vergütung von 60 Euro pro Fahrzeug, doch wird das von VW nicht bestätigt.

Bei der Berliner Kfz-Innung betrachtet man die Rückrufaktion indes eher mit Skepsis. Innungs-Chef Dieter Rau vermutet jedenfalls, dass es mit dem Aufspielen einer neuen Software nicht getan sein wird. Der Kunde müsse empfangen, betreut, verabschiedet werden. Hinzu kämen noch notwendige Formalitäten. Das alles sei nicht in den 30 Minuten getan, die VW bezahlt. „Der Rückruf wird für die Werkstätten alles andere als lukrativ, eher ein Zuschussgeschäft“, sagt Rau.

Ganz anders die Einschätzung in der Wolfsburger Konzern-Zentrale: „Wir haben uns bemüht, den Aufwand für den Handel so weit wie möglich zu reduzieren“, sagt ein Sprecher und meint „administrative Entschlackung“. So sei beispielsweise ein Werkstattmitarbeiter von der sonst geltenden Pflicht entbunden, während des Daten-Updates am Fahrzeug verbleiben zu müssen. So könnten dann während der veranschlagten halben Stunde parallel vier Fahrzeuge bearbeitet werden, lautet die Empfehlung aus Wolfsburg. Außerdem bekäme der Servicebetrieb noch eine Pauschale für die Dokumentation und Verwaltungsarbeit, und auch einen Hol-und-Bring-Service für die Autos der Kunden könnten die Werkstätten in Rechnung stellen, selbst die Kosten für einen Ersatzwagen.

VW versucht also offenbar einiges, um verlorenes Kundenvertrauen zurückzugewinnen, und den autorisierten Werkstätten dürfte der aus der Rückrufaktion resultierende Auftragseingang unter dem Strich wohl doch nicht ungelegen kommen. Immerhin wird die Aktion jedem der autorisierten 29 Berliner Händler und -Servicebetriebe der Stammmarke des Konzerns in diesem Jahr etwa 1200 Autos ins Haus spülen. Es gibt also jede Menge Arbeit für die VW-Werkstätten.

Maximale Auslastung

Und genau das ist wichtig. Denn seit die Autohersteller und Importeure die Margen im Neuwagenverkauf immer weiter drücken, verdienen die Autohäuser vor allem im Service. Folglich ist gute Werkstattauslastung wichtig und könnte tatsächlich besser sein. Im Jahr 2014 lag die Werkstattauslastung jedenfalls deutschlandweit nur noch bei 81 Prozent und damit niedriger als in den Vorjahren.

„Die Häuser profitieren in der Auslastung ungemein“, heißt es auch in Wolfsburg, womit sich die Frage stellt, wie das zu schaffen sein soll. Denn auch ohne Rückruf hatte laut Analyse der Deutschen Automobil Treuhand (DAT) im vergangenen Jahr jede einzelne Kfz-Werkstatt in Deutschland im Schnitt 1752 Autos auf ihren Hebebühnen. In diesem Jahr wären es dann zumindest bei VW fast 3000 Fahrzeuge.

Ob die Berliner VW-Werkstätten deshalb weitere Mitarbeiter einstellen oder die Werkstattzeiten ausgeweitet werden, war dort nicht in Erfahrung zu bringen. Das heißt, eigentlich war dort gar nichts zu erfahren. Anfragen wurden abgewiesen, blieben unbeantwortet und wurden nach Wolfsburg verwiesen. „Aufgrund der sehr komplexen Situation bitte ich Sie, Ihre Informationen beim Hersteller einzuholen“, lautete etwa eine schriftliche Antwort. Und komplex ist die Situation tatsächlich. Denn während im Januar die Neuwagenverkäufe in Deutschland insgesamt um 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zulegten, gingen sie bei der Marke VW um 8,8 Prozent zurück.