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Rummelsburg: Drei Stelen für drei Epochen

Fünf Meter: So hoch wie früher die Gefängnismauern waren, so hoch werden auch die drei Gedenkstelen sein.

Fünf Meter: So hoch wie früher die Gefängnismauern waren, so hoch werden auch die drei Gedenkstelen sein.

Foto:

lieser/lewis/henningsen

Als sie das erste Mal über das Gelände mit den roten Klinkerbauten gegangen sei, habe sie regelrecht „das Unrecht dieses Ortes“ gespürt, erzählt Helga Lieser. Über 100 Jahre lang waren in der Haftanstalt Rummelsburg Menschen eingesperrt: In der Kaiserzeit, in der Nazizeit, in der DDR. Heute wohnen in den umgebauten Zellen der roten Klinkerbauten Menschen in Eigentumswohnungen. An die tragische Geschichte des Areals erinnert bislang jedoch nichts.

Das wird sich nun ändern. Auf dem Gelände entsteht in den kommenden Monaten ein Ort der Erinnerung und des Gedenkens. Den Gestaltungswettbewerb des Bezirkes Lichtenberg hat die Berliner Grafikerin und Designerin Helga Lieser gewonnen, gemeinsam mit ihren Kollegen Peter Francis Lewis und Jens Henningsen hat sie ein Konzept entworfen, wonach drei unterschiedlich gestaltete Säulen und 18 Stelltafeln mit der Biografie der Insassen auf dem Gelände an die Geschichte dieses Ortes erinnern. „Im Mittelpunkt stehen die ehemaligen Inhaftierten– der Mensch“, heißt es im Konzept.

Fünf Meter hoch sind die Säulen an der Hauptstraße, so hoch wie einst die Gefängnismauern waren. Sie bestehen, so die Idee, aus rostigem (Kaiserzeit) und mattem Stahl (Nazizeit), die dritte Säule ist grau verzinkt, so grau, wie in den Augen Helga Liesers auch die DDR war, in der sie nicht gelebt hat.

Bis zum Ende des Jahres soll der Gedenkort errichtet sein, die Kosten von 120 000 Euro finanzieren das Land Berlin und der Bezirk Lichtenberg. Erleichterung ist zu spüren, als die Verantwortlichen am Mittwoch den Siegerentwurf in der Gedenkstätte Hohenschönhausen vorstellen. „Wir haben es lange versäumt, uns über die Historie dieses Ortes bewusst zu werden“ sagt der Bezirksbürgermeister von Lichtenberg, Andreas Geisel (SPD).

Nach der Wende gab es die Idee, die frühere Haftanstalt im Zuge der Olympiabewerbung zum Olympischen Dorf umzubauen. Dann sollten in einem Gerichtsgarten alle Berliner Gerichte dort angesiedelt werden. 2006 kauften Investoren das Areal und bauten die Zellen zu Eigentumswohnungen um.

Die neuen Bewohner interessierten sich für die Geschichte ihres Wohnortes, 2007 gründeten sie einen Runden Tisch und erforschten mit Historikern die Geschichte der Haftanstalt. „In jeder Phase waren hier Menschen untergebracht, die aus der Gesellschaft ausgegrenzt waren“, sagt einer der Initiatoren, Rainer E. Klemke. Der heutige Pensionär war bis 2012 Berlins Museums- und Gedenkstättenreferent. Er sagte am Mittwoch, er sehe einen „großen Nachholbedarf an Erinnerungsarbeit“. Denn oft fehlten persönliche Fotos und Aufzeichnungen der Inhaftierten. „Es gibt nur die Polizeiakten“, sagt Klemke. Mit dem Siegerentwurf, so die Jury, werden alle Opfer gewürdigt, die in Rummelsburg inhaftiert waren. Und der Gedenkort eigne sich auch für Kranzniederlegungen.

Die Ausstellung mit den Ergebnissen des Wettbewerbs ist bis zum 30. Juni von 9–18 Uhr in der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Genslerstraße 66, zu besichtigen.



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