An ihrem Simulator in Schöneweide bildet die S-Bahn GmbH Fahrer aus. Doch ob das DB-Unternehmen auch künftig im Südosten unterwegs ist, ist unklar. Foto: dpa
An ihrem Simulator in Schöneweide bildet die S-Bahn GmbH Fahrer aus. Doch ob das DB-Unternehmen auch künftig im Südosten unterwegs ist, ist unklar. Foto: dpa
Berlin –
So viel steht fest: Konkurrenz belebt das Geschäft. Aber ob es bei der Berliner S-Bahn tatsächlich einen richtigen Wettbewerb und mehr Service gibt, hängt nun vom Senat ab.
Jetzt hat es der Senat schwarz auf weiß: Die Deutsche Bahn (DB) will die S-Bahn Berlin GmbH nicht hergeben. Das hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Donnerstag im Abgeordnetenhaus mitgeteilt. Damit wird die als Plan B vorgesehene Teilausschreibung immer wahrscheinlicher. Dabei sucht der Senat ein Unternehmen, mit dem er einen neuen Vertrag für den S-Bahn-Verkehr ab Ende 2017 auf dem Ring und im Südosten Berlins abschließen kann. Dort sollen neue Züge eingesetzt werden. Doch wird das Angebot für die Fahrgäste durch Wettbewerb wirklich besser? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Ungewiss ist auch, ob es eine echte Konkurrenz geben und tatsächlich eine Privatbahn das DB-Unternehmen ablösen wird.
Das russische Modell
Fast 400 S-Bahn-Wagen werden für den Ring und den Südosten benötigt. Aber woher nehmen? Und wer sorgt dafür, dass die Neuwagenflotte gut funktioniert - besser als die jetzigen S-Bahnen?
Siemens bietet nicht nur Züge, sondern auch deren Instandhaltung an. So sorgt das Unternehmen in Russland dafür, dass die Hochgeschwindigkeitszüge vom Typ Sapsan („Wanderfalke“) zuverlässig funktionieren - bislang ohne Probleme auch bei Frost. Nach England hat Siemens nach diesem Modell viele Hundert Fahrzeuge geliefert und betreibt dort drei Instandhaltungswerke. Die Desiro UK Class 444 wurde als zuverlässigster Zug auf der Insel ausgezeichnet. In vielen Fällen wird außer der Lieferung und Wartung auch die Finanzierung ausgeschrieben, so eine Sprecherin. Auch daran sei Siemens im Fall der S-Bahn „sehr interessiert und wird gern entsprechende Angebote unterbreiten“.
Bombardier ist ebenfalls grundsätzlich bereit, sich an einer Ausschreibung zu beteiligen, bei der es um neue S-Bahnen und deren Instandhaltung geht. Das teilte Sprecher Immo von Fallois mit.
Stadler, ein weiterer Bahnhersteller, will „über eine Beteiligung an einer Ausschreibung nachdenken“, wie eine Sprecherin sagte. Stadler produziert unter anderem in Berlin.
Die Zeit drängt. Der Senat strebt an, dass die neuen S-Bahnen ab 2017 geliefert werden. „Ein enger Termin“, hieß es bei Bombardier. „Er lässt sich nur dann realisieren, wenn Ausschreibung und Vergabe kurzfristig erfolgen.“ Die Ausschreibung müsste spätestens Anfang 2013, die Vergabe ein Jahr darauf stattfinden, teilte Siemens mit.
Im Dezember hatten Wowereit und der neue Verkehrssenator Michael Müller (SPD) damit begonnen, mit der DB über einen Kauf der S-Bahn GmbH zu verhandeln - weil die Kommunalisierungs-Fans in der SPD das so wollten. Dass diese Gespräche jetzt scheiterten, ist allerdings nicht überraschend.
Hohe Gewinne wieder in Sicht
Denn Bahn-Chef Rüdiger Grube hat stets bekräftigt, dass er sein „Tafelsilber“ in der Hauptstadt behalten will. Zwar hat die S-Bahn GmbH seit 2009, als das Chaos ausbrach, einen dreistelligen Millionenverlust erzielt. „Aber jetzt ist sie aus dem Gröbsten ’raus. Sie kann bald wieder Geld für die DB verdienen und Gewinne abliefern“, so ein Insider. Dem Vernehmen nach beläuft sich die Vorgabe für 2013 auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Die größten Technikprobleme sind gelöst, die einsetzbare Flotte wächst stetig - fast tausend Wagen sind wieder im Linieneinsatz.
Zudem wird die S-Bahn für ihre Leistungen gut vom Staat bezahlt - wenn alles klappt. So hatte sie für 2010 einen Anspruch auf 236 Millionen Euro. Zwar bekam sie wegen Ausfällen nur 179 Millionen Euro, doch ab jetzt fallen die Abzüge kleiner aus. Ob die DB bei der Berliner S-Bahn tatsächlich Ende 2017 Konkurrenz bekommt, wird davon abhängen, wie der Senat die Ausschreibung im Detail gestaltet - und wie hoch die Hürden für die Bewerber sind.
„Wenn sie neue Züge selbst kaufen und finanzieren müssten, wird sich niemand finden - außer der DB, weil Berlin für sie ein Prestige-Thema ist“, sagte Engelbert Recker vom Privatbahnverband Mofair. „Vielleicht zwingt der Senat noch die BVG, sich zu bewerben. Aber das war’s dann.“ Für den Ring und den Südosten werden fast 400 S-Bahn-Wagen benötigt. Das wäre ein Großeinkauf: Auf der Rechnung stünde ein Beitrag zwischen 600 Millionen und eine Milliarde Euro. „Dieses Geld lässt sich auf dem Finanzmarkt kaum auftreiben“, hieß es.
Recker forderte deshalb, dass das Land für einen „Fahrzeugpool“ sorgt - auch wenn das heißt, dass es sich an der Finanzierung beteiligen oder sie mit einer Bürgschaft erleichtern muss, wie andere Experten sagen. „Berlin muss ein Unternehmen damit beauftragen, S-Bahnen zu kaufen, zu warten und einem Betreiber zu überlassen. Sonst wird es keinen Wettbewerb geben.“ „Wir prüfen diese Option“, hieß es im Senat.
Warnstreik der Lokführer und die BVG konnte die S-Bahn nicht ersetzten.
29.06.2011 Kabeldiebe legen S-Bahn lahm
Kabeldiebe hatten dafür gesorgt, dass während des Berufsverkehrs die S-Bahn gleich auf mehreren Strecken für einige Stunden unterbrochen war. Mit der S41, S42, S46, S47, S8 sowie S9 waren sechs Linien vor allem im Osten der Stadt betroffen.
23.07.2011 Bäume auf den Gleisen
Wegen heftiger Windböen ist ein Baum zwischen den Stationen Westkreuz und Grunewald auf die Gleise gefallen. Trotz einer Schnellbremsung konnte ein S-Bahn-Triebwagenfahrer nicht verhindern, dass sein Zug der Linie S7 gegen den Baum prallte.
13.08.2011 Bombenalarm stört S-Bahn und ICE Zugbetrieb unterbrochen
Kabeldiebe und ein verdächtiger Koffer sorgten in Berlin für Behinderungen bei S-Bahn und Fernbahn. Am Bahnhof Lichterfelde-Süd war einem S-Bahnfahrer in seinem Zug ein Metallkoffer aufgefallen. Es wurde Bombenalarm ausgelöst, der Bahnhof wurde gegen 9 Uhr sicherheitshalber gesperrt. Ein Entschärfungskommando der Polizei fand in dem Koffer aber lediglich eine Bohrmaschine. Der Betrieb der S25 wurde zwischen Teltow Stadt und Lichterfelde Süd bis dahin vollständig eingestellt.
24.08.2011 Gasleck in Pankow Nahverkehr lag lahm
Bei Bauarbeiten in der Florastraße in Pankow war eine Gasleitung beschädigt worden. Ein Bagger hatte mit der Schaufel die Abdeckung eines Bohrlochverschlusses am Kunststoffrohr mit einem Durchmesser von 22,5 Zentimetern abgerissen. Der S-Bahn-Verkehr war zwischen Blankenburg und Bornholmer Straße unterbrochen.
15.12.2011 Stromausfall
Durch Kontrollarbeiten nach Stromausfall entstand ein riesiges S-Bahn Chaos. Alle Zügen standen still. Auch Regional- und Fernverkehr waren betroffen und Tausende mussten auf freier Strecke aussteigen.
18.12.2011 Genug Züge gibt es - nun fehlen die Fahrer
Es waren mehr als 90 Fahrer krank, ein Zehntel des Fahrpersonals. "Wir haben keine Reserven mehr. Die Schmerzgrenze ist erreicht", sagte ein S-Bahn-Sprecher. Von einem "kalten Streik" vieler Fahrerinnen und Fahrer wollte man bei der S-Bahn aber nicht sprechen. Das sehen Beobachter anders. "Die haben echt die Schnauze voll", sagte ein Beobachter.
19.12.2011 Fast das komplette System ausgefallen
Am 19.11 kam fast alles zusammen. Auf der Linie S5 kam der Zugbetrieb fast ganz zum Erliegen. Auf den Linien S7 und S75 gab es viele Verspätungen. "Hier am Ostkreuz ist seit fast 20 Minuten keine S-Bahn ins Zentrum gefahren", berichtete der Fahrgast Hanjo Schulze gegen 8 Uhr. "Der Bahnsteig ist schon gut gefüllt - und jetzt kommt auf dem anderen Gleis noch ein voller Zug der S3 aus Erkner an."
Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB begrüßte Wowereits Ankündigung. „Erfahrungen aus dem Regionalverkehr zeigen, dass Ausschreibungen Qualitätsstandards erhöhen. Fahrgäste profitieren vom Wettbewerb.“ Er warnte aber vor zu hohen Erwartungen: „Das Schienennetz und die anderen Anlagen bleiben auf jeden Fall bei der DB.“ Dass sie Quelle von großen Problemen sein können, wurde zuletzt am 15. Dezember deutlich, als ein Stromausfall bei DB Netz die S-Bahn lahmlegte.
„Der Senatsplan ist ein Schritt in die richtige Richtung“, lobte Recker. „Doch er reicht nicht aus. Der Senat muss nun sagen, wann er den übrigen Betrieb ausschreibt.“
Der S-Bahn-Tisch, der sich „gegen Privatisierung und Ausplünderung“ wendet, lehnt schon die Teilausschreibung ab. Konkurrenzdruck führe nur zu neuen Einsparungen und schlechterem Service. „Die wahre Absicht des Senats, die Zerschlagung der S-Bahn, wird nun deutlich“, sagte Sprecher Rouzbeh Taheri. „Dies wird unserem Volksbegehren ’Rettet unserer S-Bahn’ Auftrieb geben.“
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